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Veröffentlicht: 19.04.2013, 09:18 Uhr

Die Jahre 1944/45 Suhrkamps unbekannte Geschichte

Ein Verlag im Krieg - die vergessene Frühgeschichte von Peter Suhrkamps Unternehmen während der schweren Jahre 1944 und 1945 spielt in Potsdam.

© Verlag Peter Suhrkamp

Der Suhrkamp Verlag war in seiner Existenz schon einmal bedroht. Das Geschehen reicht freilich zurück in eine Zeit, mit der man die später von George Steiner genannte „Suhrkamp-Kultur“ am allerwenigsten verbindet - in die letzten Jahre des „Dritten Reichs“. Im April 1944 war Peter Suhrkamp von der Gestapo verhaftet worden. Von da an bis zum Herbst 1945 liefen die Fäden, die den Verlag zusammenhielten, in Potsdam zusammen. Wie kam es dazu?

Peter Suhrkamp arbeitete seit 1932 als Herausgeber der angesehensten deutschen Literaturzeitschrift, der „Neuen Rundschau“, im Berliner S. Fischer Verlag. Den Nationalsozialisten ist der Verlag aus doppeltem Grund zuwider: zum einen, weil hier die literarische Moderne zu Hause ist, zum andern wegen der jüdischen Herkunft des Verlagsgründers. Dessen internationales Renommee schützt das Haus zunächst. Als Samuel Fischer im Oktober 1934 stirbt, stimmt dessen Schwiegersohn und Erbe, Gottfried Bermann-Fischer, unter dem Druck der politischen Verhältnisse einer Teilung des Verlags zu. Fortan publiziert Gottfried Bermann-Fischer von den verschiedenen Emigrationsorten aus und unter wechselnden Verlagsnamen bis zum Ende des Krieges jene Autoren, die im Machtbereich des NS-Regimes nicht mehr erscheinen dürfen. In Deutschland verbleibt als S. Fischer Verlag K.G. jener Teil des Verlags, der den Erben von einem Konsortium abgekauft worden war. Als Leiter des Verlags und Vertrauensmann der Familie soll Peter Suhrkamp treuhänderisch den S. Fischer Verlag durch die Fährnisse der Zeit bringen.

1942: Aus S.Fischer wird Suhrkamp

Dies erweist sich zumindest als ebenso schwierig wie die Verlagstätigkeit von Bermann-Fischer in der Emigration. Suhrkamp, hochdekorierter Stoßtruppführer im Ersten Weltkrieg, ist seiner geistigen Statur nach kein linker Intellektueller. Seine Abneigung gegen die Nationalsozialisten speist sich aus einer liberalen Grundhaltung, dem Drang nach Unabhängigkeit und hoher künstlerischer Sensibilität. Um in einer feindlichen Umwelt der Verlagstradition von S. Fischer treu zu bleiben und in den Jahren kriegsbedingter Einschränkungen das Unternehmen wirtschaftlich zu führen, geht Suhrkamp Kompromisse ein. Seit 1942 druckt der Verlag auch Bücher für die Truppenbetreuung der Wehrmacht, sogenannte Frontbuchhandelsausgaben, und sichert sich so die Zuteilung des kontingentierten Papiers. Bereits 1940 ergeht die behördliche Anordnung, das Unternehmen umzubenennen, im März 1941 folgt eine Weisung des Propagandaministeriums, die Firmennamen „entjudeter Betriebe“ zu tilgen. Doch erst zum 1. Juli 1942 wird aus dem S. Fischer Verlag der Suhrkamp Verlag vormals S. Fischer, schließlich, mit Beginn des Folgejahres, der Suhrkamp Verlag. Unter diesem Label erscheinen auch Bücher von nationalsozialistischen Autoren wie Felix Lützkendorf und Hans Rehberg.

23967699 © DLA Marbach Vergrößern Schreiben vom städtischen Kulturamt, das die für Potsdam ’kulturwichtige’ Arbeit des Suhrkamp Verlags bestätigt

Dennoch wird die Arbeit des Suhrkamp Verlags von den NS-Behörden - aus guten Gründen - mit Argwohn betrachtet. Denn mit Manfred Hausmann, Hermann Hesse und Oskar Loerke, um nur einige zu nennen, verlegt Suhrkamp Autoren, die Abstand zum Regime erkennen lassen. Die Haltung Suhrkamps zu Beginn des Kriegs wird in einem Brief deutlich, den dieser vom sicheren Amsterdam aus im Oktober 1939 an den emigrierten Carl Zuckmayer schrieb: „Auf den Tod bin ich seit einigen Jahren eingestellt, und ich möchte am Ende lieber in der Armee stehen - Du wirst verstehen, weshalb. Das wäre noch ein Ende, bei dem man sauber bleiben kann. Denn das Ende mit Kommunismus liegt mir nicht, und ich glaube, daß dies die andere Alternative sein wird: das Geschenk der Russen an uns.“ Im Februar 1941 stirbt, innerlich zerfressen vom Ekel an der Zeit, Suhrkamps Freund und Lektor, der Lyriker Oskar Loerke. Wenig später besucht Suhrkamp den Schriftsteller Hermann Kasack in Potsdam, mit dem er seit 1933 bekannt ist, und trägt ihm die Nachfolge Loerkes an. Der Verleger hat seine Erinnerung an diese Begegnung später niedergeschrieben. Es ging dabei nicht um ein Stellengespräch, sondern um ein Bündnis „auf Gedeih und Verderb“ - sollte Suhrkamp etwas zustoßen, übernähme Kasack den Verlag.

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