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Sonntag, 19. Februar 2012
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Sven Regener Wer zuerst sagt, was er wirklich will, hat verloren

06.09.2004 ·  „Herr Lehmann“ ist wieder da - und er muß zum Bund. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Sven Regener über seine Lehmann-Fortsetzung „Neue Vahr Süd“, seine politischen Lehrjahre und das alte Römische Reich.

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Bis zum Jahr 2001 kannte man Sven Regener (43) eigentlich nur als Sänger, Texter und Trompeter der Band "Element of Crime". Und dann erfand er plötzlich diesen Herrn Lehmann. Den großen Kreuzberger Bierphilosophen, der in dem Roman, der seinen Namen trägt, der Welt bewiesen hat, daß im Herbst 1989 kein Ort den welterschütternden Ereignissen an der Berliner Mauer ferner lag als die Tresen von Kreuzberg.

Regeners Roman war bei den Lesern ein gigantischer Erfolg, der sich noch steigerte, als ihn der Regisseur Leander Haußmann verfilmte und letztes Jahr in die Kinos brachte. In diesen Tagen erscheint die Fortsetzung des Romans, die zeitlich jedoch vor dem ersten Teil spielt. Herr Lehmann ist erst 19, noch nicht in Berlin, sondern noch in "Neue Vahr Süd", einem unschönen Neubauviertel im Osten Bremens, in dem er, ebenso wie Sven Regener, aufgewachsen ist. Herr Lehmann gerät in die Bundeswehr, in K-Gruppen und verhängnisvolle Liebschaften. Er verläßt das Elternhaus und beginnt das Leben. Was für ein Buch! (Sven Regener: "Neue Vahr Süd". Eichborn Berlin. 2004. 582 Seiten. 24,90 Euro) Wir haben mit seinem Autor gesprochen.

Die Hauptfigur Ihres neuen Romans kennen wir bereits: Es ist derselbe Frank Lehmann, der in "Herr Lehmann" von 2001 die Hauptrolle spielte. Diesmal ist er nur noch jünger. Und da fällt auf: Der junge Herr Lehmann mag kein Bier und liest gerne. Warum diese Charakterveränderung?

Es gibt schon in "Herr Lehmann" Hinweise darauf, daß Frank Lehmann Bücher liest. Im neuen Roman spielt das Lesen einfach eine größere Rolle, weil Lehmann hier auf ganz andere Weise entwurzelt ist.

Lehmann liest bei jeder Gelegenheit Mommsens "Römische Geschichte". Warum nicht Gibbon, "Verfall und Untergang des Römischen Reiches“?

Mommsen ist radikaler als Gibbon: Seine Apologie von Julius Cäsar im dritten Band ist große Literatur. Wie er die weltgeschichtliche Leistung Cäsars aufschreibt und was gewesen wäre, wenn er die Germanen am Rhein nicht zurückgedrängt hätte, wie er Cicero abqualifiziert als "langweiligen Autor und grauenhaften Knitterkopf", da wird ja richtig um sich geschlagen.

Aber der Ton. Mommsen ist so schrecklich um Genauigkeit bemüht - da liest sich Gibbon doch viel besser.

Ich finde, Mommsen hat schon einen Klang, er ist ja ein wortgewaltiger Autor. Aber es stimmt, dafür muß man Freak sein. Und Lehmann ist halt ein Freak. Der denkt, ach, heute mach' ich mir mal einen schönen Abend und lese mal wieder Mommsens "Römische Geschichte".

Lehmann vergleicht Mommsen mit seiner Freundin Sibille - sie sei das genaue Gegenteil der "Römischen Geschichte", sagt er.

Das ist halt seine wirre Art zu denken. Er ist aufgewühlt und sagt deshalb Sachen wie: "Mommsens ,Römische Geschichte', na gut - aber das hilft mir jetzt nicht weiter."

Sehnt sich Frank nach jemandem, der ihm Sibille erklärt wie Mommsen das Römische Reich?

Das wäre viel schwieriger, als das Römische Reich zu erklären. Mir war wichtig, daß Mommsen auch eine verwandte Art von Spinner ist, jemand, der auf eine ganz bestimmte Art denkt - mit klarem Bewußtsein, aber auf relativ komplizierte Weise, ohne also zu vereinfachen oder ohne irgend etwas zu unterschlagen. Mit einer großen Liebe zur Wahrheit, aber durch den Detailreichtum dessen, was er betrachtet, ständig hin- und hergeworfen. Diese Art zu denken und zu schreiben muß Frank Lehmann, der auch so seltsam durchs Leben geht, sehr gut gefallen. Darum bin ich auch froh, daß ich das andere Buch zuerst geschrieben habe. Weil man aufgrund von "Herr Lehmann" den Mann erst mal als "Kreuzberger Schlaffi" eintüten würde. Jetzt aber wird deutlich: Dieser Mann hat eben auch eine Geschichte.

Die meisten Figuren im neuen Roman sagen nicht direkt, was sie meinen, sondern lassen lieber etwas durchschimmern. So stellen Franks Eltern ihm einfach einen kaputten Fernseher in sein Zimmer, als sie der Meinung sind, es sei an der Zeit für ihn, auszuziehen.

Ja, aber das geschieht eher unbewußt. Sie sind vermutlich ehrlich empört, als er ihnen das vorwirft. Das liegt aber in der Natur der Sache, des Menschen ohnehin. Kaum jemand ist in der Lage, direkt zu formulieren, was er wirklich will. Wer zuerst sagt, was er wirklich will, verliert.

Sehr deutlich wird das in den K-Gruppen-Gesprächen, an denen Frank teilnimmt.

Ja, da gibt es natürlich ohne Ende Möglichkeiten, dem anderen alles dialektischerweise im Mund herumzudrehen und ihn auf philologischer Ebene anzugreifen. Darum ist es immer besser, die Sachen verklausuliert vorzubringen, um sich nicht angreifbar zu machen. Es heißt doch immer: Jugend, angenehme Zeit und so, aber es ist eine sehr schwierige Zeit. Deshalb kann einen die Bundeswehr auch so stark verängstigen - man ist noch so beeindruckbar durch diese Brüllerei. Man hat alle Gewißheiten der Kindheit und Jugend verloren und von dem, was danach kommt, noch keine Ahnung.

Bei der Bundeswehr ist Frank aber doch auch recht angetan von dieser verwickelten militärischen Hierarchie.

Ja, die Dienstgrade, das ist eine Welt, die ihm gefällt, wie ihm vermutlich auch das Auseinanderklabüstern des römisch-republikanischen Gemeindewahlsystems bei Mommsen wahnsinnig gut gefällt, wo jeder andere - auch ich - es so genau gar nicht wissen will. Seine Anpassung kommt dann auch daher, daß ihn vieles an der Bundeswehr fasziniert. Gleichzeitig hat er natürlich keine Lust, sich zu unterwerfen und Befehle entgegenzunehmen. Er kämpft um seine Freiheit und wird dabei immer mehr zum guten Soldaten.

Er wünscht sich immer Zeit, um alles in Ruhe durchdenken zu können. Einmal klappt das sogar - und er kommt nach langem Denken zu dem Ergebnis, erst mal nichts zu unternehmen. Ist Lehmann vielleicht deshalb ein so guter Soldat, weil er die Bundeswehr gründlicher durchdacht hat als viele seiner Vorgesetzten?

Natürlich. Er hat irgendwann seinen Frieden gemacht mit dem Ganzen und ist bis zum Hals verschwunden im Stumpfsinn. Er ist nicht der Märtyrertyp, der totalverweigert. Würde man ihm auch nicht abnehmen. Es ist die Sichtweise, die ihm zu schaffen macht: Wenn er nur endlich wüßte, was er von dem Ganzen halten soll! Er will endlich begreifen, wie das Ganze funktioniert. Und das ist auch der Grund, warum er so schwerfällig ist und mit zwanzig immer noch bei seinen Eltern wohnt - weil er sich das andere einfach nicht vorstellt. Um so besser, wenn es ihm dann von alleine passiert.

Dann erst kommt der Denkprozeß in Gang.

Genau. Mir ist das ja sympathisch, daß er nicht so schnell zu allem eine Meinung hat. Er ist kein Laberfuzzi. Ich habe ja eher schnell eine Meinung. Da zeigt er mir so ein bißchen die andere Möglichkeit, wie man mit den Dingen umgehen kann.

Als Sie mit dem Schreiben begonnen haben - wer waren da Ihre Vorbilder?

Es gibt viele Autoren, die ich sehr liebe. Bei all dem, was ich mal versucht habe zu schreiben, war das erste Kapitel von "Herr Lehmann" das einzige, was mir wirklich gefallen hat. Da hatte ich zum ersten Mal nicht den Eindruck, daß ich mal wieder das, was ich bei anderen Leuten mag, zwanghaft nachgemacht habe. Sondern daß dies für mich die genuine Art ist, zu schreiben: die verschachtelten Sätze, all das, was man eigentlich nicht darf. Im Schulaufsatz käme da sofort der Kommentar: Das geht auch anders, Freund, lies doch mal Hemingway. Bei mir käme mir das gekünstelt vor, obwohl es mir sonst gut gefällt.

An welche Autoren denken Sie da?

Zum Beispiel Truman Capote. Der hat wundervolle Beschreibungen der Leute, Kleidung und Haare, alles wunderbar, etwa in "Andere Stimmen, andere Räume".

Sie dagegen beschreiben so wenig wie möglich - im Buch steht eigentlich nie, wie jemand aussieht.

Wenn es von jemandem heißt, er habe hervorstehende Wangenknochen und eng zusammenstehende Augen, dann sagt mir das nichts. Mich interessiert, wie sich die Leute verhalten, wie sie reden. Mit Landschaftsbeschreibungen ist es etwas anderes. Zum Beispiel in "Die Grasharfe", wie Capote dieses Feld beschreibt, durch das der Wind immer durchstreift - so etwas möchte ich auch gerne mal versuchen. Aber es wird schwer. Weil ich generell Stadtmensch bin, kommt Landschaft für mich sowieso kaum vor.

"Neue Vahr Süd" spielt 1980. Wie haben Sie da recherchiert?

Ich sehe es als großen Vorteil an, über eine Zeit zu schreiben, die so weit zurückliegt, daß man doch sehr unbefangen darüber schreiben kann. Die Distanz ist mir wichtig. Nicht zu der Person Lehmann, an dem bin ich ja sehr nah dran, aber zu dieser ganzen anderen Geschichte.

Sie meinen die politischen Debatten?

Ich war ja selber K-Gruppen-Mann in den Siebzigern, ich war von 1976 bis 1980 im KBW. Deswegen bin ich auch zum Bund gegangen. Nach einem halben Jahr bin ich dann aus dem KBW ausgestiegen und habe dann verweigert und Zivildienst gemacht, in Lüneburg. Ich habe in den nächsten fünf oder zehn Jahren diese ganze K-Gruppen-Geschichte lange nicht so distanziert gesehen wie jetzt im Roman. Das war so ein Hintergrundrauschen der siebziger Jahre, es gab an jeder Schule eine Zelle von K-Gruppen, in Bremen jedenfalls war das so. Die wurden natürlich im Lauf der Jahre immer weniger, das verlor immer mehr an Attraktivität - der KBW hat sich 1973 gegründet und 1981 aufgelöst, acht Jahre Kampf für die Diktatur des Proletariats im Stalinschen Sinne. Es gibt klügere Dinge, die man tun kann. Aber damals war das so Teil des allgemeinen Lebens.

Und dieser Ablösungsprozeß kam während Ihrer Bundeswehrzeit in Gang?

Ja, aber das war Zufall. Das war die Zeit, in der sich der KBW spaltete. Es gab dann tatsächlich den Bund Westdeutscher Kommunisten, BWK, da sind dann viele Leute abgesprungen, weil sie dachten, ich glaube, jetzt reicht es mal, da mach' ich jetzt nicht auch noch mit ... Das war alles zwischen meinem 16. und meinem 19. Lebensjahr, ich hab' deshalb in meiner Jugend aber nichts verpaßt, es war genauso Rock 'n' Roll wie jede andere Jugend auch. Das war überhaupt so eine Umbruchszeit damals, als es von der K-Gruppe wegging hin zu dieser ganzen Grünen-Geschichte. Leute, die eben noch die Diktatur des Proletariats und die Räterepublik einführen wollten und jeden an der Laterne aufhängen wollten, der bei drei nicht auf dem Baum war, wollten nun plötzlich die Bäumchen schützen. Die Zahl derer, die von den K-Gruppen kamen und bei den Grünen Karriere gemacht haben, ist Legion. Und das Komische ist: Man hört ja nie was von Leuten darüber, was sie damals für einen Schwachsinn erzählt haben.

Für jemanden, der damals nicht dabei war, erschließen sich Abkürzungen wie KBW oder ML nicht unbedingt. Im Roman bleibt da vieles unklar. Absicht?

Ja. Ich will, daß man das liest und einfach hinnehmen muß. So wie man das damals hinnehmen mußte. Auch damals wußten ja viele gar nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Wenn man die Leser in diese Welt bringen möchte, ist es nicht gut, Schilder aufzustellen, auf denen erklärt wird: "Die K-Gruppen wurden in der Regel zwischen 1971 und 1973 gegründet, die KPD/ML hatte Ernst Aust als Vorsitzenden, hoch die Faust für Ernst Aust". Hätte ich diesen Roman früher geschrieben, wäre mir vermutlich wichtiger gewesen, aufgrund meiner eigenen Verstrickung in diese Zeit alles genauer zu erklären. Ich hätte den Leuten viel mehr in den Mund gelegt und versucht, die Unterschiede zwischen den K-Gruppen zu erklären. Heute kann ich sagen: Aus der Distanz gesehen, ist es scheißegal, was der KBW draufhatte und was die KPD/ML draufhatte.

Haben historische Details für Sie als Leser einen Reiz? Wollen Sie etwa beschrieben bekommen, wie die Räder von Trambahnen im Kaiserreich gequietscht haben?

Was mich interessiert, ist, wie nahe ich an die Menschen herankomme. Nehmen wir den ersten modernen Roman, das "Satyricon" des Petronius. Den finde ich nicht so sehr interessant unter dem Aspekt, wie die Menschen im Rom des ersten Jahrhunderts nach Christus lebten, mich interessiert daran viel mehr: Was passierte mit diesen Menschen? Das mag zweitausend Jahre her sein, aber es ist doch ungeheuer, daß ich heute verstehen kann, was die da umgetrieben hat. Vielleicht ein "liederlicher Roman", wie Mommsen ihn nennt, aber stark. Das Trennende interessiert mich nicht so sehr.

Viele Schriftsteller beschreiben, daß sie beim Schreiben irgendwann an einen Punkt kommen, an dem sie nur noch mitschreiben, was die Figuren sagen, weil die inzwischen ein Eigenleben führen.

Das ist so, genau so. Auch Dialoge führen ein Eigenleben. Das schreibt sich irgendwann einfach von allein. Da kann dann diese Mutter nicht anders, als in einem Moment genau diesen Satz zu sagen.

Klingt nach einer angenehmen Arbeit.

Es gibt dabei zwei große Schwierigkeiten: Die erste ist die Exposition. Was braucht man für die Geschichte an Personen - auch wenn man am Anfang noch gar nicht weiß, wofür die alle gut sein könnten. Es muß eine kritische Masse erreicht werden, damit dieser Effekt kommt. Und dann darf einem das natürlich nicht aus dem Ruder laufen. Ab und zu muß man sich dann auch mal bremsen und fragen, wo man eigentlich hinwollte. Das ist, wie wenn man einen Fluß runterfährt. Man muß mit der Strömung arbeiten. Aber man muß durch geschicktes Ruderschlagen vermeiden, irgendwo aufzulaufen. Es nützt nichts, Personen, die dafür nicht gebaut sind, etwas tun zu lassen, was sie nie tun würden. Und man muß auch mal Spuren ins Nichts laufen lassen, das ist ein Tribut an den Realismus. Ich will die auch nicht alle einem Plan unterordnen, das wär' mir zu totalitär.

Und irgendwann läuft es dann von alleine?

Ja, irgendwann stellt sich dieser Effekt tatsächlich ein, daß man denkt: Die Figuren kann ich loslassen. Die können jetzt auch mal allein auf die Straße gehen.

Interview Tilman Spreckelsen

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.09.2004, Nr. 36 / Seite 27
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