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Comicausstellungen Oldenburg : Ein deutsches Tier im deutschen Wald

In gleich drei Oldenburger Museen sind Comic-Ausstellungen zu sehen. Während eine das Thema verfehlt, fehlt es der zweiten an Material. Die dritte überzeugt – und hält Überraschungen bereit.

          Die erste weithin beachtete Comic-Ausstellung eines deutschen Museums fand vor neunzehn Jahren in Düsseldorf statt und hieß „Mutanten“. Ihr Thema war die deutschsprachige Comic-Avantgarde der Neunziger, und dass damals gut ausgewählt wurde, zeigt sich daran, dass die meisten der dort gezeigten dreizehn Zeichner heute noch aktiv und erfolgreich sind. Knapp die Hälfte hat mittlerweile Lehrstühle inne; dort werden die Comic-Avantgardisten unserer Zeit ausgebildet. Ihnen gilt nun eine Ausstellung, die auch dreizehn Protagonisten hat. Nur ist von Avantgarde keine Rede mehr, sondern die heute öffnende Schau im Oldenburger Horst-Janssen-Museum trägt den Titel „Aktuelle deutsche Graphic Novels“. Der rein kommerziell motivierte Begriff hat also die kunstwissenschaftliche Klassifizierung ersetzt. Aber man kann es auch positiv sehen: Comics haben keine adelnden Anleihen aus anderen Bereichen mehr nötig. Wer „Graphic Novel“ hört, weiß im Regelfall, wovon die Rede ist: eben nur von Comics.

          Assoziatives Video-Getue

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wobei das ein paar hundert Meter weiter in Oldenburg dann doch nicht der Fall ist. Dort hat das Edith-Ruß-Haus für Medienkunst parallel zum Janssen-Museum die Ausstellung „Unwanted Stories“ eröffnet, in der es zeitgenössische Kunst zeigt, „die von Graphic Novels ausgeht“ – so der Anspruch. Das aber ist Nonsens, denn nur eines der hier präsentierten Werke hat unmittelbar etwas mit Comics zu tun: „The Solar Grid“ des ägyptischen Aktivistenkünstlers Ganzeer beruht auf einer neunteiligen gezeichneten Dystopie aus seiner Feder; die ersten drei Hefte liegen neben den Bildschirmen mit allerlei assoziativem Video-Getue aus.

          David OReillys Filme und Spiele nutzen dagegen Comic-Motive nur vereinzelt und beiläufig (Micky Maus im Altersheim), Amir Yatzivs dreiviertelstündige virtuose Assemblage von Auschwitz-Rekonstruktionen bietet reine Animation, wie auch Wojciech Bakowskis Kurzfilme – wieder einmal das alte Missverständnis, dass Trickfilm und Comic identisch wären. Victoria Lomaskos Russland-Reportagen schließlich sind zwar Bildergeschichten, aber keine Comics – Text und Bild gehen graphisch keine Einheit ein.

          Szene aus Isabel Kreitz’ Comic „Die Sache mit Sorge“.

          Interessant ist diese Ausstellung trotzdem, doch dem Oldenburger Oberthema „Die neunte Kunst“ (ein auch schon fünfzig Jahre alter Euphemismus für Comics) wird sie nicht gerecht. Aber da gibt es ja auch noch das Stadtmuseum mit „Die Geschichte des Comics“. Hier sollen, von Rodolphe Töpffer bis Manga, auf knappem und trotzdem eher locker gefülltem Raum zweihundert Jahre dokumentiert werden: mit sechs Hokusai-Holzschnitten als Kern des winzigen Manga-Teils und ungebührlich viel Deutschem beim Rest; denn da kam man wenigstens an Objekte. Ohne die tatkräftige Hilfe eines Oldenburger Sammlers wären aber auch die raren deutschen Erstausgaben nicht vertreten, und ein paar Zeichnungen des in den fünfziger Jahren verschrienen, seit den achtziger Jahren jedoch nostalgisch verehrten Zeichners Hansrudi Wäscher hat er auch beigesteuert. Ansonsten ist die Schau konzeptuell recht einfallsreich, aber materiell ärmlich. Sie muss kostenbedingt weitgehend ohne Originale auskommen.

          Eines hängt dann aber doch noch am Ausgang: die erste Seite einer „Spirit“-Geschichte von Will Eisner aus dem Jahr 1948, und wenn man durch den anschließenden Gang ins direkt benachbarte Horst-Janssen-Museum kommt, wartet dort eine weitere Eisner-Seite, aus seinem legendären Buch „A Contract with God“ von 1978, mit dem der Begriff der „Graphic Novel“ erst in die Welt kam. Jetzt wird klar, warum auch unter all der Konzeptkunst im Edith-Ruß-Haus einsam eine Eisner-Seite hängt: aus „To the Heart of the Storm“ von 1991, dem wichtigsten autobiographischen Comic des 2005 gestorbenen Amerikaners. Diese Verklammerung der Ausstellungen von „Die neunte Kunst“ ist genial, denn Eisner begleitete nicht nur siebzig Jahre Comicgeschichte, er prägte sie. Zeichner wie etwa Reinhard Kleist sind ohne ihn nicht zu denken.

          Kleist ist natürlich Teil jener deutschen Künstler, die jeweils mit zahlreichen Originalseiten im Janssen-Museum zu sehen sind. Neben ihm sind das Max Baitinger, Anna Haifisch, Jakob Hinrichs, Lukas Jüliger, Isabel Kreitz, Olivier Kugler, Ulli Lust, Felix Pestemer, Simon Schwartz, Birgit Weyhe, Barbara Yelin und – als Einzige, die schon zur „Mutanten“-Auswahl von 1999 zählte – Anke Feuchtenberger. Sie hat mit ihren groß- bis riesenformatigen Kohlezeichnungen für einen noch gar nicht erschienenen Comic namens „Ein deutsches Tier im deutschen Wald“ prompt wieder die spektakulärste Arbeit geliefert. Und als schon gestorbener deutscher Vorläufer wird Hans Hillman mit 22 Seiten seiner berühmten Hammett-Adaption „Fliegenpapier“ von 1982 inszeniert.

          Die Stärke der jüngeren deutschen Comic-Erzähler liegt indes weniger in Spektakel und Kunstfertigkeit als in Intensität und bisweilen auch Ironie. Und in der verblüffenden stilistischen Vielfalt, die diese Zusammenschau belegt. Auf der ersten Etage im Janssen-Museum sind Comics zu sehen, die auf fremden Vorlagen beruhen, im Dachgeschoss dann eigene Geschichten; Ulli Lust ist als Einzige in beiden Abteilungen vertreten. Einige Künstler haben Vorstudien ausgeliehen, die in Vitrinen die Reinzeichnungen an den Wänden ergänzen, und manchmal sind dort Druckseiten beigegeben, um die Unterschiede zu illustrieren, die Computernachbearbeitung erzeugt. Eines der Probleme ist, dass die Zeichner dadurch immer weniger Arbeitsschritte materiell zeigen können. Im Horst-Janssen-Museum aber ist die Ernte noch überreich.

          Die neunte Kunst. Drei Ausstellungen in Oldenburg

          Die neunte Kunst. Drei Ausstellungen in Oldenburg. Im Stadtmuseum läuft bis zum 2. April „Die Geschichte des Comics“, im Horst-Janssen-Museum bis zum 6. Mai „Aktuelle deutsche Graphic Novels“ und im Edith-Ruß-Haus bis zum 2.April „Unwanted Stories“. Jeweils kein Katalog, aber im Ruß-Haus gibt es ein Begleitheft gratis.

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