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„Anti-Amazon“-Roman : In den Fängen der Firma

Sein Buch wird trotzdem bei Amazon angeboten: James Patterson Bild: AP

Ein Thriller von James Patterson steht auf dem ersten Platz der amerikanischen Bestsellerlisten. In dem Roman gerät eine Familie in die albtraumhafte Arbeitswelt eines Konzerns, der Amazon nicht unähnlich sieht.

          Gäbe es den Begriff „Volksschriftsteller“ in den Vereinigten Staaten, James Patterson hätte ein Abonnement darauf. Auch international hat sich der ehemalige Werbemanager als Marke durchgesetzt. Rund 350 Millionen verkaufte Exemplare haben ihn zum Milliardär gemacht, und das gelingt nicht allzu vielen Vertretern der schreibenden Zunft. Eine gewisse Breitenwirkung darf man also erwarten, wenn sich Patterson und sein Koautor Richard DiLallo ein Thema vornehmen, das man „Amazon“ überschreiben könnte und das als Roman den neutraleren Titel „The Store“ trägt. „They are always watching“ heißt es auf dem Cover. Das Buch steht bei der „New York Times“ aktuell auf Platz vier, drei Wochen nach Erscheinen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Roman handelt auf zweihundertfünfzig luftig bedruckten Seiten vom Schicksal einer New Yorker Familie. Jacob und Megan Brandeis sind Journalisten und Sachbuchautoren, die kurz vor dem finanziellen Aus stehen, weil ihr jahrelang recherchiertes Buch über die Geschichte des Rap nun doch nicht zur Veröffentlichung angenommen wird. Bei einer Abschiedsparty verkünden sie, zusammen mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern nach Nebraska zu verziehen, um sich dort in die Dienste eines Logistikzentrums des Online-Händlers The Store zu begeben. Dass sie dort in Wirklichkeit nach dem Thema schlechthin – einer Enthüllung aus dem Inneren des Wals – suchen, vertuschen sie. Wer den Big Apple gegen den Cornhusker State, den Maisschäler-Staat, eintauscht, kann nicht ganz dicht sein.

          Grotesk überwachtes Gemeinwesen

          Angekommen in 400 Midshipman Lane, New Burg, vollzieht sich innerhalb von Minuten ein Übertritt in ein dystopisches Albtraumland. Die neuen Nachbarn in dieser Firmenkulissenstadt wissen alles über sie, das Haus ist überwacht, Drohnen beobachten jeden ihrer Schritte, alles ist weichgespült, politisch korrekt. Die Eltern reagieren mit Beklemmungen, die Kinder, so scheint es, werden an der High School bald auf Firmenkurs (Motto: „No worries“) getrimmt. Der Job, Bestellungen aller Art aus den Regalen zu holen, ist stumpfsinnig und körperlich auslaugend. Etwas mehr Fingerspitzengefühl ist verlangt, wenn Kunden, die zu viel gekauft haben, aus dem Konsumrausch befreit werden („de-immersion“), um ihm dann wieder zugeführt zu werden.

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          Pattersons Sprache ist gewohnt simpel, routiniert zieht er die Schlinge zu. Die immer klaustrophobischer werdende Welt, in die sich Jacob und Megan versetzt sehen, hat sich längst von Recht und Gesetz entkoppelt und gehorcht allein der Firmenräson. Der querulatorische Jacob ist zunehmend isoliert, während seine Frau, umgarnt von einem Vorgesetzten, befördert wird. Die Kinder warnen ihn alsbald, die Arbeit an dem Buch einzustellen. Die Überwachungskameras, die er zerschlagen hat, sind am nächsten Tag wieder an ihrem Platz. Widerstand ist zwecklos, und wer auffällt, wird womöglich über Nacht „transferiert“, wohin und in welchem Aggregatzustand auch immer. So verschwindet ein benachbartes Ehepaar, als hätte es nie existiert.

          Bei einer Reise nach San Francisco, wohin Jacob seiner Frau folgt, die an einem Firmenkongress teilnimmt, dessen Höhepunkt der Auftritt des Firmengründers sein soll, entpuppt sich die ehemalige Hippie-Metropole als geradezu grotesk überwachtes Gemeinwesen. Der Himmel ist von Drohnen verdunkelt. Die sorgen etwa auch dafür, dass nach einem Verkehrsunfall ein brennender Geländewagen inklusive seiner verkohlten Insassen einfach entsorgt wird, was in den Medien mit keinem Wort erwähnt wird. Der Rest ist Paranoia und Verfolgung, Jacob flieht zurück nach New York, wo er unter Einsatz seines Lebens das Typoskript seines Buches „2020“ seiner Verlegerin übergeben kann.

          Erfahrung im Nahkampf mit Amazon

          Das Ende des Romans ist nicht wirklich happy. Denn das Szenario, dass sich die Menschheit künftig überwiegend in Häusern aufhalten wird und auf Bildschirme starrt, ist mit der Veröffentlichung von „2020“ nicht vom Tisch. The Store tritt in Sachen politischer Lobbyarbeit zuungunsten des stationären Handels ein wenig kürzer. Patterson kennt das Geschäft inwendig, sein Verlag Little, Brown hat Erfahrung im Nahkampf mit Amazon.

          Wir lesen nicht wie in „The Circle“ als Hochliteratur getarnte Technologiekritik, sondern die als Thriller servierte Warnung eines Praktikers: Seit Jahren führt der Autor einen Kampf gegen die Monopolisierung des Geschäfts mit den Büchern, seit Jahren spendet er als tätiger Philanthrop viel Geld für Leseförderung, Schulbüchereien und den unabhängigen Buchhandel. Die Leistung der Verlage, verriet er der „New York Times“, sei heute wichtiger denn je. Auch sein Kollege John Grisham hat sich unlängst mit dem inhabergeführten Buchhandel solidarisiert. Pattersons Spenden fließen zum Beispiel in Form von Bonuszahlungen an angestellte Buchhändler, die zwischen tausend und fünftausend Dollar erhalten.

          Dem Branchenmagazin „Publishers Weekly“ sagte Patterson, er bekomme Dankesbriefe, in denen davon berichtet werde, dass mit dem Bonus ein überfälliger Zahnarztbesuch bezahlt wurde. Bei Amazon.com hat „The Store“ derzeit nur drei von fünf möglichen Sternen in der Disziplin „durchschnittliche Kundenbewertung“.

          Quelle: F.A.Z.

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