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Datenschutz in Bibliotheken : Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit

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Bildungseinrichtungen suchen den Schulterschluss

Wer also bei einer Recherche nacheinander zwanzig Bücher sucht, hinterlässt innerhalb dieser Katalogsitzung eine genaue Spur seiner Suche. Den Benutzern hat man das, weil sie auf diese Suchgeschichte zurückgreifen können, als großen Fortschritt vorgegaukelt (und zugleich unterstellt, sie wären unfähig, ihren Browsercache selbsttätig zu benutzen). Man hat ihnen aber verschwiegen, wie zielgenau sie sich in den dahinterliegenden Datenbanken verewigen könnten. Und das sind eben nicht nur solche, über die Bibliotheken die Souveränität des Waltens haben. Die Gefahr des Abgriffs der Suchanfragen durch Drittanbieter ist völlig unter die Aufmerksamkeitsschwelle geraten, Beschwichtigungen der Bibliotheken, man habe das alles unter Kontrolle, wirken, bei gesetzten privaten Cookies auf öffentlichen Servern, nicht sehr beruhigend. Suchmasken in öffentlichen Bibliotheken, die einen Benutzer dazu zwingen, einen Cookie zu setzen, wenn er den Katalog benutzen will, sind das Einfallstor für die Bildung von Rechercheprofilen. Die Datenschutzbeauftragten sollten sich endlich dafür starkmachen, solche Erzwingungen in Bildungseinrichtungen zu unterbinden.

Umso abstoßender erscheinen die Schulterschlüsse von Bildungseinrichtungen mit einem Unternehmen wie Google, das systematisch geltendes deutsches und internationales Recht gebrochen hat und hochpersonalisierte Daten von Benutzern amerikanischen und britischen Regierungsstellen preisgibt. Die Kooperation einer Institution wie der Humboldt-Universität mit dieser Firma wird, wenn unsere Gehirne in zwanzig Jahren nicht vollständig gewaschen sind, als herausragendes Beispiel peinlicher Anbiederung in die Annalen eingehen.

Google erhält Metadaten frei Haus

Jeder weiß, dass es bei der Gründung des der HU angegliederten Google-Instituts primär um Lobbyarbeit von Google im Umkreis des Berliner Parlaments ging und nicht um ein Carepaket der Onkels von der Westküste für die notleidende Studentenschaft. Und trotzdem hat man das abgenickt (und Gesine Schwan sitzt am Ende im Kontrollausschuss). Und selbstredend regnet es bei der Katalogrecherche dieser Universitätsbibliothek Cookies, von Google, sozialen Netzwerken et cetera – immer mit dieser segensreichen amerikanischen Juristenerfindung eines opt-out gekoppelt (das heißt man ist immer schon „verhaftet“, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht). So hat man das damals schon mit den Indianern gemacht. Ebenso ist das alles, was wunder, mit dem Datenschutzbeauftragten der Humboldt-Universität abgestimmt. Es wäre zu wünschen, dass sich auch der des Landes Berlin der Sache annähme.

Bis in welche Bereiche eines gefährlich-blauäugigen Konformismus Bibliothekspolitiken sich erstrecken, zeigt die 2012 getroffene Entscheidung der Arbeitsgemeinschaft der Verbundssysteme, in der alle Bibliothekszusammenschlüsse des deutschsprachigen Raums vertreten sind, der Firma Google bis zu 50 Millionen Katalogdatensätze (sehr teure, in ihrer Erstellung vom deutschen Steuerzahler bezahlte Metadaten) zur Verfügung zu stellen – und zudem jeden Tag bereitwillig die jeweils frisch aufgenommenen Daten der Neuerscheinungen einzuspeisen. Kostenlos!

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