http://www.faz.net/-hp7-7k9nj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.12.2013, 23:27 Uhr

Juli Zeh und Ilija Trojanow im Gespräch Alles ist gesagt, jetzt müssen wir handeln

Wir müssen die Freiheiten, die wir uns jahrhundertelang in der analogen Welt erkämpft haben, in die digitale übertragen: Zwei der Initiatoren des Aufrufs „Writers Against Mass Surveillance“ im Gespräch.

© Isolde Ohlbaum Nonstop mit dem Thema Überwachung beschäftigt: Ilja Trojanow und Juli Zeh.

Ende Juli haben Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief aufgefordert, die Wahrheit über die NSA-Spähaffäre zu sagen und zu erklären, was die Regierung gegen die Überwachung unternehmen wird. Was hat den Anstoß gegeben, nun auch einen internationalen Aufruf zu lancieren?

Juli Zeh: Die Überwachung ist ja definitiv kein rein deutsches Problem. Uns war von Anfang an klar, dass der Brief an die Kanzlerin nur ein notwendiger Teil des Engagements sein kann. Wir haben unmittelbar nach seinem Erscheinen damit begonnen, einen internationalen Aufruf vorzubereiten. Das war einfach der nächste Schritt. Da gab es kein zündendes Ereignis, das war eine logische Folge.

Mehr als fünfhundert Autoren aus 82 Ländern haben unterzeichnet, von Don DeLillo über Liao Yiwu bis Lily Brett. Wie haben Sie das organisiert? War das wie beim Domino, einer spricht den Nächsten an und der die Nächste?

Ilija Trojanow: Wir haben es selbst organisiert, es ist nicht von irgendeiner Institution gefördert oder gelenkt worden. Eine freie Gruppe von Bürgern, die zufällig alle Autoren sind, hat das wochenlang zusammengefügt, jeder mit seinen Kontakten und Netzwerken.

Sie haben also nicht beim internationalen PEN angefragt, ob der mal seinen Verteiler öffnen könnte?

Zeh: Wir wollten den Aufruf und die Unterschriften ja an einem einzigen Tag veröffentlichen, deswegen mussten wir das im Verborgenen vorbereiten. Es war gar nicht möglich, auf flächendeckende Netzwerke zuzugreifen – die Gefahr eines Lecks war einfach zu groß. Wir haben erst befreundete Autoren gefragt und die gebeten, weitere Freunde zu fragen. Wir sind auch auf deutsche Verlage zugegangen, die internationale Autoren im Haus haben, darüber kamen Agenturen ins Spiel. Auch Übersetzer haben sehr geholfen. Und so kam der Schneeball ins Rollen.

Gab es auch Absagen?

Zeh: Wirklich wenige.

Trojanow: Richtige Absagen kamen vielleicht zwanzig.

Zeh: Das beweist, dass die Behauptung, den Leuten sei das Thema Überwachung egal, nicht mehr stimmt. Es hat da in den letzten Monaten offenbar einen tipping point gegeben, an dem die Stimmung umgekippt ist.

Wie haben die Autoren, die abgesagt haben, das begründet?

Zeh: Die meisten haben erklärt, dass sie grundsätzlich keine Aufrufe unterschreiben würden.

Trojanow: Dann gab es die, die gesagt haben: Das bringt eh nichts. Und die dritte Gruppe hat uns widersprochen, wobei die Gegenargumente mich selten überzeugt haben.

Zeh: Nur einer hat gesagt, dass er Überwachung wirklich gut findet.

Trojanow: Der kam aus Russland, wo es unter den Intellektuellen ja auch eine staatstragende Tradition gibt.

Zeh: Und ein anderer erklärte uns mehr oder weniger, dass es Privatheit im 21. Jahrhundert nicht mehr gebe und dass es nichts bringe, sich dagegen zu wehren.

Kann man bei diesem Zuspruch sagen, dass es also doch keine deutsche Überempfindlichkeit ist, sich über die Datensammelei von Google oder NSA aufzuregen, wie man immer wieder lesen kann?

Trojanow: Da hat man sich wirklich getäuscht. Gerade die amerikanische Literatur beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Überwachung. Deswegen haben wir uns sehr gefreut, dass zum Beispiel Don DeLillo dabei ist. Weil er als einer der ersten Zeitgenossen über Paranoia, Kontrolle und Manipulation geschrieben hat.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Gespräch: Graf Lambsdorff Boris Johnson lebt in einem Parallel-Universum

Die britische Regierung hat keine andere Wahl als das Brexit-Votum jetzt umzusetzen, glaubt Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des EU-Parlaments. Die Brexit-Wortführer kritisiert er im FAZ.NET-Gespräch scharf – eine schottische EU-Mitgliedschaft hält er für durchaus realistisch. Mehr Von Oliver Georgi

28.06.2016, 08:36 Uhr | Politik
Berlin Merkel setzt sich für baldige EU-Visafreiheit Georgiens ein

Bei den Gesprächen zwischen Ministerpräsidenten Giorgi Kwirikaschwili und Bundeskanzlerin Angela Merkel standen die Beziehungen zwischen Georgien und der Europäischen Union im Mittelpunkt. Merkel setzt sich für eine baldige vollständige EU-Visafreiheit für Georgien ein. Die Kanzlerin wies darauf hin, dass Georgien dafür alle Kriterien erfüllt habe. Mehr

15.06.2016, 19:05 Uhr | Politik
Digitalisierung Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die Potentiale der Digitalisierung sind enorm. Wenn wir jedoch Vertrauen und Sicherheit im Internet erhalten wollen, brauchen wir ein neues Regelsystem. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Carl Bildt

22.06.2016, 11:29 Uhr | Politik
Peking Merkel fordert mehr Rechtssicherheit für deutsche Firmen in China

Zu Beginn der vierten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen betonte Merkel in Peking, dass der Rechtsstaatsdialog und der Menschenrechtsdialog für sie von großer Bedeutung seien. Zu Beginn des Treffens forderte Merkel bessere Bedingungen für deutsche Firmen in China. Auch das Thema Menschenrechte soll bei dem Treffen angesprochen werden. Mehr

13.06.2016, 13:26 Uhr | Wirtschaft
Russlands Olympiasperre Wie sollen wir an Sauberkeit glauben?

Die russischen Leichtathleten sind von Olympia ausgeschlossen. Andere Sportarten sind nicht anktioniert. IAAF-Präsident Sebastian Coe und Doping-Ermittler Rune Andersen sprechen im Interview über die Folgen der Ermittlungen für den Sport Russlands. Mehr Von Michael Reinsch, Wien

20.06.2016, 10:35 Uhr | Sport