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Suhrkamp Hirnzonenreflexmassage

10.11.2006 ·  Die Verlegerin hat sich krank gemeldet, der neue Mitinhaber, der Hamburger Mäzen Claus Grossner, möchte eine Suhrkamp-Kultur der Zukunft etablieren. Der Verlag der Weltreligionen könnte ein erster Schritt sein.

Von Eberhard Rathgeb und Hannes Hintermeier
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Es geht um den einst einflußreichsten Verlag der Bundesrepublik. Es geht um einen Verlag, der immer noch zu den führenden literarischen Häusern Deutschlands zählt. Es geht um Suhrkamp in Frankfurt am Main, der seit dem Tod des großen Verlegers Siegfried Unseld ins Wanken geraten ist. Die Personalwechsel der letzten Jahre sind ein Indiz, vor allem aber drängt sich dieser Eindruck seit Donnerstag auf, als bekannt wurde, daß der im schweizerischen Winterthur ansässige Suhrkamp-Gesellschafter Andreas Reinhart seine Anteile an den Verlagen Insel und Suhrkamp an eine übergeordnete Holding verkauft hat. Und zwar verkauft an zwei Hamburger, den Verleger Hans Barlach und den Investmentbanker Claus Grossner.

Wie fanden die beiden Hamburger zu den Reinhart-Anteilen? Durch Andreas Reinhart selbst. Der habe ihn, das erklärt Claus Grossner gegenüber der F.A.Z., darauf angesprochen, weil Reinhart Grossners Unternehmungen in Sachen Kultur und Wissenschaft in Hamburg kennt. Grossner gehört in der Stadt an der Elbe zu den auffälligen Erscheinungen des Kulturlebens, das dort sehr gerne auch in den weitläufigen Etagen des Geldes herumsteht. Grossner führt in seiner Villa an der Elbchaussee mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit Veranstaltungen durch, zu denen er Prominenz, ein weiter und dehnbarer, aber auch ein ein- und ausschließender Begriff, aus Wissenschaft, Kunst, Politik und Wirtschaft einlädt. Er möchte gerne Leute mit Ideen mit Leuten zusammenbringen, die Geld für Ideen haben. In diesem Geist sind Grossner und Barlach seit 1994 als Mitstifter beim Kleist-Preis engagiert.

Mit Ulla Unseld-Berkéwicz konnte er noch nicht reden

Prominente Suhrkamp-Autoren hätten ihm, erzählt Grossner, per Fax ihre Freude ausgedrückt über seinen Einstieg bei der alten Volkart-Holding, die in Medien Holding Winterthur AG von Reinhart umbenannt worden sei, nachdem er, Reinhart, sie aller Beteiligungen entkleidet habe, die nicht die Verlage Suhrkamp und Insel betreffen. Neu gegründet wurde durch diese Aufteilung die im Familienbesitz verbleibende Volkart-Holding.

Grossner gehört zu den Initiatoren des Weltzukunftsrates, in dem rund einhundert Persönlichkeiten aus der ganzen Welt sich zu Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftsfragen äußern sollen - auch eine Art Weltgewissensregierung. Der Sitz des Weltzukunftsrates liegt in Hamburg, im Mai nächsten Jahres soll die Gründungsversammlung stattfinden (mit Angela Merkel).

Als Reinhart Grossner das Angebot machte, habe er Hans Barlach ins Boot geholt, weil dieser etwas vom Verlagsgeschäft verstehe. Dann seien sie in die Schweiz gefahren und hätten die Verträge unterzeichnet. Danach hätten sie sofort eine entsprechende Nachricht an Ulla Unseld-Berkéwicz geschickt. Mit ihr, der Chefin des Suhrkamp und Insel Verlages, habe Grossner, noch nicht reden können: Sie hat sich krank gemeldet.

Arnulf Conradi: „Ich glaube, das ist gut für Suhrkamp

Grossner mag die Wörter „Weltwissen“ und „Weltethos“, und das kann Ulla Unseld-Berkéwicz nicht unlieb sein, hat sie doch den Start eines Verlages der Weltreligionen angekündigt. Grossner und die Verlegerin haben einmal bei einem Essen nebeneinander gesessen. Grossner weiß von ihrer Verlagsidee, gegen die er, wie er im Gespräch erklärt, auch nichts einzuwenden habe, wenn sie nur den Standards von Suhrkamp entspreche. Es bestünden schon Kooperationsverträge mit der Freiburger Universität in dieser Angelegenheit - gegen gut edierte Texte aus den Weltreligionen könne man doch nichts haben.

Als „Chefberater“ haben sich die beiden Hamburger den ehemaligen Verleger (zuletzt des Berlin Verlages) und früheren Dean of Fellows der American Acadamy Arnulf Conradi geholt. Der verweist einstweilen nur darauf, von einer offiziellen Position als „Chefberater“ könne keine Rede sein. Er kenne Claus Grossner seit zwanzig Jahren, deswegen helfe er den beiden Investoren jetzt unentgeltlich, und er tue das auch, weil „diese beiden Leute ein ganz echtes kulturelles Interesse“ hätten. „Sie machen das nicht wegen des Geldes - da gäbe es lukrativere Anlageformen -, sondern, weil sie an Suhrkamp glauben. Aber beide sind eben auch Geschäftsleute wie es Siegfried Unseld auch war.“ Bevor sich Barlach und Grossner nicht mit der Suhrkamp-Geschäftsführung verständigt hätten, könne man jedoch keine Vorhersagen von ihm erwarten - nur soviel: „Ich glaube, das ist gut für Suhrkamp.“

Suhrkamp: Die beiden sind nur Minderheitenteilhaber

Grossner möchte mit modernem Verlagsmanagement dem von ihm geschätzten Verlag durch die „brutale Business-Welt“ helfen, Suhrkamp sei „eine Insel“ in einer Verlagswelt, die von Monopolisierungen beherrscht werde, sagt Grossner, den man bei fast allen Hamburger Theaterpremieren sieht und dem Jürgen Habermas, Suhrkamp-Autor und Berater, am 13. Mai 1968 einen Brief geschickt hat, in dem er Grossner erklärte, wieso er auf einer Studentenversammlung in Hannover den Begriff „linker Faschismus“ verwendete. Grossner hat über Jürgen Habermas in der „Zeit“ im November 1970 einen langen Artikel geschrieben.

Aber das sind Suhrkamp-Verbindungen von vorgestern, doch sie erklären auch, wieso Grossner von Suhrkamp als einer Art Braintrust der Republik schwärmt. Wenn Buchprojekte nicht finanziert werden können, dann werde er Sponsoren auftreiben. Der shakespearehafte Tumult im Verlag, der dort seit dem Tod Siegfried Unselds herrsche, interessiere ihn nicht, er möchte den Verlag voranbringen, es gäbe so viele neue „tolle“ Autoren zu gewinnen.

Womöglich ist Claus Grossner ein erfolgreich sozialisiertes Kind der „Suhrkamp Kultur“ (wie George Steiner einmal die Suhrkamp-Welt in den siebziger Jahren bezeichnete, wo alle Welt Suhrkamp-Bändchen las und Suhrkamp-Theoriewörter benutzte), aus dem ein Geschäftsmann geworden ist, der den alten Glanz auf dem Hirn der Republik wieder leuchten sehen möchte. Thomas Sparr von Suhrkamp meint, die beiden Hamburger seien nur Minderheitenteilhaber - und Minderheitenteilhaber würden kein Programm machen.

Quelle: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite 41
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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