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Das Geburtshaus der Julia Mann : Brasilianische Hitze, Lübecker Träume

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Das Geburtshaus von Julia Mann im brasilianischen Paraty Bild: picture-alliance / ZB

Am Strand der brasilianischen Costa Verde verfällt ein kleines Haus. In ihm hat die Mutter von Thomas und Heinrich Mann ihre Kindheit verbracht. Die Sehnsucht nach dem Süden gab sie den Söhnen mit.

          Wo sind wir hier? Was ist das für ein Strand? Ein Schild, das den Zutritt zu dem Gebäude verbietet. Ein Haus, das langsam verfällt. Im hinteren Gebäudeteil ist die Dachkonstruktion schon eingestürzt, hängt noch halb schwebend in der Luft. Ein Balkon geht um das ganze Haus herum, die Bohlen sind löchrig und morsch. Es scheint, dass jeder nächste Tritt ins Bodenlose gehen kann. Die blaue Farbe blättert von den Holzpfosten. Der Blick von hier hinab aufs Meer ist atemberaubend. Einige kleine Segelboote schaukeln fest vertäut auf dem Wasser, hinten liegen grüne Hügel im Meer.

          Hier ist Julia da Silva-Bruhns, die im August 1851 auf die Welt kam, aufgewachsen, „unter Affen und Papageien“, wie sie später geschrieben hat. Hier, an diesem Strand, hat sie gespielt, von diesem Balkon hat sie in die Welt geschaut, in diese grüne, warme Meereswelt, südlich des Äquators, in Paraty, 250 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, die Costa Verde hinunter. Ihr Vater war Kaufmann, mit neunzehn war er aus Lübeck nach Brasilien emigriert, um hier sein Glück zu machen und viel Geld. Beides gelang ihm schnell, er handelte mit Kaffee und Zucker, erwarb im ganzen Land Besitztümer, heiratete 1847 die Pflanzertochter Dona Maria Luiza da Silva und ließ sich mit seiner langsam wachsenden Familie hier, am Strand von Paraty, nieder.

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          Als Julia acht Jahre alt war, starb ihre Mutter, im Alter von 28 Jahren, bei der Geburt ihres sechsten Kindes. Der Vater beschloss, mit seinen Kindern nach Deutschland zurückzukehren. Aber was heißt zurück? Die Kinder sprachen nur Portugiesisch, sie kannten nur ihr Paradies am Strand, ewigen Sommer, die Palmen, das schwarze Kindermädchen, die Sklaven, den Reichtum, den ganzen, großen Süden hier. Was das für die Kinder, für die achtjährige Julia damals bedeutet haben muss, plötzlich ins kalte Lübeck verschifft zu werden und sich nach dem Tod der Mutter nun in diesem neuen Land mit dieser neuen Sprache wiederzufinden, kann man sich nicht vorstellen. Der Vater gab die Mädchen in ein Pensionat, heiratete abermals und kehrte mit der neuen Frau nach Brasilien zurück. Die Kinder ließ er in Lübeck zurück. Julia lernte verblüffend schnell Plattdeutsch, Hochdeutsch, Englisch und Französisch, und mit achtzehn Jahren heiratete sie den Lübecker Senator Johann Thomas Heinrich Mann und bekam vier Kinder, Carla und Julia und Heinrich und Thomas. Der Abstieg der Lübecker Kaufmanns-Dynastie Mann war schon bald vollendet. Und die Literaturgeschichte dieser Familie, die ein ganzes Jahrhundert deutscher Kultur prägen sollte, begann.

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          Hier, an diesem Strand von Paraty, der Heimat der Mutter von Heinrich und Thomas Mann, der Großmutter von Klaus und Erika und Elisabeth, ist einer der Ursprungsorte dieser erstaunlichen Familie. Wie oft haben Heinrich und Thomas diesen Süden als Teil ihres inneren Abenteurertums beschrieben, Heinrich Mann vor allem den Süden als Sehnsuchtsort immer wieder. Und wir kennen ja vor allem die Mutterbilder aus den Buddenbrooks, die träumerische Gerda, die ihren Mann nicht lieben kann, aber die Musik. Die Frau von Tonio Kröger, das Zirkusleben im grünen Wagen. Die dunklen Augen, das Flatterhafte, die Versuchung, die ganze Sehnsucht Hans Castorps nach dem Nichtstun auf dem Zauberberg, das liederliche Leben, der Strandspaziergang im Schnee, die Sehnsucht nach dem Tode, das Sich-gehen-Lassen. Der Strand.

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