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Datenschutz in Bibliotheken : Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit

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Unter tatkräftiger Mithilfe des Onkels aus Amerika

Man muss darüber aber verschärft nachdenken, auch im Bereich der Naturwissenschaften. Das Screening und die Auswertung von Leserprofilen sind dort mitnichten harmloser als im Bereich der Geisteswissenschaften. Was aus dieser Situation folgt, sollte sich von allein verstehen. Die Bibliotheken müssen, erstens, ihr Selbstverständnis als dezentrale Kultureinrichtungen, als Bollwerke europäischer Bildung, wiedergewinnen und pflegen und dem – nicht zuletzt aus dem politischen Bereich kommenden – Druck zur Zentralisierung und technischen Erleichterung von Personendatenabgriffen widerstehen. Man muss nicht jedes Feature in seinen Webkatalog integrieren, bloß weil der Hausprogrammierer das schon immer einmal ausprobieren wollte.

Die Bibliotheken müssen, zweitens, ein Bewusstsein von der Labilität der digitalen Infrastruktur entwickeln und auf analoge „backups“ (wenn sie sich das derzeit schon nicht anders als so vorstellen können) für den Notfall (die aufmerksame, unbeobachtete Lektüre) zurückgreifen können. Mit ihnen erst bilden sie zudem mittel- und langfristig Eigentum und hängen nicht am Tropf der Institutionen, die ihnen, ausnahmsweise (Nationallizenzen) die exorbitanten Lizenzgebühren zahlen. Denn dass „digital“ nicht billiger für eine Bibliothek ist, sollte sich selbst in die letzten Hochburgen der eben durch die NSA und die GCHQ ihrer Naherwartung beraubten Erweckungsbewegung herumgesprochen haben. Wie bei der Berechnung der Kosten für Atomkraftwerke kam bislang ja immer nur die Jungfernfahrt (und nie die Wartung und die Folgekosten) in den Rechenansatz. Anders als dort muss sich die Vorstellung eines GAU im Bibliotheksbereich aber erst noch bilden. Aber da helfen uns schon, wie eben zu beobachten, die Onkels aus Amerika.

Der „digitale Bohème“ ist längst nicht mehr cool

Und schließlich, drittens: Die Kooperation mit internationalen IT-Konzernen, die ein Monopol anstreben und zugleich personenbezogene Daten vermarkten, muss auf das absolute Minimum heruntergefahren werden (das ist im Grunde das Konzept Gandhis gegenüber der britischen Kolonialverwaltung). Es gibt zu allem scheinbar Unverzichtbarem eine Alternative. Von der Verlinkung auf GoogleBooks, auf GoogleScholar, SciFinder (diese Systeme sind datenschutzrechtlich ein Abgrund und gefährlich), auf Facebook, über die App für das iOS (ein Betriebssystem, das direkt auf Kompromittierung von Nutzerdaten hin programmiert worden zu sein scheint), der Bevorzugung von Dienst-Computern mit Windows-Software an deutschen Universitäten bis hin zur GPS-Ortung in Bibliotheken: All das muss auf den Prüfstand.

Dass die Dinge in Bewegung kommen, beweist die Reaktion der Heidelberger Universitätsbibliothek auf die aktuelle Bedrohungslage. Noch im Februar dieses Jahres hatte ich mir einen Screenshot der Cookies gemacht, die bei einer normalen Rechercheanfrage gesetzt wurden. Das waren eine ganze Menge, und die üblichen Verdächtigen schienen auf. Jetzt findet sich dort neben den bibliothekseigenen nur noch ein Google-Cookie und der eines „startups“ (und auch diesen Vertrag erwägt die Bibliothek zu kündigen). Wenn jetzt noch die irreführenden Amazon-Coverbildchen mit ihrer Verlinkung ins Luxemburger Steuernirvana verschwänden, würde aus dem mittleren Schritt ein großer Sprung. Will man wirklich aus Trotz weiterhin dem Amazon Student Service zuarbeiten und sich mit jener Firma gemein machen, die die aufschlussreichsten und damit gefährlichsten Leseprofile bunkert?

Am Phantasma einer selbsternannten „digitalen Bohème“ teilzuhaben, mag einmal cool gewesen sein. Jetzt weht aus dieser Richtung ein tatsächlich sehr kalter, grauer Siliziumwind, und die Luft in der Wolke riecht nach Vorladung.

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