http://www.faz.net/-gr0-8cose
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.01.2016, 11:58 Uhr

Büchersammler Lagerfeld Ich suche auch Sachen, die ich nicht suche

Dreihunderttausend Bücher besitzt der Modeschöpfer Karl Lagerfeld, verstreut auf sieben Wohnungen. Als Sammler im klassischen Sinn sieht er sich aber nicht – Lesen ist für ihn tägliche Nahrung.

von
© Picture-Alliance Karl Lagerfeld inmitten einer Wochenration Lesestoff in der Bibliothek seiner Buchhandlung „L7“ in Paris

Der Weg zu Karl Lagerfeld führt über Abertausende von Buchseiten. Zum Interview bittet er am liebsten in das Fotostudio hinter seiner Buchhandlung „L7“ an der Rue de Lille in Paris. Dort drückt man, den Louvre im Rücken, das Musée d’Orsay zur Rechten, die Universität zur Linken, auf einen unscheinbaren Messingknopf, mit einem schnurrenden Geräusch öffnet sich die Glasschiebetür, und man läuft direkt Lagerfelds zwei oder drei Angestellten in die Arme, die auf Bücherstapeln vor der Kasse lehnen. Da Lagerfelds Presseteam irgendwo in Paris im Stau steckt, nimmt uns ein ungewöhnlich breitschultriger Mann in den besten Jahren in Empfang. Seine genaue Funktion bleibt in den nächsten sechzig Minuten rätselhaft. Er bittet in den angrenzenden Raum und, nachdem er dem Besucher den Mantel abgenommen hat, um etwas Geduld. „Kaffee, Wasser?“

Uwe Ebbinghaus Folgen:

Dieser zweite Raum, einer von vieren, die durch einen offenen Flur miteinander verbunden sind, ist eine Küche ohne Herd, in der an einem großen Tisch mit lauter gesunden Sachen (Salat, Käse, Früchte) eine Handvoll Kreativer herumsitzt. Wenn man innerhalb von weniger als einer Stunde zu Lagerfeld vordringt, heißt es, sei das eine gute Zeit. Doch schon kommt der Modeschöpfer mit kleinen Schritten auf uns zu und reicht die Rechte, die sich in einem schwarzen Chauffeurhandschuh mit Strassbesatz befindet, der innen auch noch gepolstert ist.

Dreißig Bücher am Tag

Der folgende, etwas schwammige Händedruck ist eine typisch Lagerfeldsche Paradoxie: Obwohl man den Ausdruck seiner Hände und Augen nur mittelbar wahrnimmt, bleibt er keine Expression seines Inneren schuldig. Seiner Stimme und seinem enorm ausdrucksstarken Mund hört und sieht man alles an, was man wissen muss. Mehr wäre vielleicht zu viel, zumindest aus seiner Sicht. „Es ist gerade schlecht, weil ich arbeiten muss“, sagt er schnarrend, fast tadelnd; dann plötzlich milde, „aber kommen Sie doch bitte mit“. Schon dreht er sich um, wir sehen ein Stück Pappe hinten aus seinem hohen Kragen ragen und folgen ihm in den nächsten Raum.

In Zimmer Nummer drei, das mit seinen Schubladenschränken und wegen der völligen Abwesenheit von Modezeichnungen und Fotografieabzügen eher an das Büro eines Architekten erinnert, bezieht Lagerfeld an einem großen Tisch vor dem neuesten iPad Platz und lehnt sich leicht nach vorne. Der Frager wird an seiner rechten Seite plaziert, etwas eingezwängt von einem geflochtenen Papierkorb. Jetzt wird erst sichtbar, wie stark Lagerfelds Haare gepudert sind und dass er ein graues Jackett trägt, das erstaunlich formlos wirkt – wahrscheinlich braucht man zum Fotografieren, Zeichnen und Lesen mehr Bewegungsfreiheit, als seine Mode es zulässt.

Buch "Fridericus Rex - Ein Heldenleben von Hermann von Petersdorff" (1925), mit Widmung von Professor Conrad Rammstedt für Karl Lagerfeld aus dem Jahr 1948 © Frank Röth Vergrößern Die Vorliebe für Geschichtsbücher begann wohl früh: „Fridericus Rex“ mit Widmung vom Onkel Professor Conrad Rammstedt zur Konfirmation.

Verabredet sind wir zu einem Gespräch über Lagerfelds vielleicht größte Leidenschaft: Bücher. Mehr als 300.000 Exemplare soll er besitzen, eine Zahl, die zum Beispiel die Kaiserliche Bibliothek in Wien erreichte – eine schmeichelhafte Information, die Lagerfeld ohne Erstaunen entgegennimmt. Er selbst besitze, rechnen wir ihm vor, so viele Bücher, dass er in fünfzig Jahren an jedem Tag 16,4 Stück habe erstehen müssen. Lagerfeld sagt: „Das kommt hin. Manchmal sind es auch dreißig, vierzig am Tag.“ Ob ich seine Bibliothek nebenan schon gesehen hätte? „Schauen Sie mal“, sagt er und bleibt sitzen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Modemesse Pitti Uomo Neue Ideen für die Luxusmode von morgen

Zehntausende besuchen in Florenz die wichtigste Messe für Herrenmode auf der Welt. Hier besinnen sich die Italiener auf ihre Stärken – allen Widrigkeiten zum Trotz. Mehr Von Stephan Finsterbusch und Alfons Kaiser, Florenz

17.06.2016, 16:12 Uhr | Stil
Florenz Karl Lagerfeld, der Fotograf

Karl Lagerfeld ist nicht nur als Modedesigner international gefragt. Er hat sich auch als Fotograf einen Namen gemacht. In Florenz sind jetzt seine Bilder zu sehen. Mehr

20.06.2016, 13:22 Uhr | Stil
Streit an Berliner Schule Imam verweigert Lehrerin den Händedruck

Eklat in einer Berliner Privatschule: Nachdem ein Mann der Lehrerin seines Sohnes aus religiösen Gründen nicht die Hand geben will, eskaliert die Situation im Besprechungsraum. Mehr

23.06.2016, 13:55 Uhr | Gesellschaft
Frankreich Polizist bei Paris ermordet

Ein französischer Polizist ist am Montagabend vor seiner Haustür in einem Pariser Vorort mit mehreren Messerstichen getötet worden. Der Angreifer, der sich nach der Tat in der Wohnung seines Opfers in Magnanville verschanzt hatte, sei später von Mitgliedern einer Spezialeinheit erschossen worden, gab das französischen Innenministerium bekannt. Mehr

14.06.2016, 20:19 Uhr | Politik
Wissbegieriger Möbelkonzern Der Speicher, die Daten und Ikea

Wir wissen viel über euch, aber noch nicht genug, sagt der schwedische Möbelkonzern – und sammelt Daten, um herauszufinden, wie man wohnt und lebt auf schrumpfendem Raum. Ein Besuch in Älmhult, wo Ikea zuhause ist. Mehr Von Tobias Rüther

15.06.2016, 07:24 Uhr | Feuilleton
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 6