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Datenschutz in Bibliotheken : Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit

  • -Aktualisiert am

Pflichtlektüre für Bibliothekare

Unter den Bedingungen der Netztotalüberwachung, mit der wir heute konfrontiert sind, wird für Untersuchungszwecke von Personenprofilen freilich nicht der Verleger oder der Buchhändler, sondern der Bibliothekar zu einer Zentralfigur. Er hat Zugang zu klassifizierbaren personenbezogenen Informationen. Susan N. Herman, wie Obama Spezialist für Verfassungsrecht und seit 2008 Vorsitzende der American Civil Liberties Union, hat in ihrem 2011 bei der Oxford University Press erschienenen Buch „Taking Liberties. The War on Terror and the Erosion of American Democracy“ in zwei langen Kapiteln das Schicksal eines amerikanischen Bibliotheksangestellten geschildert, der durch einen sogenannten National Security Letter aufgefordert wurde, die Leihvorgänge, die über eine bestimmte IP-Adresse an einem bestimmten Tag getätigt wurden, mitzuteilen. Diese Letters knebeln die Empfänger, die bei Androhung eines hohen Strafmaßes weder ihre Vorgesetzten noch einen Rechtsanwalt ins Vertrauen ziehen dürfen.

Der Bibliotheksangehörige, Leiter der Library Connection of Connecticut, war indes noch mit einem weiteren Dilemma konfrontiert: Da die IP keiner Person, sondern einem Router zuzuordnen war, in den man sich von irgendeiner der 26 Bibliotheken im Verbund um Hartford, Connecticut, einwählen konnte, implizierte der Brief des FBI die Preisgabe der Katalogvorgänge von 288000 Personen an dem besagten Tag. Die ausführliche Schilderung, wie der Bibliotheksangestellte sich tapfer gegen die Drohungen der Exekutive zur Wehr setzte, gehört zu den Glanzlichtern von Hermans Buch und ist ein herausragendes Dokument von Zivilcourage. Seine Lektüre sei jedem Demokraten ans Herz gelegt. Für Bibliothekare aber sollte das Pflichtlektüre sein.

Peinliche Anpassungsgesten

Warum die geforderten Daten brisant sind, liegt auf der Hand. Überlappende Lektüre von Hegel, Marx, Engels, Bakunin, Lenin ergo Kommunist und (wenn die politischen Verhältnisse danach sind) Zugriff; überlappende Lektüre von Carl Schmitt, Urteilen Freislers, Pamphleten irgendwelcher Rassentheoretiker, Hitler-Biographien ergo Nazi und (wenn die politischen Verhältnisse danach sind) Zugriff. Die algorithmische Auswertung von Leseverhalten in den Händen einer über die Stränge schlagenden Exekutive ist der Alptraum einer demokratischen Gesellschaft.

Eben deshalb ist der im vergangenen Jahrzehnt zu beobachtende Opportunismus der großen Bibliotheken gegenüber der IT-Branche nicht nur fahrlässig, sondern gefährlich. Es ist, als habe die Aussicht, sich in einen multinationalen (und vom Silicon Valley dominierten) Serververband transformieren zu können, jede Urteilskraft pulverisiert. Skandalös ist vor allem die vertraglich geregelte Zusammenarbeit mit Google, Amazon, Facebook, Apple und dergleichen Korporationen mit kolonialistischem Anspruch. Hier haben sich die deutschen Bibliotheken (und darunter nicht nur die Bayerische, deren Vertrag mit Google immer noch unter Verschluss gehalten wird) Anpassungsgesten geleistet, die jedem Urteilsvermögen spotten. Das ist deshalb besonders gefährlich, weil viele Bibliotheken zugleich über die Implementierung von sogenannten History-Funktionen (für wie lange, weiß keiner so recht) Recherchevorgänge speichern, die dann, wenn man einmal ein Buch ausgeliehen hat, eindeutig einer konkreten Person zuzuordnen sind.

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