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Reich-Ranicki-Symposion : Neugier auf Widerspruch führt uns zusammen

Die Regierung verbot, ihren Roman „Wir sehen uns am Meer“ im Schulunterricht zu verwenden: Die israelische Autorin Dorit Rabinyan. Bild: Frank Röth

Von Streitkultur in Deutschland, Israel und der Literatur: Das erste Marcel-Reich-Ranicki-Symposion in Frankfurt bringt Schriftsteller und Redakteure miteinander ins Gespräch. Ganz im Geist des großen Kritikers.

          Nach dem ersten Marcel-Reich-Ranicki-Symposion, das am Freitag in Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt ausgerichtet wurde, sagte sein Sohn Andrew Ranicki, der Vater habe sich zu Lebzeiten jede besondere Ehrung nach dem Tod verbeten – „nur falls die Zeitung etwas machen sollte, das sähe ich gern“, habe er gesagt. „Die Zeitung“, das war für Reich-Ranicki jenes Blatt, dessen Literaturredaktion er geleitet, für das er die „Frankfurter Anthologie“ erfunden und bis zum Tod 2013 persönlich weitergeführt hatte: die F.A.Z. Und so hat sie, ohne um diesen Wunsch ihres legendären Mitarbeiters gewusst zu haben, seinem Willen entsprochen, als sie den Vorschlag der Tel-Aviv-Universität aufnahm, gemeinsam ein Reich-Ranicki-Symposion auszurichten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Anlass dazu bot der zehnte Jahrestag der Einrichtung des nach Reich-Ranicki benannten Lehrstuhls für deutsche Literatur an der Universität – die deutsche Sprache, so erläuterte der in Tel Aviv lehrende Joachim Warmbold, sei wieder sehr beliebt unter israelischen Studenten. Das Thema des Symposions war „Streitkultur“; für die Lust daran und das hohe Niveau dabei steht Reich-Ranicki noch heute wie wohl kein Zweiter in Deutschland. Dabei habe der Begriff „Streitkultur“ gar nicht zu dessen Vokabular gezählt, sagte der Literaturwissenschaftler Thomas Anz, der mit der Erschließung des Nachlasses von Reich-Ranicki beschäftigt ist und Einblicke in dessen Korrespondenzen mit Schriftstellern wie Heinrich Böll oder Günter Grass gewährte. Beiden stand der Kritiker keineswegs unkritisch gegenüber.

          Nahm die Zuhörer mit auf eine Orientierungsreise durch die deutsche Literaturgeschichte: Galili Shahar, Inhaber des Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhls an der Universität von Tel Aviv.
          Nahm die Zuhörer mit auf eine Orientierungsreise durch die deutsche Literaturgeschichte: Galili Shahar, Inhaber des Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhls an der Universität von Tel Aviv. : Bild: Frank Röth

          Galili Shahar, als Literaturwissenschaftler Inhaber des Reich-Ranicki-Lehrstuhls, nahm die Zuhörer auf eine faszinierende Orientierungsreise durch die deutsche Literaturgeschichte mit – anders betont als üblich, wies bei ihm doch „Orientierung“ auf den Orient hin: als deutsches Faszinosum seit Kant, Herder und Goethe, so dass der Weg für Juden in die deutsche Literatur mit der Erfahrung des Ostens und damit einer Rückkehr zu sich selbst verbunden gewesen sei. Wo Celan in der „gebrochenen Sprache der Lyrik“ ein Spiegelbild eigener Lebenserfahrung gefunden hatte, entdeckte Shahar in Reich-Ranickis Lob für den „Weg der kleinen Schritte“ in der deutschen Nachkriegsliteratur ein Äquivalent. Lorenz Jäger wiederum, ehemaliger Redakteur für Geisteswissenschaften dieser Zeitung, betonte die vom frühen Georg Lukács übernommene ethische Prägung der Wertungen Reich-Ranickis.

          Ulla Hahn erinnerte allerdings auch an die Verletzungen, die Reich-Ranickis Kritiken zufügen konnten: etwa, als er 2001 Hahns Roman „Das verborgene Wort“ im „Literarischen Quartett“ harsch aburteilte, nachdem er das Buch zuvor gegenüber der Autorin selbst noch gelobt hatte. Die Neugier auf Widerspruch, die ihm drei seiner Nachfolger, die Literaturkritiker Felicitas von Lovenberg, Hubert Spiegel und Volker Weidermann, unisono bescheinigten, mag dabei eine Rolle gespielt haben.

          Im Streitgespräch: Andreas Platthaus, Leiter der Literaturredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Dorit Rabinyan und der Autor Reinhard Renger (von links).
          Im Streitgespräch: Andreas Platthaus, Leiter der Literaturredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Dorit Rabinyan und der Autor Reinhard Renger (von links). : Bild: Frank Röth

          Die Schriftstellerin Deborah Feldman und ihr Kollege Ron Segal, beide als Juden seit Jahren in Berlin lebend, sprachen über ihre Erkenntnisse daraus für den Umgang mit dem „Dritten Reich“. Feldman stellte sich in jene jüdische Tradition, die an eine bessere Gesellschaft glaube – im Gegensatz zu der, die sich selbst nur über ein Feindbild definiere und in die sie als Chassidin selbst hineingeboren worden sei. Segal lehnte die Zuweisung von Schuld an jüngere Deutsche rigoros ab; worum es gehen müsse, sei, die Notwendigkeit von Verantwortung, dass sich so etwas wie die Schoa nie wiederholen könne, deutlich zu machen, also eine aktive statt einer passiven Rolle einzunehmen.

          Die in Tel Aviv lebende Schriftstellerin Dorit Rabinyan hatte zuvor vom Verbot der israelischen Regierung berichtet, ihren Roman „Wir sehen uns am Meer“, eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser, im Schulunterricht zu benutzen. Trotzdem hielt Rabinyan ein flammendes Plädoyer für Israel als einziges Land, in dem sie leben wolle – unbeugsam und streitfreudig ganz im Sinne Reich-Ranickis. Dessen Sohn Andrew zog nach der Tagung das Resümee: „Der Tag hätte Marcel gefallen.“

          Quelle: F.A.Z.

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