Home
http://www.faz.net/-gr0-16pxh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Südafrika am Scheideweg Wo ist die gute Hoffnung hin?

28.06.2010 ·  Was wird aus Südafrika, wenn die WM-Begeisterung vorüber ist? In einem zerrissenen Land versuchen Soziologen und Künstler Inseln zu schaffen, in denen ein Dialog über die ethnischen und sozialen Grenzen hinweg möglich wird.

Von Marie Luise Knott
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Die Minenhügel in Johannesburg erzählen vom Goldtraum, auf dem die Stadt errichtet wurde; das an eine Kalebasse erinnernde Soccer City Stadion an der Grenze zwischen Johannesburg und Soweto wird dereinst für die Träume stehen, die der Fussball 2010 in Südafrika geweckt hat.

„Make us proud, Bafana!“ – Macht uns stolz, Jungs! – liest man auf den Schildern am Straßenrand. Beflaggte Autos, Kellner mit Hüten in den Nationalfarben. Sechzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid empfängt die Regenbogennation die Welt. „Different tribes – one nation“.

Doch Nelson Mandelas Aufbruch in ein „nichtrassistisches, geeintes und demokratisches Südafrika“, jene Zeit, als Südafrika 1995 der Rugby-Weltmeistschaftssieg gelang, ist Vergangenheit. In einem Land mit einem maroden Schulsystem, in dem man, jedenfalls zu nichtweltmeisterlichen Zeiten, auf der Straße wegen eines Handys umgebracht werden kann, in einem Land mit regierungsgesteuerter Korruption, dramatisch steigender Armut und hoher Arbeitslosigkeit verströmt der Ruf „Wir sind eine Nation“ kaum Zuversicht. Sicher ist: Die Blatter-Dynastie und der chinesische Export werden sich am Fußballfest bereichert haben, wie es der Dichter Breyten Breytenbach vorhersagte.

„Bitte kommt zahlreich!“ – Der Aufruf des Journalisten Rian Malan vor der WM im „Guardian“ abgedruckt, war keineswegs wirtschaftlich motiviert. Wir brauchen den Austausch, wir brauchen alle mentalen Öffnungen, war seine Botschaft, denn das Land steckt fest. Und daran ändert der Sport nichts. Viele befürchten, die Krise könnte sich nach der WM weiter verstärken.

Tiefe Spuren der Apartheid

Eine, die Malans Ruf im Vorfeld gehört haben muss, ist Katharina Narbutovic vom Daad-Künstlerprogramm, dass seit Jahrzehnten Künstler aus aller Welt nach Berlin holt und in diesem Jahr zum künstlerischen Dialog derzeitige und ehemalige Stipendiaten nach Johannesburg und Kapstadt zu öffentlichen Begegnungen lud. Die Johannesburger kamen, lauschten, lachten und fragten nach, als Candice Breitz, ihre jüngste, streng komponierte Video-Arbeit mit Erzählungen von Zwillingen vorstellte und erkärte, sie interessiere sich weniger für Politik, sondern vor allem für das, was zwischen den Menschen geschehe. Die Apartheid hat tiefe Spuren hinterlassen, weshalb das Reden über das Zwischenmenschliche, diesen durch die Segregation im Lande so gefährdete Raum, das Publikum besonderes elektrisierte.

Als Fremder, der in Südafrika ankommt, verfügt man über keinen Instinkt und keine Instrumente, um die Zeichen zu lesen. Südafrika ist ein zerrissenes Land und ein Land der vielen Gesichter. Was hat es mit den Schwarzen, die vor dem Hotel auf dem Bürgersteig stehen, auf sich? Wer von ihnen lungert herum und wer wacht zur Sicherheit der Gäste? Verunsichert erwartet man immer das Schlimmste, denn: Hier werden zu viele Sprachen gesprochen, hier werden zu verzweifelt Identitäten und Gewissheiten verteidigt. Nicht nur Rian Malan fragt öffentlich, ob sich nach dem Abpfiff des Endspiels die aufgestaute Wut und Angst entladen werden oder etwas von der positiven WM-Energie hängen bleibt? Je prekärer die Verhältnisse und je zynischer die Kluft zwischen Arm und Reich, desto weniger wird zugehört und desto mehr greifen die rassistischen Parolen und bedrohlichen Gesten des populistischen ANC-Jugendführer Julius Malema.

Die Inseln der Weißen

In Johannesburg ballen sich die Probleme des Landes. Der Aufeinanderprall der Identitäten und die ausgeprägten No-Go-Areas stehen für den südafrikanischen Geisteszustand, meint Ivan Vladislavi, einer der bedeutendsten südafrikanischen Schriftsteller. Alle verbarrikadieren sich in ihren jeweiligen Zugehörigkeiten, Identitäten. Eine segregierte Stadt, die ihrerseits längst als Fallstudie für die Entwicklung anderer Weltstädte gelesen wird. Da Downtown Johannesburg den Weißen schon lange nicht mehr zur Verfügung steht, haben sie sich im reichen grünen und hügeligen Nordteil der Stadt, in der Nähe ihrer hoch eingemauerten und mit Elektrodraht umzäunten Prachtvillen ihr virtuelles Ersatz-Stadtzentrum geschaffen, eine Fußgängerzone mit eigener Mall, Nobelrestaurant und kleinen Verkaufsständen, die einen Markt simulieren. Wer in dieses Areal hinein möchte, wird kontrolliert. An drei Seiten ist es von stacheldrahtbewehrten Mauern umgeben. Im Innern bewegt man sich frei. Ein Konsum-Ghetto, angelegt wie ein öffentlicher Raum. Auf dem kleinen von Cafés gesäumten Platz drehen Kinder samstags nachmittags auf ihren Plastikdreirädern endlos Kreise.

Jyoti Mistry, die indischstämmige Stadtsoziologin und Filmemacherin, führt mit viel Selbstironie durch die Anlage. Immer mehr Intellektuelle suchen wie sie danach, die „echopains of history“ zu erkennen und abzustreifen. Auch der aus Kamerun stammende Historiker Achille Mbembe konstatiert, Materialismus und Konsumismus und das Feststecken in den Bildern und Begrifflichkeiten der Vergangenheit hinderten die Menschen daran, das Neue zu erkennen, das sich tatsächlich tagtäglich ereignet. Schließlich begegneten sich die Menschen mindestens zwölf Stunden des Tages über die Segregation hinweg. Sie arbeiten miteinander, konsumieren miteinander. Wann endlich, fragt er sich, werden die Menschen diese Realität wahrnehmen?

Auf dem Weg zu Hybridkultur

Mbembe, ebenso wie Georges Pfründer, der aus der Schweiz zugezogene Leiter der Wits School of Arts, setzen auf „Métissage“ und „Kreolisierung“, die allmähliche Bildung einer gemeinsamen, „hybriden“ Kultur. Pfründer will Netzwerke schaffen und bringt die Kunststudenten in die Stadt, nach Soweto ebenso wie nach Downtown, in die äthiopische community. Auch ästhetisch setzt er auf Überlappungen und Verschmelzungen als konzeptuellem Stilmittel – auf Begegnungen zwischen Kunstsprachen und zwischen den Gattungen. Vor allem aber betont er, wie auch Joity Mistry in ihren Filmen wie „We remember differently" auf die Begegnung von Dokument und Fiktion. Vielleicht liegt es auch daran, dass Dokumente durch ästhetische Überformungen die Allgewalt der (oft unerträglichen) Gegenwart aufbrechen können.

In der Innenstadt unterhalb einer Autobahntrasse befindet sich der Eingang zu einem ummauerten Fabrikgelände. Eine düstere Gegend in einer No-Go-Area. Hier, in „Arts on Main“, haben sich verschiedene Kulturlinitiativen zusammengeschlossen, mit dem Ziel, ein Stück Innenstadt dem öffentlichen Leben zurückzuerobern: Galerien, Ateliers, eine Buchhandlung, ein Restaurant und verschiedene Veranstaltungsorte. Das Goethe-Institut, der weltbekannte Künstler William Kentridge und die Galerie Seippel sind mit von der Partie. Am Eingang sitzt ein Sicherheitsmann, an den Straßenecken stehen Schwarze herum. Ob diese „Pockets of revitalisation“ (so die Dichterin Lebogang Mashile) Schule machen, bleibt fraglich. Wartet man vor dem Eingang neben dem Wachmann auf Freunde, wird man hineingeschickt. „Stellen Sie sich rein, hier gibt es zu viele Augen, die überlegen, was man mit Ihrer Tasche, Ihren Schuhen und Ihrem Schal alles machen kann.“

Von Johannesburg nach Kapstadt

In der noch immer stark segregierten südafrikanischen Gesellschaft gibt es bislang keinen Roman mit großem epischen Atem. Von dieser Leerstelle erzählen alle Romane J. M. Coetzees. Ivan Vladislavi, der in den achtziger Jahren Mitglied der „farbenübergreifenden“ Anti-Apartheid-Community war, hat in seiner Kurzprosa liebevoll scharf und bildreich das Leben in Johannesburg dekonstruiert – auch die eigenen Ängste und Hoffnungen. Er mag die „Joburg“-Mode nicht, in die er mit seiner Prosa hineingeraten ist, und wünscht, wie er sagt, ein Ende des Urbanitätsgeredes und Identitätsdiskurses, die in jüngerer Zeit auch die Kriminalromane erobert hätten.

Während in Johannesburg nachts die Hunde hinter den Häusermauern bellen, herrscht in Kapstadt ein anderer Ton. Hier ist die Luft vom Krächzen der Vögel erfüllt, die wie schon die ersten Einwanderer vom Meer kommen. Kapstadt wirkt freundlicher, durchlässiger. Man brauche einen Pass, um nach Kapstadt zu reisen, witzeln die Johannesburger, um die Ferne zu beschreiben. In Kapstadt beklagen viele Weiße, ob angemessen oder nicht, ihre Ohnmacht gegenüber der heutigen schwarzen Vorherrschaft. Die Schriftstellerin Antjie Krog, die an der unter der Apartheid für Schwarze gegründeten Westkap-Universität unterrichtet, hat mit dem Titel ihres jüngsten Buches „Begging to be Black“ („Ach wenn ich doch nur schwarz wär“) ironisch das Lamento der Weißen kommentiert, die ihrer Meinung nach vergessen, was sie in der Vergangenheit angerichtet haben und wie gut es ihnen geht.

Schmelztiegel für Afrika

Weggehen? Dableiben? Der Romancier Njabulo Ndebele plädiert fürs Dableiben. Die Ungewissheit sei eine Chance, wenn man nur robust und neugierig genug sei. Wenn es gelinge, von Kindesbeinen an die Vorstellungskraft zu mobilisieren. Demokratie, so formuliert es Mbembe, ist schließlich keine Stimmabgabe, sondern das papierene Echo der eigenen Stimme, die man im öffentlichen Raum kundtut. Dahin ist es noch ein Weg.

Südafrika, das unter der Apartheid nach Europa und Amerika ausgerichtet und vom Rest des Kontinents abgeschnitten war, zieht heute neben den Wirtschaftsflüchtlingen auch Intellektuelle aus vielen afrikanischen Ländern an. Sie studieren, lehren und arbeiten dort. „Who no know go know“ („Wer nicht weiß, finde heraus“) – mit diesem Spruch begann 2002 der aus Kamerun stammende Ntone Edjabe die Zeitschrift „Chimurenga“, die im Herzen von Kapstadt im dritten Stock des Pan African Markets ihre Redaktionsräume hat. „Chimurenga“ will die Erfahrungsräume aller Afrikaner reflektieren und erweitern. Die Zeitschrift hat sich die Bricolage der Stimmen und der Formen zum Konzept gemacht. Im ganzen Haus spricht man Englisch und Französisch und sucht – naheliegenderweise – den Dialog mit Indien.

Der zerbrochene Spiegel

Mashile, Mbembe, Pfründer oder Vladislavi, alle diese Intellektuellen basteln, so scheint es, von verschiedenen Seiten an der Frage, wie man aus den Mauern der Angst und des Opferstatus herauskommt, und aus der Armut natürlich. Wie kommt man da hin, das eigene Leben als eine Wahl anzusehen? Damit dürfte nicht nur Chancenfreiheit gemeint sein, sondern vor allem auch die innere Vorstellung, jenseits kollektiver Zuschreibungen das Leben in die Hand zu nehmen.

„ABCs“ heißt das Gedicht, das die in den Vereinigten Staaten geborene, mit Seosotho aufgewachsene Dichterin Lebogang Mashile beim Daad-Abend vortrug. „I’m just a colonized African, who breaks down the Queens English / Until Sesotho can understand it (...) South Africa is a fractured mirror. / A paradox of shizophrenic selves, / Who do not talk to one another.“ Indem sie diese Zeilen ihres Gedichtes wieder und wieder vor wechselndem Publikum rezitiert, nährt sie in den Zuhörern die Vorstellung, das Gespräch könne eigentlich – endlich – beginnen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel