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Ströher steigt ein : Der Weg zur Suhrkamp-AG ist frei

  • Aktualisiert am

Auf dem Weg zur AG: der Suhrkamp Verlag Bild: dpa

Der Umwandlung des Suhrkamp Verlags in eine Aktiengesellschaft steht nichts mehr im Weg. Die Unternehmerfamilie Ströher steigt als Aktionär ein. Ulla Unseld-Berkéwicz wechselt von der Unternehmensführung in den Aufsichtsrat.

          Die Umwandlung des Suhrkamp-Verlags in eine Aktiengesellschaft ist unter Dach und Fach. Wie das Unternehmen am Mittwoch weiter mitteilte, steigt die Darmstädter Unternehmerfamilie Ströher als neuer Aktionär mit ein. Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz will in den kommenden Monaten ihr Amt abgeben und in den Aufsichtsrat wechseln. Die bisherige Verlegerin folgt zusammen mit Sylvia Ströher und einer noch zu benennenden Person auf den Gründungsaufsichtsrat der Suhrkamp AG, dem Gerhart Baum, Hans Magnus Enzensberger und Marie Warburg angehören. Künftiger alleiniger Vorstand der Aktiengesellschaft soll Jonathan Landgrebe sein, der bislang zusammen mit Ulla Unseld-Berkéwicz und Thomas Sparr die Geschäftsführung bildete.

          Das neue Geschäftsführungsgremium soll Angaben des Verlags zufolge aus drei bis vier Personen gebildet werden. Benannt sind bislang Cheflektor Raimund Fellinger, Unternehmenssprecherin Tanja Postpischil sowie Gerhard Schneider, der kaufmännische Leiter des Suhrkamp Verlags.

          Ströher will keinen Einfluss auf Verlagspolitik nehmen

          Die Mehrheit der Aktien gehört den Angaben zufolge künftig der Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz und der Familie Ströher
          gemeinsam. Die Stimmrechte ihrer Aktien seien vertraglich gebündelt, hieß es. In diesem Bündnis verfüge die Familienstiftung über die Stimmrechtsmehrheit und könne so auch fortan die Geschicke des Verlags lenken.

          Sylvia Ströher hat erklärt, dass sie ihr Engagement für den Suhrkamp Verlag als unbefristet ansieht. Eine Einflussnahme auf die Verlagspolitik sei nicht vorgesehen. „Die Beteiligung an der Suhrkamp AG liegt außerhalb unserer sonstigen Anlagestrategie und ist somit auch mit keiner Dividendenerwartung verbunden.“

          Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft soll die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Minderheitseigentümer Hans Barlach beendet werden. Barlach hatte gegen den Sanierungsplan von Verlagschefin Berkéwicz mehrere Prozesse angestrengt, die bis vor die obersten deutschen Gerichte gingen. Er sah sich von dem Plan, mit dem Suhrkamp das Insolvenzverfahren am Amtsgericht Berlin-Charlottenburg abwenden wollte, in seinen Rechten als Miteigentümer beschnitten.

          Das Bundesverfassungsgericht hatte ihm Anfang Dezember zunächst recht gegeben, eine Folgenabwägung aber später zu seinen Ungunsten ausgelegt. Damit war der Weg für die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft frei.

          Chronik der Suhrkamp-Krise

          2003: Ein Jahr nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld
          übernimmt seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz die Geschäftsführung. Es
          gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

          2006/2007: Der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach kauft -
          zunächst mit einem Partner, später allein - den Anteil des bisherigen
          stillen Teilhabers Andreas Reinhart in der Schweiz. Unseld-Berkéwicz
          spricht von einer „feindlichen Übernahme“ und legt Klage ein. In den
          Folgejahren folgt eine Flut von Klagen und Gegenklagen.

          2009: Verlegersohn Joachim Unseld steigt aus dem Verlag aus. Er
          verkauft seinen 20-Prozent-Anteil zu gleichen Teilen an die
          Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz, die damit 61 Prozent hält, und
          an Barlachs Medienholding, die jetzt 39 Prozent hat.

          2010: Der Verlag verlegt seinen Sitz vom Traditionshaus in
          Frankfurt/Main nach Berlin.

          5. Dezember 2012: Barlach und Unseld-Berkéwicz fordern vor dem
          Landgericht Frankfurt, die jeweils andere Seite als Gesellschafter
          auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag
          aufgelöst werden, so Barlach.

          10. Dezember 2012: Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als
          Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt
          damit auf Antrag Barlachs einen Gesellschafter-Beschluss vom November
          2011 rückwirkend in Kraft. Wegen der Anmietung von Räumen für den
          Verlag in ihrem Privathaus soll sie zudem Schadenersatz zahlen. Sie
          legt Berufung ein.

          20. März 2013: Das Landgericht Frankfurt verurteilt den Verlag zur
          Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den
          Gewinnanteil aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des
          Verlagsarchivs.

          27. Mai 2013: Der Verlag beantragt eine Unternehmenssanierung nach
          dem neuen Insolvenzrecht. Das sogenannte Schutzschirmverfahren soll
          verhindern, dass Gewinne an die Anteilseigner ausgezahlt werden.

          6. August 2013: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet das
          Insolvenzverfahren. Auf Vorschlag von Unseld-Berkéwicz soll der
          Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt
          werden. Barlach verlöre dadurch weitreichende Mitspracherechte.

          10. September 2013: Das Landgericht Frankfurt verbietet der
          Verlegerin in einer einstweiligen Verfügung, bei der
          Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zuzustimmen.

          26. September 2013: Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren drohen
          Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag, sollte er „maßgeblichen
          Einfluss“ auf das Haus behalten - u.a. Sibylle Lewitscharoff, Hans
          Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp.

          1. Oktober 2013: Eine erste Gläubigerversammlung votiert weitgehend
          einvernehmlich für die Fortsetzung des Insolvenzverfahrens in
          Eigenverwaltung.

          3. Oktober 2013: Das Oberlandesgericht Frankfurt hebt die
          Entscheidung vorläufig auf, nach der Unseld-Berkéwicz nicht über den
          Insolvenzplan abstimmen darf.

          12. Oktober 2013: Barlach kündigt an, auf Schadenersatz zu klagen,
          sollte der Verlag wirklich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt
          werden.

          22. Oktober 2013: Eine zweite Gläubigerversammlung nimmt den
          Sanierungsplan mit klaren Mehrheiten in allen drei Gläubigergruppen
          an.

          13. November 2013: Unseld-Berkéwicz und Barlach scheitern mit dem
          Versuch, sich gegenseitig als Gesellschafter des Verlags
          auszuschließen. Das Landgericht Frankfurt weist zwei entsprechende
          Klagen zurück, stellt jedoch fest, dass beide Seiten erhebliche
          Treuepflichtverletzungen zum Nachteil des Verlags begangen hätten.

          15. Januar 2014: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg billigt die
          Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft. Die Kammer
          bestätigt damit die Zustimmung der Gläubiger zum Insolvenzplan.

          30. Januar 2014: Barlach legt Beschwerde gegen das Sanierungskonzept
          ein, die im Februar und im April in zwei Entscheidungen vom
          Landgericht zurückgewiesen wird.

          21. Juli 2014: Der Bundesgerichtshof teilt mit, er habe die beiden
          Entscheidungen der Vorinstanz aufgehoben, das Landgericht müsse neu
          über die Zulässigkeit der Beschwerde befinden.

          24. Oktober 2014: In einem endgültigen Beschluss vom 20. Oktober
          weist das Landgericht die Beschwerde schließlich zurück. Es gibt
          damit grünes Licht für das Sanierungskonzept von Unseld-Berkéwicz.

          19. Dezember 2014: Das Bundesverfassungsgericht entscheidet, dass der
          Suhrkamp Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden darf.
          Die Richter weisen einen Eilantrag von Barlach ab.

          21. Januar 2015: Die Umwandlung ist unter Dach und Fach. Die
          Darmstädter Unternehmerfamilie Ströher steigt als neuer Aktionär mit
          ein. Unseld-Berkéwicz kündigt an, in den kommenden Monaten ihr Amt
          abzugeben und in den Aufsichtsrat zu wechseln.

          Quelle: FAZ.NET/dpa

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