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Juli Zeh und Ilija Trojanow im Gespräch : Alles ist gesagt, jetzt müssen wir handeln

  • Aktualisiert am

Nonstop mit dem Thema Überwachung beschäftigt: Ilja Trojanow und Juli Zeh. Bild: Isolde Ohlbaum

Wir müssen die Freiheiten, die wir uns jahrhundertelang in der analogen Welt erkämpft haben, in die digitale übertragen: Zwei der Initiatoren des Aufrufs „Writers Against Mass Surveillance“ im Gespräch.

          Ende Juli haben Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief aufgefordert, die Wahrheit über die NSA-Spähaffäre zu sagen und zu erklären, was die Regierung gegen die Überwachung unternehmen wird. Was hat den Anstoß gegeben, nun auch einen internationalen Aufruf zu lancieren?

          Juli Zeh: Die Überwachung ist ja definitiv kein rein deutsches Problem. Uns war von Anfang an klar, dass der Brief an die Kanzlerin nur ein notwendiger Teil des Engagements sein kann. Wir haben unmittelbar nach seinem Erscheinen damit begonnen, einen internationalen Aufruf vorzubereiten. Das war einfach der nächste Schritt. Da gab es kein zündendes Ereignis, das war eine logische Folge.

          Mehr als fünfhundert Autoren aus 82 Ländern haben unterzeichnet, von Don DeLillo über Liao Yiwu bis Lily Brett. Wie haben Sie das organisiert? War das wie beim Domino, einer spricht den Nächsten an und der die Nächste?

          Ilija Trojanow: Wir haben es selbst organisiert, es ist nicht von irgendeiner Institution gefördert oder gelenkt worden. Eine freie Gruppe von Bürgern, die zufällig alle Autoren sind, hat das wochenlang zusammengefügt, jeder mit seinen Kontakten und Netzwerken.

          Sie haben also nicht beim internationalen PEN angefragt, ob der mal seinen Verteiler öffnen könnte?

          Zeh: Wir wollten den Aufruf und die Unterschriften ja an einem einzigen Tag veröffentlichen, deswegen mussten wir das im Verborgenen vorbereiten. Es war gar nicht möglich, auf flächendeckende Netzwerke zuzugreifen – die Gefahr eines Lecks war einfach zu groß. Wir haben erst befreundete Autoren gefragt und die gebeten, weitere Freunde zu fragen. Wir sind auch auf deutsche Verlage zugegangen, die internationale Autoren im Haus haben, darüber kamen Agenturen ins Spiel. Auch Übersetzer haben sehr geholfen. Und so kam der Schneeball ins Rollen.

          Gab es auch Absagen?

          Zeh: Wirklich wenige.

          Trojanow: Richtige Absagen kamen vielleicht zwanzig.

          Zeh: Das beweist, dass die Behauptung, den Leuten sei das Thema Überwachung egal, nicht mehr stimmt. Es hat da in den letzten Monaten offenbar einen tipping point gegeben, an dem die Stimmung umgekippt ist.

          Wie haben die Autoren, die abgesagt haben, das begründet?

          Zeh: Die meisten haben erklärt, dass sie grundsätzlich keine Aufrufe unterschreiben würden.

          Trojanow: Dann gab es die, die gesagt haben: Das bringt eh nichts. Und die dritte Gruppe hat uns widersprochen, wobei die Gegenargumente mich selten überzeugt haben.

          Zeh: Nur einer hat gesagt, dass er Überwachung wirklich gut findet.

          Trojanow: Der kam aus Russland, wo es unter den Intellektuellen ja auch eine staatstragende Tradition gibt.

          Zeh: Und ein anderer erklärte uns mehr oder weniger, dass es Privatheit im 21. Jahrhundert nicht mehr gebe und dass es nichts bringe, sich dagegen zu wehren.

          Kann man bei diesem Zuspruch sagen, dass es also doch keine deutsche Überempfindlichkeit ist, sich über die Datensammelei von Google oder NSA aufzuregen, wie man immer wieder lesen kann?

          Trojanow: Da hat man sich wirklich getäuscht. Gerade die amerikanische Literatur beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Überwachung. Deswegen haben wir uns sehr gefreut, dass zum Beispiel Don DeLillo dabei ist. Weil er als einer der ersten Zeitgenossen über Paranoia, Kontrolle und Manipulation geschrieben hat.

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