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Suhrkamp-Briefwechsel : Es kann mir ja sehr vieles schief gehen

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Schließlich setzen sich diese Kräfte durch. Im April 1944 wird Peter Suhrkamp nach einer Denunziation verhaftet und ins Konzentrationslager, später in ein Gestapo-Gefängnis gebracht. Was genau man ihm vorwirft, bleibt unklar. In dieser Zeit setzt das briefliche Gespräch ein, denn nun haben sich auch Briefe von Annemarie Suhrkamp erhalten. Wie die beiden sich jeweils um den anderen sorgen, um dessen Kräfte, die Gesundheit, die Moral, wie sie sich bestärken, ermuntern, Geschichten erzählen, brieflich Welten erschaffen, um die Isolation und Ungewissheit der Haft ebenso wie die Einsamkeit der Zurückgebliebenen erträglich zu machen, das ist der schmerzliche, berührende Höhepunkt der Edition. „Ja, liebe Mirl: ich werde immer mehr ruhig und stillhoffend“, schreibt Peter Suhrkamp im November 1944, schwer krank und wohl kaum noch Rettung erwartend. „Es kann mir ja vieles, sehr vieles schief gehen, und ich bleibe doch gelassen.“ Es gebe eine starke Verbindung zwischen ihnen, „ich spüre genau, wann Du mir Hilfe schickst; und ich nehme mich auch zusammen und schüttle Düsterkeiten möglichst bald ab, damit Du nicht darunter zu leiden hast“.

Halbtot, mit einer Lungenentzündung und anderen Haftfolgen, von denen er sich nie mehr richtig erholt, wird Suhrkamp im Februar 1945 entlassen. Arno Breker, Hanns Johst und andere hatten sich für ihn eingesetzt. Nur noch wenige verstreute Briefe berichten dann von der Zeit nach dem Ende des Krieges. Suhrkamp und Gottfried Bermann Fischer, der es auf erstaunliche Weise geschafft hat, seinen Verlag im Exil am Leben zu erhalten, arbeiten zusammen, wollen die beiden S. Fischer Verlage wieder vereinigen. Es gelingt nicht. Man streitet, schließlich auch vor Gericht, bis ein Kompromiss gefunden wird, aus dem 1950 der alte S. Fischer Verlag und der neu gegründete Suhrkamp Verlag hervorgehen.

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Sie hätten ja „wenig Freude erlebt“, hatte Annemarie Suhrkamp in einem ihrer Briefe 1944 in die KZ-Zelle geschrieben, „dafür aber außerordentlich viel Schweres zusammen durchgemacht. Daraus muss sich ein Sinn erweisen.“ Die Hoffnung auf das gemeinsame Leben, wenn alles vorbei wäre, hielt beide aufrecht. Es kommt anders. Schon im Jahr 1950 bittet Suhrkamp um Scheidung, will seinen Neubeginn als Verleger mit einem persönlichen Neubeginn verknüpfen. Sie reagiert verletzt, weist seine Bitte zurück. Man lebt fortan nicht mehr gemeinsam, doch erst 1959 setzt er sich mit seinem Wunsch nach einer „klaren Ordnung“ durch. Ein Termin beim Scheidungsrichter ist anberaumt. Wenige Tage vorher, am 31. März, stirbt Peter Suhrkamp. Seine Witwe überlebt ihn nur um wenige Monate.

Die Briefe von Peter Suhrkamp und seiner „Mirl“ hätten in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrfach ediert werden sollen. Es kommt nicht dazu, wohl auch aus verlagspolitischen Gründen, wie der Editionsbericht andeutet. Die Geschichte ist so kompliziert wie umstritten: auf der einen Seite der aufrechte Kämpfer Peter Suhrkamp, der den zurückgebliebenen S. Fischer Verlag mit Geschick und Anpassung durch das „Dritte Reich“ lenkt, schließlich ins Konzentrationslager geworfen wird, auf der anderen Seite die jüdische Verlegerfamilie, die aus Deutschland vertrieben wird und später zurückkehrt, um ihr Eigentum zu beanspruchen. Schließlich streitet man sich: War die Verlagstrennung von 1936 ein regulärer Verkauf oder doch eine „Arisierung“? Ist Peter Suhrkamp verpflichtet, den Verlag zurückzugeben, rechtlich, moralisch? Das ist, bei allem Erfolg der beiden Verlage, die aus diesem Streit hervorgehen, so traurig wie die Liebesgeschichte von Annemarie und Peter Suhrkamp.

Was genau geschehen ist, gilt es zu erforschen - unbekümmert um all die Legenden und die Erinnerungspolitik in eigener Sache, die beide Verlage jahrzehntelang betrieben haben und die man heute noch liest oder hört, so als wäre das alles eine Frage des Glaubens, eine, für die man eine Meinung, aber keine Fakten braucht. Dieser Briefband ist eine große und zugleich eine schmerzliche Lektüre - und hoffentlich auch der Beginn einer sachlichen Beschäftigung mit dem Fall Suhrkamp gegen S. Fischer.

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