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Veröffentlicht: 09.12.2013, 21:14 Uhr

Kurt Drawert Die Züchtigung der Subjekte

Die Umwandlung der Individuen in digital gesteuerte Konsumobjekte wäre eine packende literarische Phantasie. Leider ist sie Realität.

© Ute Döring Kurt Drawert

Die Empörungsdiskurse über die Praktiken der Staatssicherheitsdienste in Ländern des ehemaligen Ostblocks sind noch gar nicht verhallt, da erfahren wir – und das im Herzen westeuropäischer Demokratien – von einer Überwachungsmaschinerie, die alles in den Schatten stellt, was an Totalkontrolle und Züchtigung der Subjekte je denkbar gewesen ist. Es fällt mir schwer, das Wort „Skandal“ dafür zu verwenden, denn es setzte die Naivität voraus, nicht erwartet zu haben, dass das Mögliche in der Regel auch geschieht. Vielmehr ist kenntlich geworden, was technologisch lange schon vorbereitet war: dass eine Elite über ein Wissen verfügt, von dem aus die Verteilung des Wissens organisiert und in zweckbestimmte Kreisläufe gebracht werden kann. Das Internet als ein Medium der demokratischen Partizipation anzunehmen war illusionär. Denn aus „Wissen für alle“ ist ein „Wissen von allen“ geworden, und spätestens jetzt sollten wir auch die Phantasmen der Literatur ernster nehmen, wie sie seit Kafka unsere moderne Welt begleiten. Die Vorstellung, dass von unserer (Rest-) Innerlichkeit digitale Kopien erstellt werden, die uns komplett substituieren und zu entleerten Kaufkraftzombies des Kapitals werden lassen, ist noch in keinem Roman erschöpfend beschrieben. Die Zukunft also hat bereits stattgefunden und passt in einen Werbekatalog. Wer sich dagegen nicht wehrt, wehrt sich nie.

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