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Belletristische Überproduktion Die Romanschinder

Auf immer weniger Leser kommen immer mehr Bücher. Viele Romanautoren schreiben trotzdem wie am Fließband. Wenn das so weitergeht, nimmt die Literatur Schaden.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Die jährliche Bücherflut bringt nicht immer mehr Meisterwerke hervor, sondern sie fördert das Mittelmaß.

Das ist das große Paradox der deutschen Literatur: Seit Jahren kaufen immer weniger Menschen immer weniger Bücher, aber gleichzeitig werden immer mehr Bücher produziert. Während Buchhandlungen schließen, Verlage vor dem Aus stehen und Autoren über immer geringere Auflagen und schwindendes Interesse klagen, wird aufgelegt, was auch immer zwischen zwei Buchdeckel geht.

Das ist nicht nur ein ökonomisches, es ist auch ein literarisches Problem. Denn die Bücherflut bringt ja nicht immer mehr Meisterwerke hervor, sondern sie fördert das Mittelmaß. So saß neulich Andreas Maier auf einem Frankfurter Podium und sprach von sich selbst - durchaus vergnügt - als „Literaturheini“, dem sein Erstling „Wäldchestag“ aus dem Jahr 2000 längst in weite Ferne gerückt sei, denn schließlich veröffentliche er seither mindestens alle zwei Jahre ein neues Buch. Als nächstes wird „Die Straße“ erscheinen, der dritte Band seines in elf Romanfolgen angekündigten Großwerks „Ortsumgehung“; den Auftakt bildete 2010 „Das Zimmer“.

Verlage mit einzigartigem Profil sterben aus

Mit seiner fröhlichen Selbstbeschreibung benannte der Schriftsteller eine Entwicklung, die immer mehr Autoren betrifft. Juli Zeh, Silke Scheuermann, Thomas Glavinic, Thomas von Steinaecker, Alex Capus, Ferdinand von Schirach - viele haben ihren Publikationsrhythmus auf alle ein bis zwei Jahre getrimmt. Und die Verlage machen mit.

Schreibtische Frankfurter Schriftsteller - Der Schreibtisch von Andreas Maier © Fricke, Helmut Vergrößern Andreas Maier, bloß ein „Literaturheini“?

Man fragt sich, warum. Wo sind die Verleger, die es noch wagen, einem Autor sein Manuskript zurückzugeben mit dem Hinweis, er möge die Sache lieber erst einmal ruhenlassen und dann nochmals überarbeiten? Wo die Lektoren, die ihrem Gegenüber sagen, dass es sich wiederholt? Stattdessen werden eingeführte Schriftsteller geradezu ermuntert, ein work in progress recht bald abzuschließen. Dabei müssten gerade in Zeiten, in denen scheinbar alles gedruckt wird und die Urtugenden der Verlage von Self Publishern obsolet gemacht werden sollen, die literarischen Häuser durch ihre Auswahl bestechen und überzeugen. Doch Verlage mit einzigartigem Profil sterben aus. Wer keine Thriller-, Fantasy-, Humor- oder sonstige Schmökerhoffnung im Programm hat, der macht nebenbei in Kalendern, Ratgebern oder Kochbüchern. Dass die Literatur nur noch dank solcher Querfinanzierung stattfindet, merkt man den Programmen leider immer häufiger an.

Den zahlreichen Vielschreibern stehen wenige enigmatische Einsiedler gegenüber. So gab es Rezensenten, die Jonathan Franzen bei Erscheinen von „Freiheit“ 2010 allen Ernstes vorhielten, dass der amerikanische Romancier seit seinen „Korrekturen“ neun Jahre habe verstreichen lassen, bevor er ein neues erzählerisches Werk vorlegte. Der implizite Vorwurf lautete: Kein Autor dürfe sich heutzutage eine derartige Ineffizienz leisten und so viel Zeit brauchen, um etwas Neues hervorzubringen. Zwischen den Zeilen lauerte der andere, mindestens ebenso bittere Vorwurf, den auch ein Daniel Kehlmann oder ein Uwe Tellkamp kennen: Der kann es sich halt leisten.

Denn die Fortüne, dass Können und Erfolg mindestens einmal kongruent waren, wird nur wenigen zuteil. Der Buchmarkt mag medienerprobter und fernsehaffiner geworden sein, die Autoren professioneller in ihren Auftritten und in ihrer Selbstvermarktung - doch vom Schreiben leben, gar gut, können nach wie vor die wenigsten. Laut einer Umfrage des „Stern“ kommen Autoren auf ein durchschnittliches Monatseinkommen von 955 Euro brutto. Auch Verleger und Agenten bestätigen, dass sich die Einkommenssituation und damit die Arbeitsbedingungen verschlechtern.

Überproduktion und Überdruss

So hat die Zahl der Lesungen stark abgenommen; viele Buchhandlungen und Literaturforen haben ihre Veranstaltungen reduziert. Da Lesereisen aber für viele Schriftsteller eine Haupteinnahmequelle darstellen, macht sich dieser Wandel besonders bemerkbar. Dabei ähnelt die Hierarchie auch hier einem Erfolgsranking: Wer sich nicht halbwegs gut verkauft, hat wenig Chancen, überhaupt zu einer Lesung eingeladen zu werden. Die Dotierung von Stipendien und Arbeitsaufenthalten ist vielfach zurückgegangen, anders als die nach wie vor stattliche Zahl der Literaturpreise, da bleiben wir Weltführer.

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