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„The Wire“ : Ein Balzac für unsere Zeit

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Der Roman der Gegenwart ist eine DVD-Box: Amerikanische Serien wie „The Wire“ beweisen die Emanzipation einer epischen Form von der Unterhaltungsindustrie und sind längst zum ernsthaften Konkurrenten der Literatur geworden.

          Kein Roman der vergangenen Jahre hat mich so sehr beschäftigt wie die amerikanische Fernsehserie „The Wire“. Ganze Nächte habe ich durchgeschaut, wochenlang wollte ich mit Freunden und Kollegen über nichts anderes reden. Überall ergaben sich Anknüpfungspunkte, Parallelen, Vergleichsmöglichkeiten. Der jeweils nach dem Prolog, dem cold open der einzelnen Folge, einsetzende Titelsong „Way Down in the Hole“ legte sich als Soundtrack unter meinen ganzen Alltag. Ich lebte in Baltimore, Maryland, war corner boy und Drogenfahnder, Lehrer und Sozialarbeiter, Bürgermeister und Junkie. Ein Serienkiller, ein Triebtäter, ein Fernsehsüchtiger.

          „The Wire“-Schauen ist nicht nur irgendein beliebiges, zeitraubendes Hobby, das vom Lesen abhält, wie Online-Games oder Fußballspiele. „The Wire“ ist eben nichts völlig anderes als die Romane und Erzählungen, mit denen ich sonst meine Tage und Nächte verbringe. Kein Roman hat mich so beschäftigt wie „The Wire“ – das ist auch so zu verstehen: „The Wire“ ist ein Roman. Einer der besten.

          Erzählte Soziologie

          „The Wire“, geschrieben und koproduziert vom ehemaligen Polizeireporter David Simon, ist eine fünf Staffeln umfassende Crime-Serie, die in Baltimore, Maryland, spielt und von 2002 bis 2008 auf dem amerikanischen Bezahlsender HBO lief. Das Grundgerüst der Handlung ist die Gegenüberstellung zweier sich vielfach berührender Sphären: der Welt der Drogenbanden und der der Polizei, die vor allem mittels Fangschaltungen und dem Abhören von Telefongesprächen („wire tap“) den kriminellen Strukturen auf die Schliche zu kommen versucht.

          Jimmy McNulty, eine der Hauptfiguren in „The Wire”, mit Kollegen im nächtlichen Baltimore
          Jimmy McNulty, eine der Hauptfiguren in „The Wire”, mit Kollegen im nächtlichen Baltimore : Bild: Paul Schiraldi Photography

          Es gehört zu den Besonderheiten der Serie, dass Kriminelle und Ermittler parallel präsentiert werden: in ihren privaten Beziehungen, in ihren persönlichen Schwächen, in den erbitterten Rivalitäten und Machtspielen auf allen Ebenen der Hierarchie, in ihrem Scheitern an korrupten Strukturen und ungeschriebenen Gesetzen. Indem in jeder Staffel neue Institutionen in den Fokus geraten – die Gewerkschaften, das Schulwesen, die Kommunalpolitik, die Medien – weitet sich die Krimiserie zum Gesellschaftspanorama. Im urbanen Mikrokosmos Baltimore entsteht ein hochdifferenziertes Bild der sozialen Wirklichkeit Amerikas.

          Der Berliner Schriftsteller Martin Kluger, ein „Wire“-Fan der ersten Stunde, nennt die Serie eine „Comédie humaine der Gegenwart“. Ihr Aufbau und ihre Kunst der Verdichtung und des Schnitts entsprechen den Verfahren der großen Gesellschaftsromane des neunzehnten Jahrhunderts: „David Simon ist Balzac.“ Der Journalist Nicolas Kulish hatte bereits 2006 in der „New York Times“ geschrieben: „So nahe wie in dieser Serie sind bewegte Bilder der Tiefe und dem Nuancenreichtum des Romans noch nie gekommen.“ Auf Online-Foren und in der Medienwissenschaft wird schon lange darüber diskutiert, ob „The Wire“ der gültige Roman unserer Epoche ist.

          Der Zuschauer als Ermittler

          Was aber meint man, wenn man „The Wire“ als Roman bezeichnet? Offensichtlich ist es ja ein Film, und als visuelles Medium stehen ihm bestimmte Möglichkeiten literarischer Narration nicht zur Verfügung – wie die Innenschau, das Erzählen im Konjunktiv und anderes. Dennoch verfügt „The Wire“ über einige Eigenschaften, die bisher ausschließlich dem Roman vorbehalten waren. Zunächst die schiere Länge. Auch führt es in die Irre, „The Wire“ als „Serie“ zu betrachten. Denn es fehlt die serienspezifische (relative) Abgeschlossenheit der Einzelfolgen, ja, selbst der ganzen Staffeln. Bei „The Wire“ ist es beinahe unmöglich, mittendrin einzusteigen, da die Autoren den Zuschauer nicht bei der Hand nehmen. Viel stärker als bei normalen Serien muss er die Zusammenhänge, die Beziehungen der Figuren, selbst die Bedeutung ihrer Jargons und Fachsprachen erschließen.

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