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Suhrkamps Umzug Lady Lenin und der Wolf

 ·  Der Suhrkamp-Verlag zieht nach Berlin, nicht weil es der Sehnsuchtsort erfüllter ästhetischer Phantasie geworden wäre, sondern weil es Hauptstadt gewordene Krise ist. Man sollte Ulla Unseld-Berkéwicz nicht unterschätzen. Suhrkamps Umzug nach Berlin ist ein revolutionärer Akt.

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Der Codename der Operation hieß „Lady Lenin“. Harald Wolf, Mitglied der Linkspartei und Berliner Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen hatte die Verhandlungen zwei Jahre lang mit der Verlegerin geführt. Beide verstanden sich auf Anhieb, so wie es Leute tun, die plötzlich merken, dass sie in der gleichen Branche geträumt haben: Harald Wolf und Ulla Berkéwicz sind beides Produkte jenes westdeutschen linken Milieus, das einen großen Teil seiner Anregungen aus den Suhrkamp-Verlagsprogrammen der siebziger Jahre bezog.

Von 1973 bis 1975 lebte Ulla Berkéwicz aus München kommend in Ost-Berlin, wohin sie Walter Felsenstein als Dramaturgin gefolgt war. Sie wäre dort länger geblieben, sagt sie heute, wenn sie nicht trotzkistischer Abweichung verdächtigt worden wäre. Keine drei Jahre später gründete ein damals noch ganz unbekannter Harald Wolf in West-Berlin die trotzkistische Zeitschrift „Commune“. Man wäre für verrückt erklärt worden, wenn man damals vorhergesagt hätte, dass genau sechzig Jahre nach der Gründung des Suhrkamp-Verlags diese beiden Leute beschließen würden, den Verlag aus der Bankenstadt Frankfurt nach Ost-Berlin zu verlegen.

Wie man Leute so quält, dass die sich auch noch freuen

Zu den Stereotypen des deutschen Kulturbetriebs gehört die Unterschätzung von Ulla Unseld-Berkewicz. In kaum mehr als fünf Jahren hat sie nicht nur die Macht im Verlag übernommen, nebenher einen Verlag der Religionen gegründet und Uwe Tellkamp, einen der wichtigsten neuen Autoren, an den Verlag gebunden; nun steht sie offenbar kurz davor, faktisch Alleingesellschafterin des Suhrkamp-Konzerns zu werden – eine Autonomie, die Siegfried Unseld angestrebt, aber nie erreicht hat.

Und schon wieder wird sie unterschätzt. Schon wieder missverstehen Teile des deutschen Feuilletons, die Siegfried Unseld zu Lebzeiten nicht oft genug zum Abgang auffordern und nach seinem Tod ihn nicht oft genug zurückwünschen konnten, die Planmäßigkeit eines Verfahrens, das mit der Präzision einer Apollo-Mission durchgeführt wird. Dabei treffen sich doch alle jedes Jahr zur Buchmesse in Unselds alter Villa. Sie hätten die Uneinschüchterbarkeit der Frau dort sehr genau studieren können. Da gibt es Schnittchen und Wein, und alle deutschen Kritiker, jeder von ihnen ein kleiner Marschflugkörper des Betriebs, jeder mit Texten im Gepäck, die den Untergang des Hauses Suhrkamp schon hundertfach beschworen und die Unfähigkeit der Witwe schon hundertmal beklagt haben.

Sie hat ihre Art der Rache. Jedes Jahr lädt sie mehr Kritiker ein, aber jeder Einzelne fühlt sich ausgezeichnet, jedes Jahr wird es enger und heißer, und jedes Jahr wird die Lesung, die es dort zum Leidwesen des schwatzsüchtigen Milieus auch gibt, immer länger. Das hat sie als Dramaturgin bei Felsenstein gelernt: wie man Leute so quält, dass die sich auch noch darüber freuen.

Der Berlin-Traum ist ausgeträumt

Natürlich hat das, was sich jetzt in Frankfurt abspielt, auch betriebswirtschaftliche Gründe. Seit Jahren verlangen die Alt-Gesellschafter, dass ein Drittel der Belegschaft abgebaut wird. Der Umzug ermöglicht dem Verlag über Änderungskündigungen eine Reduzierung des angeblich überbesetzten Personals. Allerdings wäre dieses Ziel auch, wie man ausgerechnet heute Zeitungsredakteuren nicht zu erklären braucht, in Zeiten der Krise über betriebsbedingte Kündigungen zu erreichen.

Kein Zweifel, dass die Restrukturierung des Verlags auch über Personaleinsparungen wenn nicht gewollt, so doch gerne in Kauf genommen wird. Besonders gut geht es dem Suhrkamp-Verlag auch nicht. Besonders gut geht es allerdings im Augenblick außer McDonald’s sowieso niemandem. Also sparen, verschlanken, rauswerfen? Ist Lady Lenin in Wahrheit ein Bernd Kundrun des literarischen Lebens? Der Suhrkamp-Verlag zieht nicht mehr in das Berlin, das viele noch vor zehn Jahren als wehmütige Erinnerung an die zwanziger Jahre imaginierten. Berlin ist nicht das geworden, was es hätte werden sollen. Vor zehn, noch vor fünf Jahren wäre der Schritt, den Siegfried Unseld wollte, aber sich nicht mehr zutraute, als Fanal für die neue Hauptstadt, die Vermählung von Geist und Macht gefeiert worden. Aber dieser Traum ist ausgeträumt, und viele von denen, die ihn träumten, verlassen, nach Abschöpfung der Subventionen, die Stadt.

Erzwingungshaft für eine noch nicht entstandene Literatur

Der Suhrkamp-Verlag zieht nach Berlin, nicht weil es der Sehnsuchtsort erfüllter ästhetischer Phantasie geworden wäre, sondern weil es Hauptstadt gewordene Krise ist. Lady Lenin und Harald Wolf kennen den berühmten Satz aus Lenins Schrift „Parteiorganisation und Parteiliteratur“. Dort heißt es: „In einer Gesellschaft, die sich auf die Macht des Geldes gründet, in einer Gesellschaft, in der die Massen der Werktätigen ein Bettlerdasein und das Häuflein Reicher ein Schmarotzerleben führen, kann es keine reale und wirkliche ,Freiheit‘ geben. Herr Schriftsteller, sind Sie frei von Ihrem bürgerlichen Verleger?“ Jeden dieser Sätze würde Ulla Berkéwicz unterschreiben. Sie befreit den Schriftsteller nicht von seinem bürgerlichen Verleger, sondern den Verlag von seinem bürgerlichen Milieu, von Bürgerlichkeit überhaupt.

Man mag das naiv oder falsch finden – aber man erkennt, warum Frankfurt bei dieser Konstellation keine Chance mehr hatte. Siegfried Unseld, ihr Mann, druckte die besten Texte linker Intelligenz, aber legte selbst großen Wert auf die konservative Bürgerlichkeit seines Geschäfts und seines Biotops. Seine Witwe nimmt sechzig Jahre nach Gründung des Verlags ernst, was das Haus groß gemacht hat. Wenn es die Texte nicht gibt (sieht man einmal von Dietmar Dath ab), umso schlimmer für die Texte: die Übersiedlung nach Berlin ist fast so etwas wie eine Erzwingungshaft für eine noch nicht entstandene Literatur.

Die Anthologie der bundesrepublikanischen Epoche in Umzugkartons

Man mag das naiv finden und um Frankfurt trauern, und niemand weiß, wie die Sache ausgeht – revolutionär ist es allemal. Denn kurioserweise reden viele der Kommentatoren so, als befänden wir uns noch in jenen siebziger Jahren, die Suhrkamp und die Bundesrepublik groß gemacht haben – die Berliner, die in Gestalt des Kollegen Fuhr sich Frankfurt selbst als Ersatz anbieten, ebenso wie die anderen. Der Suhrkamp-Verlag verlässt Frankfurt in einem Augenblick, da man an den Türmen der Commerzbank mit anderen Gefühlen vorbeifährt als zu jener Zeit, da Siegfried Unseld die Stadt intellektuell dominierte. Die revolutionäre Veränderung der Grammatik unserer Gesellschaft setzt im Augenblick Texte zusammen, die dadaistisch wirken. Suhrkamp glaubt, daraus Literatur machen zu können.

Ende der vierziger Jahre besuchte Carl Zuckmayer den Verleger Peter Suhrkamp in einer Ruine in Zehlendorf. Jetzt, ein ganzes Leben später, zieht der Suhrkamp-Verlag in ein Haus, das auch eine Ruine ist. In den Umzugkartons die Anthologie der bundesrepublikanischen Epoche, die Frankfurter Schule, Ernst Bloch, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas. Und vor allem: Bertolt Brecht.

Die Leute, die in den siebziger Jahren trotzkistische Flugblätter in den Fußgängerzonen verteilten, die linken Schwärmer, über die spätestens 1989 die Geschichte hinweggegangen zu sein schien, die sozialrevolutionären Klassiker, deren Zeiten vorbei schienen – das alles steckt in dieser neuen Inkubation.

Nach Berlin gehen und abwarten

Die „Bild“-Zeitung zog nach Berlin, und jetzt der Suhrkamp-Verlag. Die Polarisierung des öffentlichen Diskurses kennt kein symbolischeres Bild. Man muss Lady Lenin nicht lieben, aber man sollte sie nicht unterschätzen. Das hat man schon damals getan, damals im Wendejahr 1989, als man Leute wie sie und Wolf als historisch widerlegt belächelte. Sie, die alles ist, aber keine Zynikerin, wird den Verlag extrem verändern. Wer ein neues Haus bezieht, verlässt ein altes, sagt Hesse. Der Umzug, so schrieb der Kommentator einer großen Zeitung, sei ein Beweis für die Krise des „Geschäftsmodells Suhrkamp“. Schrieb er in einer Zeitung. Schrieb er als Angehöriger jener Intelligenz, deren „Geschäftsmodell“ in einigen Bereichen ebenso in Frage steht, wie das des Suhrkamp-Verlags.

Der neue Suhrkamp-Verlag setzt auf eine sozialrevolutionäre Intelligenz, die sich auch aus den deklassierten Intellektuellen des Internetzeitalters rekrutiert. Man könnte fast sagen, er geht nach Berlin und wartet ab, so wie es einst Peter Suhrkamp tat, als Zuckmayer ihn nach seinen Plänen fragte: Er bietet sich an, dort in dem verfallenen Nicolai-Palais zwischen den Plattenbauten der Brüderstraße. Es ist nur ein Verlag. Aber er hat als Verlag schon einmal die Republik verändert. Man mag das, was daraus entsteht, schrecklich, irrational und unerträglich finden. Aber was ist heutzutage eigentlich gerade nicht schrecklich, irrational und unerträglich? Was also ist nicht Literatur?

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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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