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Daniel Kehlmanns Antrittsvorlesung : So fröhlich, dass einem bange wird

Daniel Kehlmann bei seiner Antrittsvorlesung in Frankfurt Bild: Frank Röth

Daniel Kehlmann, der meistübersetzte deutsche Gegenwartsautor, lädt zu einer gespenstischen Poetikdozentur: Was hatte Ingeborg Bachmann mit Peter Alexander zu schaffen?

          Die Frankfurter Poetikdozenten haben sich zuletzt einiges einfallen lassen, um den akademischen Vortrag etwas aufzumischen. Sie schickten Doppelgänger vor, wie der Leipziger Schriftsteller Michael Lentz, spielten ihre Lieblingssongs wie Thomas Meinecke oder lasen aus E-Mails mit dem Verleger vor wie Juli Zeh. Auf Budenzauber hat das Schauspielerkind Daniel Kehlmann bei seiner Antrittsvorlesung vor mehr als tausend Zuhörern in der Goethe-Universität jetzt gänzlich verzichtet. Der Autor von „Ich und Kaminski“, „Die Vermessung der Welt“ und zuletzt „F“, inzwischen der meist übersetzte Gegenwartsautor deutscher Sprache, tritt nüchtern ans Rednerpult, grüßt knapp und legt sofort los.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nach gut anderthalb Stunden hat der Neununddreißigjährige mit einem klugen, konzentrierten und perfekt durchkomponierten Vortrag überzeugt. Denn was unter dem Titel „Kommt, Geister“ als assoziatives Spiel um Ingeborg Bachmann, Peter Alexander und Fritz Bauer beginnt, weitet sich bald zur subtil gewirkten Selbstauskunft eines Schriftstellers, dem seine Sache ernst ist. Kehlmann führt seine Zuhörer nicht nur durch die illustre Galerie der von ihm verehrten Geister, Vladimir Nabokov, Jorge Luis Borges, W.G. Sebald, Shakespeare und Georg Kreisler. Er umreißt zugleich seine dichterische Phantasiegeographie, und der Autor gewährt uns einen erstaunlichen Einblick in einen bislang so nicht zur Sprache gekommenenjenen politisch-soziokulturellen Subtext, der sein Œuvre grundiert. Die Geschichte, die er erzählt, geht uns gleichwohl alle an. Sie führt ins Jahr 1959.

          Zusammenführen, was noch niemand zusammengeführt hat

          Damals kam die dreiunddreißigjährige Schriftstellerin Ingeborg Bachmann nach Frankfurt, um die soeben ins Leben gerufene Poetikdozentur anzutreten. In diesem Jahr befindet sich außerdem der Schlager singende Schauspieler Peter Alexander, ebenfalls Österreicher und nur fünf Tage jünger als Bachmann, mit Filmklamotten wie „Peter schießt den Vogel ab“ auf der Höhe seines Erfolgs. Und 1959 ist auch das Jahr, in dem der jüdische Richter und Staatsanwalt Fritz Bauer beim Bundesgerichtshof erreicht, dass den Tätern von Auschwitz in Frankfurt der Prozess gemacht wird.

          Alle drei sind heute hinlänglich bekannt, ihr jeweiliges Wirken vielfach beschrieben und erforscht worden. Kehlmann führt indes zusammen, was vor ihm noch niemand zusammengeführt hat. Die Bachmann-Texte, neben ihrer Frankfurter Rede über „Probleme zeitgenössischer Dichtung“ noch die Erzählung „Unter Mördern und Irren“, mit der Peter-Alexander-Lustigkeit engzuführen, das ergibt ein furios gespenstisches Szenario. Dem Sohn des Filmregisseurs Michael Kehlmann beschert es noch heute Migräne, mitanzusehen, wie das Verdrängen „als aktiver Vorgang“ in diese Filme eingegangen ist. Damals, da Peter Alexander mit seinen Witzchen buchstäblich den Vogel abschießt, hat die Bundesrepublik noch immer keines der Nürnberger Urteile anerkannt, und das Rote Kreuz gibt ein Heft heraus, in der auch untergetauchte NS-Funktionäre nachlesen können, ob sie gesucht werden. Kehlmann zitiert Fritz Bauer, der damals beschrieb, wie er sich in diesem Peter-Alexander-Land fühlte: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“.

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