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Versailler Vertrag : Demütigung als Prinzip

Gebeugte Deutsche beim Unterzeichnen vor den Siegern: Der Brite William Orpen malte die Vertragsunterzeichnung von Versailles sechs Jahre nach dem Ereignis. Bild: © epd-bild / akg-images

Es war ein gesellschaftliches Ereignis, und rund ums Schloss standen Zehntausende Zaungäste: Die Unterzeichnung des Versailler Vertrags. Ein Vorabdruck aus dem Buch „Der Krieg nach dem Krieg“.

          Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Für die Urteilsverkündung vom 28.Juni 1919 benötigte es nur zwei Minuten und ein paar kurze Sätze, ansonsten wurde offiziell gar nicht gesprochen. Aber geplaudert, gejubelt und geschimpft, denn die Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles glich einem großen Defilee. Es war ein gesellschaftliches Ereignis, und rund ums Schloss standen Zehntausende Zaungäste. Der 28.Juni 1919 wurde nach einem bewölkten Vormittag ein strahlend schöner Samstag. Aus Paris kamen die Schaulustigen in Sonderzügen bis zum lediglich fünf Fußminuten vom Schlossvorplatz entfernten Bahnhof herbeigefahren. Die Delegationen der Teilnehmerstaaten der Pariser Friedenskonferenz dagegen erreichten Versailles mit Automobilen, die unter dem Beifall der Passanten über die Champs-Élysées und durch den Triumphbogen aus der Hauptstadt geleitet wurden und dann in Versailles über die direkt aufs Schloss zulaufende Prachtstraße, die Avenue de Paris, unmittelbar in den Ehrenhof fuhren, wo die Abgesandten von einer Ehrengarde empfangen und von den Zuschauern ein weiteres Mal bejubelt wurden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ungestört waren die Delegierten nur im letzten Teil des Hofes, dem sogenannten Marmorhof direkt vor den Eingängen ins Corps Logis. In die beiden vorderen Teile, den Minister- und den Königshof, waren dagegen ungeachtet einer Polizeiabsperrung zahlreiche Menschen gelangt. Überhaupt herrschte rund um das Schloss Volksfeststimmung, und angesichts der allgemeinen Begeisterung achtete man nicht auf die vorgesehenen Sicherheitsmaßnahmen; längst waren die Fenster an der Außenseite der gesamten Palastanlage umlagert; nur der Parterre d’Eau, die große Terrasse direkt unterhalb des im ersten Stock gelegenen Spiegelsaals, wo im Anschluss an die Unterzeichnung den Teilnehmern ein besonderes Spektakel der dortigen Fontänen geboten werden sollte, wurde noch konsequent freigehalten.

          Es war Wilsons großer Tag

          Geöffnet wurde der Schauplatz der Vertragsunterzeichnung für die rund tausend geladenen Gäste um 13 Uhr, dem Pariser Korrespondenten der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press verdanken wir einen minutiösen Bericht des Nachmittags. Als erster prominenter Vertreter der Hauptsiegermächte betrat der amerikanische Außenminister Robert Lansing um 13.45 Uhr den Saal, und als letzter Delegierter der Friedenskonferenz traf um 14.50 Uhr sein Präsident Woodrow Wilson ein: So umrahmte der Auftritt der amerikanischen Delegation den Einmarsch der Verbündeten; es war Wilsons großer Tag. Mit dem Versailler Vertrag glaubte er sein politisches Lebenswerk am Ziel. Aber die Hauptrolle hatte er jemand anderem zu überlassen.

          Der deutsche Verkehrsminister Johannes Bell von der Zentrumspartei war einer der Unterschriftsberechtigten in Paris.

          Während der Zeremonie sollte nämlich nur eine einzige Person zu Wort kommen: der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der als Vorsitzender der Friedenskonferenz die Veranstaltung leitete. Er war fünfzig Minuten vor dem geplanten Beginn um 15 Uhr im Saal eingetroffen und hatte die Zeit dazu genutzt, die auf seinen Wunsch hin anwesenden französischen Soldaten, aber auch die reich vertretene Pariser Prominenz zu begrüßen. Und natürlich die erschienenen Vertreter der anderen Siegerstaaten, die über fast sechs Monate hinweg unter seinem Vorsitz unentwegt miteinander verhandelt hatten.

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