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Das Buch als Kulturgut : Eine starke Waffe für die Demokratie

  • -Aktualisiert am

Chilenisches Kunstprojekt: Bücher liegen auf dem Waffenplatz in Santiago Bild: Picture-Alliance

In Zeiten der Bilderflut: Warum wir alles daransetzen müssen, das Buch zu stärken. Ein Gastbeitrag.

          Das Buch ist ein sich wandelndes physisches Objekt – von Steintafeln, Schriftrollen über den ersten Kodex, das gedruckte und noch später das industrielle Buch bis hin zum E-Book. Es ist im Kern eine grundlegende Kultur- und Kommunikationstechnik, eine ungeheure prometheische Leistung, ein grandioses Konzept. Ohne Zweifel haben wenige Innovationen die Geschichte und die Welt derartig geprägt und beschleunigt wie das Buch.

          In jeder seiner Epochen kamen zu seiner grundsätzlichen Leistung – abstrakt: der Aufzeichnung, Bewahrung und Weitergabe von Wissen und Erfahrung – je besondere Aspekte hinzu: religiöse, gesellschaftliche, politische, propagandistische, aufklärerische, revolutionäre. Um seine gegenwärtige und zukünftige Bedeutung behaupten und mächtigen Tendenzen gegen das Buch begegnen zu können, reicht der Verweis auf die glorreichen Leistungen in der Vergangenheit jedoch nicht aus. Im Gegenteil: Wenn man nicht exakt zu bestimmen vermag, worin die Bedeutung von etwas besteht, das man bewahren will, sondern bloß formelhaft seine Unentbehrlichkeit beschwört, erweist man der Sache einen Bärendienst und wird tragischerweise mit zu ihrem Untergang beitragen.

          Das Buch ist entstanden und kann vergehen: viele einst mächtige Kulturformen sind vergangen. Das Buch – seine besondere heutige – Funktion darf es nicht. Wir brauchen es mehr denn je. Denn wir haben an verschiedensten Fronten Auseinandersetzungen zu führen – für Menschenrechte, für unsere humanistischen, aufklärerischen, liberalen, demokratischen Ideen und Werte, für die Intaktheit unseres Planeten. Das Buch vermag einer hyperkomplexen Realität zu genügen. Das schafft kein Tweet. Denn alle diese Schrumpfformen sind unfähig, unserer Gegenwart adäquat zu begegnen.

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          In diesem Kampf ist das Buch eine starke Waffe. Sein Umfang ist kein Selbstzweck, sondern ein unentbehrliches Potential. Das Buch ermöglicht die eingehende Auseinandersetzung. Es erlaubt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Eine notwendige Bedingung, wenn es um Komplexes und Kompliziertes geht. Es gestattet, Zusammenhänge herzustellen. In Ruhe und mit Zeit. Im besten Falle ermöglicht es, aus Informationen Wissen – und Bewusstsein – werden zu lassen. Ein Prozess, den wir dringend benötigen, weil Lesen in der explodierenden Bilderflut zum „Überfliegen“ verkommt.

          Keine diskursive Erörterung eines Phänomens kann ersetzen, was die Lektüre eines Buches auslöst. Die Hirnforschung hat nachgewiesen, wie sehr unsere Einbildungskraft und unsere Affekte davon berührt werden, wie sehr der Verkümmerung emotionaler und sprachlicher Kräfte entgegengewirkt wird. Beim Lesen verschmilzt der Text des Buches mit der eigenen Erfahrungswelt. Ganz eigene Bilder entstehen in permanenter Produktion durch das Gelesene, in Interaktion mit dem Gelesenen. Ein fruchtbarer Prozess, der die Entwicklung und Individuation fördert, in einer Zeit des narzisstischen Schein-Individualismus. Von der schöpferischen Kraft des Menschen hängt die Fertigkeit ab, sich die Welt anders vorstellen zu können, als sie es ist. Bücherlesen trainiert die Phantasie wie kaum etwas anderes.

          In den Jahren 2010 bis 2017 ging die Zahl der Buchkäufer in Deutschland drastisch zurück, um sieben Millionen. Am schwersten wiegen Gründe wie grundlegende gesellschaftliche, kulturelle, technische und technologische Veränderungen, die es dem Buch schwermachen. Manche Funktionen scheinen dem Buch mehr und mehr verlorenzugehen, die der Unterhaltung etwa – die mediale Konkurrenz wie Netflix trägt das Ihre zu dieser Entwicklung bei.

          Deshalb geht es jetzt darum, das Buch unbedingt jedem zugänglich zu machen. Dass Lesefähigkeit und Zugang zu Büchern in unserem reichen Land derart an die materiellen Verhältnisse des Elternhauses gebunden sind, ist nicht hinnehmbar. Auch nicht in Hinblick auf die Stabilität und Vitalität des Demokratischen. Es geht also um etwas, wenn wir das Buch verteidigen. Um grundlegende Werte, Ideen und um unsere kulturelle, gesellschaftliche Essenz. Aber: Die fabelhaft helle Kulturkraft des Buches lässt sich nicht einfach verordnen. Deshalb müssen wir – die Gesellschaft, die Politik, Bildung und Kultur, wir alle – alles tun, um das Buch, und alles, was dazugehört, stärken: Autoren, Übersetzer, den Buchhandel, die öffentlichen Bibliotheken, die Schulen und die Verlage. Gerade letztere stehen in einer enormen Verantwortung, diese Aufgabe anzunehmen.

          Jörg Bong, Jahrgang 1966, ist verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage in Frankfurt am Main.

          Quelle: F.A.Z.

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