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Veröffentlicht: 13.12.2013, 16:43 Uhr

Antisemitismus bei Heidegger Ein Debakel für Frankreichs Philosophie

Paris, die Hauptstadt des Heidegger-Kults, reagiert heftig auf neu aufgetauchte antisemitische Passagen des Philosophen. Mancher will ihre Publikation verhindern.

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© ASSOCIATED PRESS Weitere Schatten über seinem Denken: Martin Heidegger

Es ist gewissermaßen ein Samisdat, mit dem man für Zensur sorgen will. Ein Störmanöver, das die Bombe im Voraus entschärfen soll. Sie platzt in Paris, der unheimlichen Hauptstadt des irrationalsten Heidegger-Kults. Unter den französischen Freunden des deutschen Philosophen kursieren Fotokopien aus den „Schwarzen Heften“. Es sind Zitate, die Heidegger als Antisemiten ausweisen. Das ist nicht nur ein schwerer Schlag für die unverbesserlichen Verehrer, sondern ein Debakel für die französische Nachkriegsphilosophie schlechthin. Eine ihrer Schlüsselfiguren bleibt Jacques Derrida, dessen Gesamtwerk George Steiner als „Fußnoten zu Heidegger“ bezeichnet hat.

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Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ werden als „Tagebuch seines Denkens“ beschrieben. Die Einträge erschließen die Jahre 1931 bis 1975. Der Philosoph hatte sie durchaus für eine Veröffentlichung bestimmt. Mit ihr soll im Rahmen der bei Vittorio Klostermann erscheinenden Gesamtausgabe im kommenden Frühjahr begonnen werden. Für den 13. März 2014 sind drei Bände mit den Notizen aus den Jahren des Nationalsozialismus angekündigt: 1933 bis 1941. Die Aufzeichnungen von 1931 und 1932 sind verschollen.

Heideggers französische Gralshüter

Die Edition wird von Peter Trawny betreut, der vor einem Jahr in Wuppertal an der Bergischen Universität das erste Martin-Heidegger-Institut im deutschsprachigen Raum begründet hat. Parallel zu den „Schwarzen Heften“ kündigt er ein Buch über Heidegger und das Weltjudentum an. Wie es unter befreundeten Wissenschaftlern Brauch ist, hat Trawny von seinen Studien, Funden und Plänen den Pariser Kollegen berichtet. Aber auch direkt aus Freiburg sind Heideggers Gralshüter in Frankreich informiert worden. Sie machen nun ganz offensichtlich Druck, um eine Veröffentlichung zu verhindern: auf den Verlag, die Familie, den Herausgeber.

Weil diese Versuche kaum erfolgreich sein werden, bekämpfen sie die Enthüllungen mit ihrer Guerrilla-Strategie der Entschärfung. Vor wenigen Tagen wurden im Pariser Kino Saint-Germain-des-Prés bei einer von Bernard-Henri Lévys Zeitschrift „La règle du jeu“ organisierten Veranstaltung Passagen vorgelesen, die keine Zweifel mehr offenlassen: Heidegger hat sich während des Dritten Reichs übler antisemitischer Klischees bedient.

Heideggers Wurzeln in der neueren französischen Philosophie

Heidegger hatte im Windschatten der deutschen Panzer Einzug in Paris gehalten. Joseph Rovan und andere lasen ihn im Widerstand. Jean-Paul Sartre diskutiert mit einem Priester im Kriegsgefangenenlager über ihn. Jean Beaufret, sein wichtigster Vermittler in Frankreich, dem Heidegger den „Brief über den Humanismus“ widmete, hatte ausgerechnet am 6. Juni 1944 die Erleuchtung: Ein Kollege betrat sein Klassenzimmer, in dem Beaufret, „Sein und Zeit“ lesend, die Abiturprüfungen überwachte, und rief: „Sie sind gelandet.“ Worauf Beaufret nur entgegnete: „Ich habe gerade Heidegger verstanden.“

Auf dem Todtnauberg bekam Heidegger Besuch von Angehörigen der französischen Besatzungsarmee in Deutschland. Sein Einfluss auf das französische Denken hat den Cartesianismus in die Krise gestürzt. Er ist von Sartre bis Foucault und Lacan auszumachen. Auch Alain Finkielkraut und Philippe Sollers haben sich zu Heidegger bekannt, ebenso der Dichter René Char. Im Bereich der Politik reicht sein Wirken von den Linksextremen über die Grünen bis zu den Neofaschisten von der Nouvelle Droite. Heidegger war der Vater der Dekonstruktion, welche die Realität durch den Diskurs ersetzt hat. Von Victor Farias bis Emmanuel Faye hat es immer wieder Angriffe auf seine braune Vergangenheit gegeben. Sein Denken wurde mit der NS-Ideologie in Zusammenhang gebracht. Aber noch André Glucksmann, der Heidegger zu den leicht totalitären „Meisterdenkern“ zählte, nahm ihn vom Vorwurf des Antisemitismus aus.

Kampf um Heidegger

Eine Übersetzung von „Sein und Zeit“ erschien erst 1985 in Paris, zunächst als Raubdruck. Heideggers Vergangenheit wurde noch hartnäckiger, erfolgreicher und länger verdrängt als Vichy. Als eifrigster Jünger kämpft der Beaufret-Schüler François Fédier um seine politische Ehre. Fédier betreut Heidegger bei Gallimard. Er hatte bereits versucht, die Veröffentlichung der Rektoratsrede zu verhindern – sie wurde um zwei Jahre verzögert. Jetzt wirkt er als Drahtzieher der Verhinderungsstrategie gegen die „Schwarzen Hefte“.

Im Vorfeld ihrer Veröffentlichung ist in Paris eine erstaunliche publizistische Aktivität zu beobachten. Von Emmanuel Faye erscheint im Januar „Heidegger. Le sol, la communauté, la race“ – Boden, Gemeinschaft, Rasse. Auch die Philosophin Sylviane Agacinski, die mit Derrida verheiratet war und es mit Lionel Jospin ist, kündigt ein Buch über Heidegger an. Sie kämpft als Gegenspielerin von Elisabeth Badinter für ein Verbot der Prostitution und der Leihmutterschaft. Die Veranstaltung im Kino Saint-Germain war eine Buchpräsentation. Es ging um den von François Fédier mitbetreuten „Dictionnaire Heidegger“.

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„Im ganzen bislang gedruckten Werk gibt es keinen einzigen antisemitischen Satz“, schreibt Adrien France-Lanord. Er selber hat aus den zirkulierenden Fotokopien vorgelesen: „Mein Kapitel über den Antisemitismus ist obsolet. Es muss neu geschrieben werden.“ Aber lieber in Paris, unter der Kontrolle der französischen Heideggerianer.

Glosse

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