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Syrische Autorin Samar Yazbek : Schreie nach Freiheit

Für Poesie ist kein Platz: „Warum bewegt sich die Welt nicht, warum hält sie still, wenn es jeden Tag ein neues Massaker gibt?“, fragt Samar Yazbek Bild: Julia Zimmermann

Der Schock von Hula: Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek streitet beim Kölner Festival „Wider die Müdigkeit!“. Emotional aufgewühlt berichtet sie von gezielten Tötungen in Syrien.

          „Rosa Yassin Hassan ist nicht hier“, sagt Insa Wilke, die Leiterin des Kölner Literaturhauses, knapp. Auf dem Podium in der Fritz Thyssen Stiftung, die das ehemalige Amerikahaus bezogen und stilecht-elegant saniert hat, bleibt ein Platz leer. „An den deutschen Behörden“ sei, so Wilke, der Besuch der syrischen Autorin, die kein Visum erhalten habe, gescheitert, die Botschaft sei völlig überfordert, werde mit Anträgen überflutet, die Zuständigkeiten seien unklar und eine Ausreise auf dem Landweg über die Türkei zu gefährlich. Noch Anfang des Jahres war die Schriftstellerin und Journalistin, von deren sechs Romanen nur einer, „Ebenholz“, in einer zensierten Form in ihrer Heimat erscheinen konnte, noch nach Frankfurt gekommen, um über die Lage zu berichten: Über ein Leben in Angst, in dem es immer schwieriger werde, die Verletzten mit Medikamenten und Nahrung zu versorgen und die Kommunikation unter den Aufständischen aufrecht zu erhalten, über Unterdrückung und Überwachung.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          „Wir lassen die Leerstelle“, betont Wilke, „als Zeichen“. Auch dafür, dass es immer schwieriger wird aus Syrien zuverlässige Nachrichten zu erhalten. Journalisten kommen so gut wie keine mehr ins Land, die Angst des Regimes vor der Presse sei, so die Übersetzerin Larissa Bender, „besonders groß“. Umso mehr sieht sich Samar Yazbek, die im Juni 2011 nach Frankreich emigriert ist, in der Verantwortung, das Fenster offen zu halten und über ihre Kontakte Informationen nach außen zu tragen. Vor drei Monaten ist ihr Tagebuch „Schrei nach Freiheit“, das sie vom 25. März bis 15. Juni 2011 geführt hat, auf Deutsch erschienen, ein „Bericht aus dem Innern der syrischen Revolution“, in dem sie Grausamkeiten und Verwüstungen aus erlebter Nähe notiert. Seitdem ist sie von Podium zu Podium unterwegs, liest, diskutiert, publiziert. In Köln, wo sie auf dem Festival „Wider die Müdigkeit!“ spricht, steht sie unter dem Schock des Massakers von Hula, in dem hundertdreißig Menschen, darunter fünfzig Kinder, ermordet wurden: „Leider ist es das vergossene Blut der Kinder, das Syrien wieder in die Medien gebracht hat.“

          Revolution geht nur ohne Blut

          Als „Wendepunkt in meinem Leben“ benennt Yazbek, die auch als Moderatorin für das Fernsehen gearbeitet hat und aus einer privilegierten alawitischen Familie kommt, den Moment, als sie sah, dass Demonstranten gezielt getötet wurden. Ihre Aufzeichnungen über „Menschen, die in ihren Wohnungen geschlachtet, Kinder, die mit Äxten getötet wurden“, verfolgen die breiter werdende Blutspur des despotischen Regimes, um die perfide Strategie aufzudecken, mit der es die Weltöffentlichkeit lange täuschen konnte: Indem er Sunniten, Alawiten und auch Christen gegeneinander aufhetzte, habe Baschar al Assad den Eindruck eines konfessionellen Konflikts heraufbeschworen und sich als Beschützer der Bevölkerung vor einem Terror hingestellt, den es selbst inszeniert hat.

          Auf die populistische Radikalisierung von religiösen, ethnischen und kulturellen Unterschieden war in der vorangegangenen Diskussionsrunde der serbische, seit 1992 in Berlin lebende Schriftsteller Dragoslav Dedović eingegangen, der erhellende Parallelen zum Balkankrieg zog. „Wenn die Sunniten sich so verhalten wie die Schiiten im Irak, bekommen wir in Syrien ein zweites Irak“, fürchtet er - eine Gefahr, die auch der deutsch-libanesische Aktivist Fouad Hamdan, der in Amsterdam als Politikberater arbeitet, für möglich, wenn auch nicht für wahrscheinlich hält. Auf die Unterschiede zu Tunesien angesprochen, verweist die Journalistin und Frauenrechtlerin Sihem Bensedrine darauf, dass sich in ihrer Heimat Sicherheitskräfte und Militär auf die Seite der Bevölkerung gestellt haben und der Diktator fliehen musste. Eben das hält Dedović für entscheidend: „Nur ohne blutige Hände erhält man eine demokratische Revolution.“ Für Syrien ist er deshalb „nur vorsichtig optimistisch“, während Hamdan ganz euphorisch voraussagt, dass Hula den Untergang des von Assad beschleunigen werde: „So einem Typen kann man nicht mehr die Hand reichen.“ Der Domino-Effekt, den Hamdan erwartet, reicht bis nach Russland: „Putin und Co. haben Angst, dass es, wenn Syrien fällt, auch sie erwischt.“

          Der Auftritt von Samar Yazbek, die physisch erschöpft und emotional aufgewühlt wirkt, zeigt auch die Literatur in extremer Bedrängnis. So übermächtig sind die Schrecken der Politik, dass für Poesie, wie sie in „Schrei nach Freiheit“ Form wird, kein Platz bleibt: „Warum bewegt sich die Welt nicht, warum hält sie still, wenn es jeden Tag ein neues Massaker gibt?“ lautet der Kern von Yazbeks Verzweiflung. Larissa Bender versucht eine Antwort: „Ich glaube, dass es an Solidarität fehlt, weil im Westen noch nicht verstanden wird, in welche Gesellschaft es führt, wenn soviel Hass aufgebaut wird. Wenn das Regime an der Macht bleibt, werden die Salafisten noch stärker, das ist eine Bedrohung.“ „Schrei nach Freiheit“ wird in Kürze auch auf Englisch erscheinen. Als Pflichtlektüre für UN-Bedienstete könnte das Buch die Kraft der Literatur beweisen.

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