Home
http://www.faz.net/-hp7-7haf4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausbruch des Ersten Weltkriegs Die Selbstzerstörung Europas

Christopher Clark hat eine Studie über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfasst: „Die Schlafwandler“ ist das Buch des Jahres. Und eine Mahnung an alle, die militärische Konflikte regional begrenzen wollen.

© Mary Evans Picture Library Vergrößern Kanonenfeuer in der Schlacht von Vimy, Mai 1917

Eine nächtliche Kreuzung. Fünf Schwerlaster, die Tanks und Ladeflächen vollgepackt mit Explosivstoffen, rasen mit aufgeblendeten Scheinwerfern aus allen Richtungen aufeinander zu. Die Fahrer sind über Bordfunk miteinander in Kontakt, sie brüllen, drohen, fluchen, beschwören alte Freundschaften, appellieren an das Gewissen der anderen. Die Kreuzung kommt näher. Schon können sich die Fahrer gegenseitig am Steuer erkennen. Noch hundert Meter. Noch fünfzig. Ein letztes Aufheulen der Motoren. Die Scheinwerfer tauchen die Kreuzung in taghelles Licht. Schreien, Hupen, Gestikulieren. Noch zehn Meter. Noch fünf.

Andreas  Kilb Folgen:    

Bumm.

Es ist ein Bild, das sich irgendwann wie von selbst einstellt, wenn man Christopher Clarks neues Buch über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs liest. Das Bild eines Irrsinns, der keiner menschlichen Logik mehr folgt, nur dem Gesetz von Masse, Kraft und Beschleunigung. Und dem Prinzip der nationalen Ehre. Es war ja keine „Urkatastrophe“, die sich damals, im Juli und August 1914, abgespielt hat. Es war ein Amoklauf. Der vereinte Amoklauf Europas. Und Clark hat diesen Super-Crash wie ein geduldiger Kriminalist rekonstruiert, penibel, in allen Phasen, vom ersten Gasgeben bis zur Explosion.

Wie wenig die Apokalypse auslösen kann

Die zwölf Kapitel des Buches, das dabei entstand, füllen auf Deutsch ohne Anhang gut siebenhundert Seiten, und jedes davon ist ein Albtraum, ein Thriller, ein Horrorfilm in sich. Es ist das Buch des Jahres, nicht, weil es gerade rechtzeitig zum hundertsten Jubiläum des Kriegsausbruchs im nächsten Sommer kommt, sondern weil es auf absolut schlüssige Weise den Mechanismus erklärt, der diesen Krieg, den ersten modernen Massenvernichtungskrieg, ausbrechen ließ. Noch einmal, 1939, hat der Mechanismus funktioniert, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seit der Entwicklung der Atombombe und der Gründung der Vereinten Nationen, scheinen wir von ihm erlöst zu sein. Clarks Buch zeigt, dass das eine Täuschung ist. Die Mechanik schläft nur. Zünder und Ladung liegen bereit. Man muss sie nur zusammenschrauben. Die Apokalypse ist möglich. Es braucht nicht viel, um sie auszulösen. Vor hundert Jahren war es ein Attentat. Heute könnte es ein Bürgerkrieg in Syrien sein.

Christopher Clark sitzt im Café „Einstein“ in Berlin und erzählt von einem Traum, den er beim Schreiben seines Buches immer wieder geträumt hat. „Ich bin in England, und ich weiß, dass der Krieg ausbrechen wird. Ich sage zu meiner Frau: Wir müssen unsere Jungen ins Ausland bringen, sonst werden sie eingezogen. Eine ganze Generation wird durch diesen Krieg zerstört werden. Meine Söhne aber sagen, Daddy, du übertreibst, du nimmst das alles viel zu ernst. Ich versuche verzweifelt, sie zu überzeugen, doch sie hören mir nicht zu. Und dann erwache ich mit klopfendem Herzen.“

Ein Buch, das Unruhe stiften wird

Fünf Jahre hat Clark an den „Schlafwandlern“ (DVA, 39,99 Euro) geschrieben. Es ist, nach seinem „Preußen“-Buch von 2006, Clarks zweite große Attacke gegen ein Dogma der Geschichtswissenschaft. Der preußische Staat galt als Hort allen Übels in der deutschen Geschichte: Militarismus, Imperialismus, Größenwahn. Clarks Studie zeigte, dass er das nicht war. Was den Ersten Weltkrieg angeht, hat sich unter Historikern seit den sechziger Jahren Fritz Fischers These von der überwiegenden deutschen Kriegsschuld durchgesetzt. Bei Clark kann man nun nachlesen, dass das Kaiserreich genauso schuldig oder unschuldig am Ausbruch des Krieges war wie alle anderen europäischen Großmächte: Russland, Frankreich, Österreich-Ungarn und England.

Christopher Clark  at the 2013 Edinburgh International Book Festival © picture alliance / Photoshot Vergrößern Ein Unruhestifter unter den Historikern: Christopher Clark

„Die Schlafwandler“ werden also Unruhe stiften, und das ist gut so. Etwas Besseres kann der deutschen Öffentlichkeit gar nicht passieren, vier Monate vor dem Jubiläumsjahr des „Großen Krieges“, fünfzehn Jahre nach dem Nato-Krieg im Kosovo, wenige Tage vor dem Beginn der nächsten amerikanischen Militärintervention im Nahen Osten.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Albaniens Ministerpräsident Großalbanien ist nicht unser Projekt

An diesem Mittwoch sollte Edi Rama als erster albanischer Regierungschef seit 68 Jahren Belgrad besuchen. Serbien hat den Termin verschoben. Im F.A.Z.-Interview spricht Rama über das abgebrochene Skandal-Länderspiel und die Ängste der Nachbarländer vor einem Großalbanien. Mehr

22.10.2014, 10:57 Uhr | Politik
Gedenken an Ausbruch des Ersten Weltkriegs

Europäische Staats- und Regierungschefs haben in Lüttich an den Ausbruch des 1. Weltkriegs erinnert. Am 4. August 1914 hatte das deutsche Kaiserreich das neutrale Belgien überfallen. Am Tag zuvor hatte Deutschland dem Nachbarn Frankreich den Krieg erklärt. Mehr

04.08.2014, 16:43 Uhr | Politik
EM-Qualifikationsskandal Serben, Albaner und Dänen sauer nach Uefa-Urteil

Mit einem salomonischen Urteil reagiert die Uefa auf das Skandalspiel in Belgrad. Serbien gewinnt 3:0, verliert aber die Punkte sofort wieder und muss zwei Geisterspiele austragen. Glücklich ist damit aber keiner. Selbst die Dänen beschweren sich. Mehr

24.10.2014, 11:39 Uhr | Sport
Frankfurter Zeitung 1914: 15. Juli 1914

Nach dem Attentat von Sarajevo vor 100 Jahren ahnt zunächst kaum jemand etwas von einem heraufziehenden Weltkrieg. Folgen Sie den Entwicklungen aus der Perspektive von Zeitgenossen. Mit dem historischen E-Paper der Frankfurter Zeitung. Mehr

15.07.2014, 12:58 Uhr | Politik
Deutscher Soldatenfriedhof Letzte Ruhestätte Israel

Norbert Schwake ist Arzt und stammt aus Emmerich. Seit vierzig Jahren lebt er in Israel und ist längst Israeli geworden. In Nazareth kümmert er sich um den einzigen deutschen Soldatenfriedhof im Heiligen Land. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

18.10.2014, 17:01 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.09.2013, 11:14 Uhr