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Texte von Lévi-Strauss Wir sind alle Kannibalen

Den Mythen der Gegenwart auf der Spur: In Frankreich ist ein Sammelband mit Artikeln von Claude Lévi-Strauss erschienen. Die Aktualität des Ethnologen erweist sich neu.

© picture-alliance / akg-images Vergrößern Seine Schriften und sein Denken bleiben wirkmächtig: Claude Lévi-Strauss im Jahr 1981

Als der Kalte Krieg zu Ende ging, war Claude Lévi-Strauss schon mehr als achtzig Jahre alt. Sein wissenschaftliches Werk hatte er weitgehend abgeschlossen. Aufmerksam beobachtete er die Aktualität. Doch mit ihrer Kommentierung hielt er sich zurück. Politische Stellungnahmen lehnte er ab. Im Gegensatz zu Sartre und den anderen Strukturalisten wie Lacan, Foucault oder Roland Barthes war er in den Medien und Debatten wenig präsent. Nur ein Angebot der noch jungen italienischen Zeitung „La Repubblica“, das ihn kurz vor dem planmäßigen Abschluss seiner Hauptwerke erreichte, hat er nicht ausgeschlagen.

Von 1989 bis 2000 schrieb er für das Blatt insgesamt sechzehn Artikel, also nicht viel mehr als einen pro Jahr. Keine französische Zeitung hat sie je nachgedruckt. Wie eine Offenbarung erscheinen sie jetzt postum in einem Band, der „Nous sommes tous des cannibales“ heißt - wir sind alle Kannibalen (Editions du Seuil).

Weihnachten und seine Rituale

Der Herausgeber Maurice Olender hat dem Buch den unvergessenen Lévi-Strauss-Essay „Le père noël supplicié“ vorangestellt. Lévi-Strauss - noch waren seine „Traurigen Tropen“ nicht erschienen - schrieb ihn für Sartres Zeitschrift „Les Temps modernes“. In Dijon war am 24. Dezember 1951 ein Weihnachtsmann an der Kathedrale aufgehängt und schließlich verbrannt worden. Der Aktion ging eine landesweite Kampagne voraus. Der rote Weihnachtsmann kam als Fremder aus der Neuen Welt und drohte die traditionellen Krippen zu verdrängen. Auch Antiamerikanismus spielte beim Kulturkampf gegen den „heidnischen Charakter“ des Weihnachtsmanns mit.

Lévi-Strauss stellt ihm den strafenden Nikolaus europäischer Provenienz gegenüber. Unterschiedliche Rituale, so führt er aus, haben Weihnachten begleitet. Es sei ein „Fest, bei dem die Toten die Lebenden besuchen“. Doch in einer modernen Gesellschaft von Lebenden werden die Toten ersetzt: „Deshalb erstaunt es nicht, dass die Fremden, Sklaven, Kinder die Bescherten dieses Fests sind.“ Kinder stehen für die Engel und diese für die Toten, denen ein Essen zubereitet wird. Dazu gehören die Geschenke. „Nur selten“, freute Lévi-Strauss sich, „ist es dem Ethnologen vergönnt, in seiner eigenen Gesellschaft die Entstehung eines Rituals, ja fast schon eines Mythos zu beobachten.“

Beschneidungsverfahren im Vergleich

Mit gleicher Lust widmete er sich vierzig Jahre später den Aufsätzen für die „Repubblica“. Der Tod von Lady Di wird zum Aufhänger für Betrachtungen über die Rolle des Onkels mütterlicherseits. Im Jahr 2000 schrieb Lévi-Strauss über einen amerikanischen Mediziner, der das Bevölkerungswachstum als Verbreitung eines Krebsgeschwürs von Afrika aus über die ganze Erde hinweg beschreibt. In „Die weibliche Sexualität und die Begründung der Gesellschaft“ geht es um den Eisprung und die Tatsache, dass sich Menschen als einzige Säugetiere in jeder Jahreszeit fortpflanzen können. Der Erwerb der Sprache erlaube es, die Bereitschaft zur Paarung anders zu kommunizieren, „die Kultur hat die Natur verändert und nicht umgekehrt“.

Der Aufsatz „Excision, künstliche Befruchtung“ könnte noch für einigen Wirbel sorgen. Die „Repubblica“ hatte ihn im November 1989 publiziert. Lévi-Strauss vergleicht darin die Beschneidung von Mädchen mit jener von Knaben, die im Westen niemanden schockiere: „Diese Metaphysik, diese Art des Denkens ist nicht unsere. Wir können trotzdem ihre Logik anerkennen und für ihre Größe und Schönheit empfänglich sein.“

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„Wir sind alle Kannibalen“: Lévi-Strauss begründet seine Feststellung, die dem Sammelband den Titel gibt, mit Bluttransfusionen und Organtransplantationen. Vom Rinderwahn kommt er auf die Krankheit Kuru zurück, die sich im zwanzigsten Jahrhundert in Neuguinea seuchenartig verbreitet hat. Er spricht von der „Weisheit der verrückten Kühe“ und stellt fest, dass der Mensch die Solidarität mit den anderen Gattungen aufgekündigt habe.

Die Landwirtschaft ist nicht nur ein Segen für die Menschheit, die „Wirtschaft des Sammelns“ sei ihr in gesundheitlicher Hinsicht überlegen und erfordere weniger Arbeit. Der 2009 im Alter von hundert Jahren verstorbene Autor äußert seine Sympathie für die Utopien von Auguste Comte und plädiert für einen Verzicht auf die „unrentable“ Massentierzucht. Die Herden sollen wieder in die Wildnis überführt werden und der Mensch seine „Lust auf Fleisch“ durch die Jagd stillen. Es bliebe dann außergewöhnlichen Mahlzeiten vorbehalten, die mit einer „Mischung aus religiöser Ehrfurcht und Angst“ verzehrt würden, die Kannibalen auszeichne.

Die Aufsätze sind allesamt methodische Lektionen, erstaunen in ihrer Aktualität noch heute und zeigen, wie unsere Gesellschaft aller Aufklärung zum Trotz von Mythen und Ritualen geprägt ist. Der Band hat das Zeug zum Kultbuch: wie Roland Barthes’ viel oberflächlichere „Mythen des Alltags“.

Quelle: F.A.Z.

 
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