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Grimmwelt-Ausstellung zu Sagen : Der Kuss der Schlangenfrau

„Jetzt aber wird er mild und weich / Und spricht gerührt: ,Da habt Ihr Euch!‘“ In Wilhelm Buschs „Eginhard und Emma“ zeigt Kaiser Karl ein Herz für die Liebe. Bild: Wilhelm Busch

Sisyphos möchte gar nicht erlöst werden: In Kassel zeigt die Grimmwelt in einer Ausstellung, was in den vergangenen zweihundert Jahren aus den Sagen der Brüder Grimm geworden ist.

          Eine Sage vom Oberrhein geht so: Ein schüchterner junger Mann gerät in der Nähe des Städtchens Augst in einen Schacht, der tief in den Berg hineinführt. Am Ende trifft er auf eine Frau, die von der Taille an abwärts einen Schlangenschwanz trägt. Sie sei eine verzauberte Prinzessin, sagt sie, und durch drei Küsse eines keuschen Jünglings könne sie erlöst werden.

          Doch daraus wird nichts: Viel später erzählt der Jüngling, „dass er die Jungfrau bereits zweimal geküßt, da sie denn alle beide Mal, vor großer Freude der unverhofften Erlösung, mit so gräulichen Gebärden sich erzeigt, dass er sich gefürchtet und nicht anders gemeint, sie würde ihn lebendig zerreißen; daher er zum drittenmal sie zu küssen nicht gewagt, sondern weggegangen wäre.“ Und weil er kurz darauf seine Unschuld in einem „Schand-Haus“ verlor, fand der nun Unkeusche auch den Weg nicht mehr zurück in den Berg.

          An Orte geknüpft

          So steht es in den „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm. Die beiden Bände sind 1816 und 1818 erschienen, insofern bedient die Sonderausstellung zum Thema „Sagen“, die nun in Kassels „Grimmwelt“ zu sehen ist, sogar ein Jubiläum. Dabei erscheint der Gegenstand auch ohne dies zwingend genug: Anders als Märchen, die in Bezug auf Zeit und Ort gar nicht vage genug sein können („Vor langer Zeit lebte einmal in einem fernen Königreich...“), sind Sagen in der Regel an feste Orte – wie etwa die römischen Ruinen von Augst –, oft auch an historische Persönlichkeiten und deren jeweilige Epoche geknüpft. Zugleich aber ist das, was berichtet wird, hemmungslos ausgeschmückt und weitergesponnen, so dass das Verhältnis zwischen dem Realen und dem Erfundenen mitunter recht kompliziert ist: Es gibt, beispielsweise, bei der Stadt Bingen einen Turm auf einer Rheininsel, und es hat einen Mainzer Erzbischof namens Hatto gegeben – dafür aber, dass er zur Strafe für seinen Geiz im „Mäuseturm“ bei lebendigem Leib zernagt worden ist, gibt es außerhalb der Sage keinen Beleg.

          Eher erscheint es so, dass in der Sage an bestimmte altertümliche Gebäude, an charakteristische Teiche, Berge oder Almwiesen Geschichten geknüpft werden, die nicht unbedingt am selben Ort entstanden sein müssen, sondern deren Motive auch weit entfernt angetroffen werden – einen geizigen Potentaten, der in einem Turm von Mäusen gefressen wird, gibt es beispielsweise auch in einer pommerschen Sage.

          Angepasst

          Ebenso wie Märchen sind Sagen aber in ihrer Textgestalt fließend: Sie entstehen, werden weitererzählt, verändert und so den Bedürfnissen und Gepflogenheiten der jeweiligen Zeit angepasst. Vor allem dieser Aspekt prägt die von der scheidenden Grimmwelt-Leiterin Susanne Völker kuratierte Ausstellung von Beginn an. Da ist etwa im Eingangsbereich eine lange Tafel an der Wand, auf der sich zahlreiche von dem Illustrator Michael Meier geschaffene Magnetfiguren befinden, die leicht zu erkennende Sagengestalten darstellen.

          Und schon juckt es einem in den Fingern: Man könnte schließlich den Rattenfänger mit seiner Flöte beiseiteschieben und den finsteren Rübezahl mit seiner Keule dorthinstellen, mit der absehbaren Folge, dass der Grobmotoriker kaum genügend Tiere erwischt hätte und Hameln noch heute rattenverseucht wäre. Doch die Eltern hätten damals ihre Kinder behalten.

          Einflussreich

          Als Einrichtung ist die Grimmwelt insgesamt den biographischen Umständen ihrer Namenspatronen ebenso verpflichtet wie dem weiten Spektrum der von ihnen erforschten Gegenstände, dem Märchen ebenso wie dem Deutschen Wörterbuch, der Mythologie Europas oder der Mediävistik. Sie fragt nach Einflüssen, die auf die Brüder wirkten, und nach den Folgen ihres Schaffens. Dass Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur mit ihren Märchen, sondern auch mit ihrer Sagensammlung eine Schar von Nachfolgern hervorbrachten, die ihrerseits Regionalsagen zusammensuchten, neu erzählten und veröffentlichten, zeigt sich hier in Vitrinenfächern, die in Stellwänden eingelassen sind und einige dieser Editionen in den Erstausgaben bergen.

          Es zeigt sich aber auch in den ausgestellten Grafiken, die den Impuls aufnehmen und weiterspinnen, etwa Wilhelm Buschs Version der Sage von Eginhard (Einhart) und Emma, der Tochter Karls des Großen, die mit dem Schreiber des Kaisers ein heimliches Liebesverhältnis unterhält, das Karl eines Nachts entdeckt. Am Ende seiner 1864 entstandenen Bildergeschichte, die schon einige jener grotesken Elemente in Wort und Bild aufweist, die Buschs Stil prägen, erbarmt sich der Kaiser dann des Paares. Ganz bürgerlicher Hausvater, und darin Buschs berühmtem Tobias Knopp ähnlich, gibt er den vor ihm Knienden seinen Segen.

          Verselbständigt

          „Unserm Bruder Ludwig Emil Grimm aus herzlicher Liebe zugeeignet“, so steht es auf dem Vorsatz der „Deutschen Sagen“, und „Die drei Parzen“, ein nach 1844 entstandenes Bild des Malerbruders, steht dann für den Übergang in die nächste Abteilung der Ausstellung, die sich von der konkreten Textsammlung der Brüder löst. Einbezogen werden nun die Sagen der Antike, neben den Parzen ist das etwa ein wundervoller Narciss, gemalt 1770 von Johann Heinrich Tischbein, oder auch eine moderne Trickfilm-Adaption der Sisyphos-Geschichte, in der jener auf ewig Gestrafte dem kugelrunden Stein, den er glücklich auf die Spitze eines Bergs gerollt und dort sogar ausbalanciert hatte, nun einen Schubs gibt – weil der Mythos, so kann man sich das deuten, in all seiner Plage interessanter ist als der Stillstand nach der vollbrachten Tat, deutende Fortschreibung auch hier.

          Wer die Sonderausstellung der Grimmwelt in Kassel besucht, kann selbst ein Teil einer Geschichte werden.
          Wer die Sonderausstellung der Grimmwelt in Kassel besucht, kann selbst ein Teil einer Geschichte werden. : Bild: dpa

          Das setzt sich auch am Ende der Ausstellung fort, wo eine Installation mit einer Kamera ein Bild des Besuchers aufnimmt, es in mehreren Stufen immer unschärfer nach Geschlecht, Alter und Gemütszustand einsortiert und am Ende diese Deutung in eine sagenhafte Erzählung überführt: „Ein Mann mittleren Alters“, so steht es auf dem ersten Monitor, „ohne Bart“ steht auf dem nächsten, schließlich „vielleicht ein Gespenst“. Und plötzlich ist man Teil einer Geschichte, die sich verselbständigt.

          Fortgeschrieben

          Dem Jüngling von Augst mag es ähnlich ergangen sein. Wenigstens blieb es späteren Bearbeitern der Sage wie Ludwig Bechstein vorbehalten, die Geschichte und die Beweggründe des jungen Manns auszumalen und fortzuschreiben: „Und da geschah der zweite Kuß, und mit dem so ringelte sich der Schlangenschweif eng um ihn, und die Jungfrau faßte ihn noch fester mit beiden Händen an und lachte und biß ihn vor Lust in die Lippe. Da schauderte ihn vor solchen Zeichen überheftiger Liebeswut, und riß mit Gewalt sich los, nahm seine noch brennende Kerze und entwich.“

          Später wird er „eine brennende Sehnsucht nach Küssen“ entwickeln, „nie aber fand er andrer Mädchen und Frauen Küsse so feurig und so süß als jene der Schlangenjungfrau.“

          HörenSAGEN. Bis zum 21. Mai in der Grimmwelt, Kassel. Kein Katalog.

          Quelle: F.A.Z.

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