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Der Suhrkamp-Streit Dies ist kein Schundroman

Gegen die falsche und verkitschte Berichterstattung über den Streit zwischen den Gesellschaftern: Eine historische Klarstellung im Fall Suhrkamp.

© dapd Vergrößern Von Siegfried Unseld gedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen: Ulla Unseld-Berkewicz vor einem Bild ihres 2002 verstorbenen Ehemanns.

Jenseits des rein juristischen Sachverhalts im großen Suhrkamp-Streit, für den die Richter in Berlin und Frankfurt Formulierungen fanden, die mehr kulturelles Verantwortungsbewusstsein verraten, als manche aus dem Kulturbetrieb es an den Tag legten, geht in der Causa so viel durcheinander, dass vielleicht ein paar Klarstellungen helfen können. Der eine Handlungsstrang des Dramas ist schnell erzählt. Er reduziert sich im wesentlichen auf den hier angeblich manifesten Konflikt von Geist und Geld.

Dass der Investor Hans Barlach Rendite sehen will, ist sein gutes Recht und im Interesse der Autoren, die ihn jetzt dafür im Namen eines abstrakten Kulturbegriffs angreifen. Der Suhrkamp-Verlag ist ein profitorientiertes Unternehmen. Niemand wusste das so genau wie Siegfried Unseld. Sein kaufmännisches Geschick war legendär. Wer will, kann das in den zahlreich vorliegenden Briefwechsel mit Autoren nachlesen.

Journalistische Verkitschung

Die entscheidende Frage ist, ob Barlach versteht, was Unseld vormachte: dass man als Verleger vor allem in Phantasie und Kreativität investiert, manchmal ohne die Hoffnung, jemals einen bezifferbaren „return“ zu erhalten. Goethes „West-Östlicher Divan“ war bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als Erstausgabe beim Verlag erhältlich, weil er sich so schlecht verkaufte. Die Frage, ob Hans Barlach das Werk verramscht hätte, ist ebenso legitim wie seine Renditeerwartung.

Aber dieser Teil der ganzen Geschichte ist noch der harmloseste. Der andere ist die journalistische Verkitschung des Teils, für den die Verlegerin Ulla Berkéwicz steht. Wer wissen will, wo heute noch „Herz“ auf „Schmerz“ und „Liebe“ auf „Triebe“ gereimt werden, lese nach, wie mancher Journalist sich seinen Reim auf den Zwist im Hause Suhrkamp macht. Dann kann man erkennen, wie ein ernster Verlagskonflikt in die Version fürs Poesiealbum zurechtgestutzt wird: Das Falsche wird passend gemacht, weil es gut klingt. Banale psychologische Deutungen von Mensch und Welt, die Literaturkritiker in keinem Gedicht, in keinem Drama, in keinem Roman durchgehen lassen würden, fließen aus ihrem übervollen Herzen, wenn sie selbst in die Tasten greifen. Weil Kitsch immer auch perfide ist, verbirgt sich dahinter nicht nur ein ästhetischer sondern auch ein moralischer Defekt.

Klischees statt Einsicht

Ulla Berkéwicz, las man beispielsweise vor wenigen Tagen, sei 1982 „quasi über Nacht in der Suhrkamp-Szene aufgetaucht“ und habe „den für weibliche Reize ohnehin anfälligen Unseld in ihren Bann geschlagen“. Abgesehen davon, dass junge Autoren und Autorinnen immer über Nacht auftauchen, ist das von jenem Weltverständnis geprägt, wie es sich in den Herzen der Kitschgroßmeisterin Friederike Kempner malte - nur mit dem Unterschied, dass dies sich jetzt als Kritik und Erkenntnis verkauft, wo es doch nichts anderes ist als eine Masche: Liebesblinder Verleger verfällt über Nacht junger Autorin.

Da ist Stoff für viele „sequels“, in der die Illegitimität der Beziehung und des Anspruchs der Thronfolgerin, Verlagserbin oder Geschäftsführerin in Frage steht. Dass „Josef stirbt“, das erste Suhrkamp-Buch von Berkéwicz, ein von der Kritik bejubelter Erfolg war, gehört dann freilich zu den geschnittenen Szenen dieser Nummernoper. Ebenso wie die Tatsache, dass der nun legendäre Siegfried Unseld in den letzten fünf Jahren seines Lebens von vielen Kritikern als Mann abgestempelt wurde, der besser heute als morgen Platz für einen Nachfolger machte. Wer ihn kannte, weiß, wie fassungslos er angesichts dieses imaginären Todeswunschs war - wer es nicht glaubt, kann das alles nachlesen.

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