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Ai Weiwei und Liao Yiwu : Einer musste sich erst Mut antrinken

Diese Körpersprache verrät so einiges: Liao Yiwu und Ai Weiwei auf der Bühne der Berliner Philharmonie. Bild: Matthias Lüdecke

Berliner Treffen unter Dissidenten: Zum Auftakt des Internationalen Literaturfestivals diskutierte Ai Weiwei mit Liao Yiwu. Es war eine Begegnung mit Vorwürfen und Versöhnungsversuchen.

          Es ist gleich zu Beginn ein etwas unwirklicher Moment, als der Mann, der in Deutschland so lange als grundsätzlich Abwesender präsent war, nun plötzlich als leibhaftiger Mensch mit Händen in der Hosentasche auf die Bühne der Berliner Philharmonie tritt und exakt so aussieht wie auf den Bildern, die die Medien bisher an seiner statt in der Öffentlichkeit plaziert haben. Langer Beifall, der längste dieses Abends. Ai Weiwei in Deutschland, das ist auch ein Experiment damit, was aus einer ideellen Marke wird, wenn sie aus ihrem Status der globalen Abstraktion in das eigene Lebensumfeld mit seinen vertrauten Distinktionen tritt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Angekündigt ist zum Auftakt des Internationalen Literaturfestivals ein Gespräch über China mit Liao Yiwu, dem schon seit vier Jahren in Berlin lebenden Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels – abstrakt hätte man sich da, wenn die beiden hierzulande bekanntesten chinesischen Dissidenten aufeinandertreffen, eine Debatte über die Schwächen des diktatorischen Systems und die Möglichkeiten seiner Überwindung vorstellen können. Doch schnell merkt man, dass es in Wirklichkeit vor allem um das komplexe Verhältnis dieser beiden Männer zueinander ging und darüber, was darin an unterschiedlichen Strategien für Leben, Widerstand und Eigensinn steckt.

          Keine einverständige Vertrautheit

          Von Beginn an ist die Rollenverteilung klar: Die beiden sprechen nicht von gleich zu gleich, sondern Liao ordnet sich Ai als Fragesteller unter. „Er ist der berühmteste Mensch, den ich jemals interviewt habe“, so macht Liao sich selbst klein, „da musste ich mir erst mal Mut antrinken.“ Liao dreht sich in seinem Sitz ständig halb zu seinem Gesprächspartner herüber, während Ai unbewegt nach vorne ins Publikum schaut, wenn er sich nicht sogar zur anderen Seite seinem Dolmetscher zuwendet.

          Doch bald wird auch klar, dass Liao die freiwillige Unterordnung nutzen möchte, um als Repräsentant einer Öffentlichkeit aufzutreten, die von Ai wieder die konfrontativen Aussagen haben will, die ihn berühmt gemacht haben. Und dass Ai, immer wenn ihm das zu viel wird, zu einem Tritt vors Schienbein ausholt und etwa sagt: „Liao ist ja eigentlich ein hervorragender Schriftsteller, aber irgendwie scheint er heute irgendwelche Antipathien zu haben, da kommt das nicht so richtig zum Zuge.“ Auf Instagram hatte Ai in den letzten Wochen anrührende Fotos von Liao veröffentlicht, wie der in der Berliner U-Bahn schläft, im Gras alle viere von sich streckt und Ais kleiner Sohn ihn mit dem Gartenschlauch nass spritzt. Da konnte man das Gefühl haben, die beiden Männer, die sich vorher nicht persönlich begegnet waren, hätten zu einer einverständigen Vertrautheit gefunden – was insofern nicht selbstverständlich ist, als ihre Entwicklung in der Fremde in gewisser Weise gegenläufig ist: Während Liao erst in Deutschland zu einem politischen Dissidenten wurde, der frontal das System angreift und sogar ein Zerbrechen Chinas fordert, wählt Ai, seitdem er Peking verlassen hat, eine viel bedächtigere Sprache als früher.

          Kraftlos im zentralistischen System

          In der Philharmonie spricht ihn Liao nun direkt auf das Interview an, in dem Ai gesagt hatte, die Verhaftung der Bürgerrechtsanwälte, die kürzlich in China stattfand, sei keine große Sache. Was habe er damit gemeint? „Ich will nicht so verstanden werden, dass ich für das Regime spreche“, sagt Ai und zitiert für seine Haltung aus einem Gedicht von einem zum Tode Verurteilten: „Geköpft zu werden bedeutet gar nichts.“ Nicht im Verhältnis zum Recht, sondern zur chinesischen Geschichte habe er die Verhaftungswelle als kein großes Thema bezeichnet; nach der kommunistischen Machtergreifung seien Millionen Menschen verhaftet worden. Seither habe das Land Fortschritte nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch bei den Gesetzen gemacht, auch wenn es von einem Rechtsstaat noch weit entfernt sei.

          Ai betont, dass ihm die Verhaftungen selbst nahegegangen seien, weil auch zwei seiner Anwälte betroffen gewesen seien, und dass diese Anwälte einen festen Platz in den Geschichtsbüchern hätten. Er habe sich auch für sie eingesetzt. „Aber alle Appelle kommen mir so kraftlos vor. Das zentralistische System gibt den Menschen das Gefühl, dass ihre Existenz zutiefst sinnlos ist.“ Solange China noch kein Rechtsstaat sei, müsse jeder Bürgerrechtsanwalt mit einer Verhaftung rechnen, und er frage sich wirklich, warum man ein so großes Thema daraus mache.

          Offensichtlich ist es die sentimentale Bespiegelung der eigenen Betroffenheit, die Ai Weiwei gegen den Strich geht, die Einforderung nicht von Engagement, sondern von Engagement-Kitsch, der dem Ernst der Lage nicht gerecht wird. Immer wieder weist er die großen Begriffe, die Liao ihm andient, zurück. Freiheit? Schwer darüber zu reden. Seitdem er in Deutschland lebe, fühle er sich vor allem ruhiger, weil er versuche, die Dinge rational anzugehen. Widerstand? Kann man die Protagonisten der Demokratiebewegung von 1989, von denen viele in den Westen gegangen waren, heute noch als Helden ansehen? In verschiedenen Wissensbereichen, sagt Ai, seien bestimmte Methoden zu einer bestimmten Zeit sinnvoll und später dann wieder nicht mehr. So sei auch Widerstand in einem bestimmten Kontext wichtig, und in einem anderen verliere er seinen Gegenstand.

          Zum Schluss der Zusammenstoß

          An einer Stelle nimmt Ai dann auch die hohe Warte auf die Schippe, von der aus in Deutschland oft auf die Welt geblickt wird – auf eine sehr ironisch indirekte Weise allerdings. Liao hatte aus einem Interview zitiert, in dem Ai sagte, er sei ein Baum, der wachse. „Worin aber bestehen denn die Wurzeln dieses Baums?“, fragt er. „Ich bin manchmal naiv und habe Illusionen“, sagt Ai in Anspielung auf das Befremden, das seine Interviews in Deutschland zum Teil ausgelöst haben. 2007 hatte auf der Documenta in Kassel ein Gewitter seine Installation alter Stühle umgeworfen. Er habe das einfach so hinnehmen müssen, es hätte nichts geholfen, wenn er gesagt hätte: „Diese alten chinesischen Stühle halten einem modernen deutschen Gewitter einfach nicht stand.“

          In anderem Zusammenhang sagte er, nur einmal, während seiner Haft, habe ihn die Angst befallen, sich nicht mehr in seiner ureigenen Lebendigkeit ausdrücken zu können. Das scheint für Ai Weiwei auch sonst das entscheidende Kriterium zu sein. Zum Schluss gibt es dann noch mal einen Zusammenstoß. Liao fragt Ai, ob er überhaupt wisse, dass er mit einem politischen Flüchtling rede. „Wenn du nicht mehr nach China einreisen kannst, wirst du dann auch ein politischer Flüchtling sein? Und wirst du dann dein riesiges Berliner Atelier Flüchtlingen als Unterkunft zur Verfügung stellen?“ „Ich sehe es nicht so“, gibt Ai zurück, „dass du ein politischer Flüchtling bist. Dir geht es gut hier, du verdienst mit deinen Büchern ausreichend Tantiemen, um dich zu alkoholisieren.“ Ob er selbst wieder ein- und ausreisen dürfe, könne niemand sicher vorhersagen. „Und mein Atelier soll ein Atelier bleiben.“ Liao Yiwu daraufhin: „Ich mag dich, weil du ein aufrichtiger Mensch bist.“ Er spielt auf der Flöte ein Stück, das er aus Dankbarkeit für Herta Müller „Atemschaukel“ genannt hat, und anschließend versucht er etwas ungelenk, Ai Weiwei zu umarmen.

          Quelle: F.A.Z.

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