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Veröffentlicht: 26.08.2013, 14:03 Uhr

Ägyptischer Schriftsteller Alaa al-Aswani „Wir sind der Demokratie näher als je zuvor“

Warum er die Muslimbrüder für Terroristen hält und sein Vertrauen in das Militär und das Volk ungebrochen ist: Ein Interview mit dem ägyptischen Schriftsteller Alaa al-Aswani.

© Fricke, Helmut Der demokratische Schriftsteller, der den Militärs in Ägypten alles Gute und Richtige zutraut: Alaa al-Aswani.

Herr Alaa al-Aswani, als wir zuletzt vor fünf Wochen miteinander sprachen, hatte das ägyptische Militär Präsident Mursi gerade gestürzt - Sie haben das gutgeheißen. Mittlerweile hat das Militär unter den Muslimbrüdern ein Massaker angerichtet und etliche ihrer Anhänger festgenommen. Haben die Ereignisse der vergangenen Tage Ihre Meinung geändert?

Niemand kann glücklich über die Gewalt sein. Aber ich bin zufrieden mit der Auseinandersetzung zwischen der ägyptischen Straße und den terroristischen Gruppen, denn für mich sind die Muslimbrüder keine politische Partei mehr. Sie haben Dutzende Kirchen angezündet und Menschen getötet. Erst am Freitag haben sie den Christen gedroht, sie benutzen Panzerfäuste und setzen Polizeistationen in Brand. Wir haben es also mit einer terroristischen Gruppe zu tun. Deswegen denke ich auch, dass wir uns im Augenblick im Krieg befinden, zwischen dem ägyptischen Volk und den Muslimbrüdern. Ich bin sehr optimistisch, denn ich weiß, wir werden diesen Kampf gewinnen

Wenn man eine Organisation, die vor kurzem noch als politische Partei anerkannt war, zu einer terroristischen Gruppe erklärt, läuft man dann nicht Gefahr, sie in den Untergrund zu treiben und tatsächlich zu radikalisieren?

In meiner Straße war eine Bastion der Muslimbrüder, die haben das Feuer auf jedermann, auch auf Leute, die sich in Häuserfenstern zeigten, eröffnet. Wenn jemand Menschen tötet und foltert, Kirchen niederbrennt und Polizeistationen angreift, dann muss man ihn als Terroristen bezeichnen. Wenn diese Leute keine Terroristen sind - wer soll dann ein Terrorist sein?

Die Muslimbrüder und ihr Präsident Mursi waren aber gewählt ...

Erstens: Es war Mursi, der versucht hat, einen Staatsstreich zu organisieren, als er im November 2012 ein Dekret erließ, mit dem er seine eigenen Entscheidungen über das Recht zu stellen versuchte. Zweitens: Wir haben in jedem Fall das Recht, einem gewählten Präsidenten das Vertrauen zu entziehen - so wie in jeder Demokratie. Normalerweise funktioniert so etwas über die Parlamente, aber wir haben kein Parlament, weil es vom Obersten Gericht aufgelöst worden ist. Wenn es kein Parlament gibt, geht die Macht wieder auf das Volk über. So kam es zu der Unterschriftenkampagne, bei der zweiundzwanzig Millionen Menschen vorgezogene Präsidentenwahlen forderten. Die Armee hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht eingemischt und später hat sie die Menschen beschützt. Wir haben ja jetzt gesehen, wie gewaltbereit die Muslimbrüder sind. Die Armee hat Mursi dreimal gewarnt, er möge auf das Volk hören. Er hat das abgelehnt. Dann hat die Armee die Kirchen, islamische Gruppen, Mohamed El Baradei und die Jugend der Tamarrod-Bewegung eingeladen, eine Roadmap hin zu einer echten Demokratie zu entwerfen.

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Was macht Sie so sicher, dass sich das Militär an diesen Fahrplan halten wird, dass es die Macht wieder abgeben und nicht eine neue Militärdiktatur errichten wird?

Die Roadmap sieht vor, dass in ein paar Monaten Wahlen stattfinden und es einen neuen Präsidenten und ein Parlament geben wird. Und warum ich so sicher bin, dass wir keine Militärdiktatur bekommen? Weil ich an die Menschen und an die Revolution glaube. Die wirkliche Revolution lag darin, dass Menschen eines Tages bereit waren, für ihre Freiheit zu sterben. Das ist es, was in Ägypten passiert ist. Die Ägypter von heute sind nicht mehr dieselben wie die Ägypter unter Mubarak. Deswegen vertraue ich ihnen. Wenn sie in der Lage sind, innerhalb von zwei Jahren zwei Präsidenten zu stürzen, dann glaube ich nicht, dass sie eine wie auch immer geartete Diktatur in Ägypten akzeptieren werden.

Es hat sich eine antiwestliche Stimmung, eine Form von Nationalismus in Ägypten breitgemacht. Westliche Journalisten, die kritisch über das Agieren des Militärs berichten, sind getötet oder bedroht worden. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Ich lese die ausländische Presse jeden Tag. Die meisten sind gegen das Militär und sprechen von einem Putsch. Die Berichterstattung ist nicht professionell und nicht fair. Sie können hier problemlos mit Ägyptern reden, die keine Muslimbrüder sind und die sich gegen das Einschreiten des Militärs ausgesprochen haben. Es gab die ganze Zeit über Leute, die gegen die Revolution waren, und dazu hat jeder das Recht. Aber hier ist der wichtige Unterschied: Begegnet der Staat einer Gruppe von politischen Gegnern oder von Terroristen? Für mich sind die Muslimbrüder so etwas wie es die Gruppe um Baader-Meinhof in Deutschland war. Und genauso muss man sie behandeln.

Sie haben die Hoffnung also nicht aufgegeben, dass Ägypten eines Tages ein demokratisches Land sein könnte?

Ich glaube, dass wir der Demokratie näher sind als jemals zuvor. Ich glaube an die Roadmap und daran, dass die Menschen diese Übergangsphase beschützen. Und ich glaube, dass wir diese terroristischen Gruppen loswerden, die durch Wahlen an die Macht gelangt sind und dann das demokratische System stürzen wollten.

Alaa al-Aswani ist einer der bekanntesten Schriftsteller seines Landes. Sein Roman „Der Jakubijan-Bau“, der von der ägyptischen Gesellschaft unter Mubarak erzählt, ist 2007 im Lenos Verlag auf Deutsch erschienen.

Die Fragen stellte Lena Bopp.

Quelle: F.A.Z.

 

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