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„Tabu“ im Kino Wie Bruder und Schwester

Deutsche Filme über große Dichter laufen fast immer nach dem gleichen Muster ab. Christoph Starks „Tabu“ über Georg Trakl und seine Schwester Margarethe macht nun alles ganz anders.

© dpa Vergrößern Die Schwester als Muse des Dichters: Peri Baumeister und Lars Eidinger in „Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“

Wir kennen das Spiel. Das Genie kommt zur Welt, wächst heran, dichtet, verliebt sich, wird enttäuscht, bricht zusammen, dichtet noch mehr, überwindet sich und reift zum Klassiker. So gut wie alle Goethe-, Schiller- und Hölderlin-Filme funktionieren so, und wenn es dereinst Kinoporträts über den jungen Walser und den frühen Handke geben wird, dann laufen auch sie nach diesem Muster ab, nur dass anstelle der Postkutschen dann Opel-Limousinen und VW Käfer durch den Bildhintergrund fahren werden.

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In Christoph Starks „Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“ ist aber nun alles ganz anders. „Tabu“ ist ein Film über den Dichter Georg Trakl, der neben Benn und Heym die Lyrik des deutschen Expressionismus begründete, und seine Schwester Margarethe - und auch wieder nicht. Denn Stark hat sich nicht an die historischen Fakten geklammert. Er hat den Kern der Geschichte genommen und frei ausfabuliert. Vor allem aber hat er für das Liebesdrama, das er zeigen wollte, die richtigen, die allerbesten Schauspieler gefunden.

Restlos bewiesen ist der Inzest nicht

Der Kern der Geschichte ist der Inzest zwischen Trakl und Margarethe. Restlos bewiesen ist dieses Verhältnis nicht, doch es gibt das Gedicht „Blutschuld“ (das im Film etwas zu oft zitiert wird), in dem vom „Lager unserer Küsse“ und von „verruchter Wollust Süße“ die Rede ist, und ein paar andere zweideutige Verse. Auch der Umzug der Geschwister aus Salzburg nach Wien, wo Georg Pharmazie und Margarethe Musik studiert, ist dokumentiert.

Aber dann stoßen sich Stark und seine Drehbuchautorin Ursula Mauder vom Ufer der Tatsachen ab und erzählen ihre eigene Version des Geschehens. Im wahren Leben ging Grete Trakl nach Berlin und heiratete einen Buchhändler; im Film bleibt sie in Wien und ehelicht ihren Musiklehrer. Ihr Bruder hat die Liaison selbst arrangiert, um seine Schwester ungestört aus der Ferne lieben und bedichten zu können. Nichts wäre dem echten Trakl fremder gewesen.

Sie hat in der Geschichte den Rock an

Dazu kommt, dass Lars Eidinger und Peri Baumeister ihren historischen Vorbildern nicht im Geringsten ähnlich sehen. Georg und Grete Trakl waren keine Fotomodelle, sie hatten breite Wangen und grobe, verschattete Züge. Peri Baumeister aber ist eine Elfe mit dem Furor einer Leopardin. Schon der Anfang des Films, in dem sie im Zug aus Wien nach ihrem Bruder sucht, wirbelt alle Blickrichtungen durcheinander, er zeigt, wer in dieser Geschichte den Rock anhat. Am Ende ist es Margarethe, die die Konsequenz aus der Feigheit ihres Bruders zieht. Er wollte sie als Muse, sie wollte ihn als Mann, und so gibt sie ihm den Abschied, stolz, auf blühender Wiese, wie eine Heroine von Strindberg oder Monet.

Noch wichtiger für die Statik des Films ist Lars Eidinger. In Maren Ades „Alle anderen“ wirkte er noch preziös und selbstverliebt; hier aber merkt man, dass er inzwischen Hamlet und Stanley Kowalski gespielt hat. Sein Trakl verfasst keine Gedichte, er schreibt sie sich vom Hals. Alles ist ihm zuwider, die Stadt, das Studium, selbst die Drogen, mit denen er sich betäubt; nur im Bett der Schwester kann er sich von seinem Weltekel ausruhen.

Ruhm hilft nicht gegen Todessehnsucht

Die todessüchtigen Dichter des Expressionismus waren Kraftnaturen, das sieht man bei Eidinger zum ersten Mal. Und Starks Regie nimmt die Bewegung auf, sie lässt die Inzestliebe im k.u.k. Wien wie eine Love Story von heute aussehen. Was Stark in seinem Kinodebüt „Julietta“ nach Kleists „Marquise von O.“ nicht geglückt ist, die brutale Neuerfindung eines Klassikers, das gelingt ihm hier.

Nur der Nachspann will nicht zu der Geschichte passen. Trakl, der als Sanitäter die Verwundeten der österreich-ungarischen Armee versorgen musste, nahm sich im November 1914 das Leben, seine Schwester schoss sich drei Jahre später eine Kugel in den Kopf. Also hat die Liebe doch kein Ende gefunden. Oder der Ruhm reichte nicht aus, die Todessehnsucht zu besiegen. Die Diskrepanz zwischen dem, was der Film zeigt, und dem, was wir wissen, zittert über das Ende hinaus nach, aber nicht zu seinem Schaden. Manchmal ist die Geschichte, die es niemals gab, die bessere.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 05.06.2012, 09:16 Uhr