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Veröffentlicht: 09.12.2013, 22:43 Uhr

Javier Marías Niemand darf wissen, wo ich bin

Die Frage ist nicht, ob man etwas zu verbergen hat. Das Problem liegt tiefer. Individuelle Freiheit kann es nicht geben, wo jeder überall ausspioniert werden kann.

© dpa Javier Marías

Ich benutze keinen Computer, ich tippe mit der Schreibmaschine. Einer der Gründe dafür ist, dass niemand wissen soll, was ich „googele“, wonach ich suche, was ich heranziehe. Deshalb benutze ich für all das weiterhin Bücher. Ich habe keine E-Mail-Adresse, weil ich nicht will, dass jemand in meine Korrespondenz eindringt, vor allem nicht die Polizei oder die Regierung. Nicht dass ich (allgemein) etwas zu verbergen hätte. Es ist ausschließlich eine Frage des Prinzips. Individuelle Freiheit kann es nicht geben, wenn man ausspioniert werden kann, wann immer die Behörden sich dafür entscheiden und zurückverfolgen können, was man gesagt oder geschrieben hat. Ich benutze kein Mobiltelefon, außer wenn ich reise.

Einmal fuhr ich mit dem Auto von Amsterdam nach Brüssel. Noch bevor ich wusste, dass ich in Belgien angekommen war (keine Zollkontrolle, nicht einmal ein Straßenschild), empfing mein Mobilgerät die Nachricht „Willkommen in Belgien“ und so weiter. Niemand darf wissen, wo ich bin, bevor ich es nicht selbst weiß. Deshalb habe ich diesen Aufruf unterschrieben, und deshalb benutze ich nichts, was gegen mich verwendet werden kann. Nicht dass ich fürchtete, dass meine Handlungen oder Bewegungen für irgendwen von Interesse wären, ich leide nicht unter Verfolgungswahn. Wie gesagt, ist es eine Frage des Prinzips. Wir müssen das Recht zu lügen verteidigen, weil die Lüge bislang einer der wenigen Zufluchtsorte für individuelle Freiheit gewesen ist.
 

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