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Streit um NS-Pornos Hinter den Büschen

Die „Endstufe“ ist nicht das Ende. Thor Kunkel, der einen Roman um die Pornos der Nazis geschrieben hat, sei einem Studentenwitz aufgesessen, wird nun behauptet: Die Filme stammten nicht aus der Nazi-Zeit.

© dpa Vergrößern Der Autor des Buches, über das man redet: Thor Kunkel

Es war abzusehen. Die "Endstufe" ist nicht immer auch das Ende. Thor Kunkels Roman um die Pornos der Nazis ist zwar durchgefallen bei der Kritik (F.A.Z. vom 3. April), und das Publikum hat sich nicht so auf das Buch gestürzt, wie das der Eichborn Verlag gehofft hatte. Dafür hat sich nun das 3sat-Fernsehmagazin "Kulturzeit" auf das Buch gestürzt und einen Beitrag mit "Enthüllungen um Thor Kunkels Roman ,Endstufe'" gesendet, der vor allem die Wünsche der Enthüller enthüllt.

Kunkel, so der Beitrag, sei einem Studentenwitz aufgesessen und habe diesen als seriöse Recherche ausgegeben. Den Witz habe sich vor dreißig Jahren Werner Grassmann erlaubt, ein honoriger Hamburger Bürger, Besitzer des Abaton-Kinos und seit Jahrzehnten Produzent und Sammler von Filmen. Grassmann erklärt, er habe Anfang der siebziger Jahre unter dem Motto "Erotik im Untergrund" Filme gezeigt, die er zur Steigerung von deren Attraktivität auf die Nazizeit datiert habe.

Kleine Schweinsblase

Peter Körte Folgen:  

Kunkel hat sich in seinem Buch bei Grassmann für Kooperation bedankt. Vorgestern hat Grassmann in "Kulturzeit" angekündigt, er wolle deshalb rechtliche Schritte gegen Kunkel einleiten: "Er will sich Seriosität mit meinem Namen einkaufen." Es könne sein, daß er vor ein paar Jahren mit Kunkel telefoniert habe, aber mehr sei da nicht gewesen. Gestern indes ließ Grassmann durchblicken, daß er nach Rücksprache mit seinem Anwalt doch nicht klagen werde. Er wolle "diese kleine Schweinsblase" nicht größer werden lassen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung, und man spürt, daß ihm das alles sehr unangenehm ist.

Grassmann ist sich sicher, daß die Filme, welche er damals gezeigt hat, keine Nazipornos gewesen sind. Tilman Jens, Autor des "Kulturzeit"-Beitrags, habe ihm nämlich zwei der Filme vorgeführt, die Kunkel zu seinem Roman inspiriert haben. Jens hat diese Filme von dem Experimentalfilmer und Sammler Werner Nekes erhalten, bei dem auch Kunkel die Filme gesehen hat. "Die hätte ich nicht gezeigt", sagt Grassmann, "die waren mir einfach zu unappetitlich. Aber es kann gut sein, daß es zwei Sorten gibt", fügt er schließlich hinzu, "und Werner Nekes, mit dem ich seit vierzig Jahren befreundet bin, hat offenbar Filme, die ich nicht hatte. Ob sie echt sind oder nicht, ist mir auch egal." Warum aber dann die Aufregung? Grassmann habe seine Filme damals von "irgendeinem kleinen Abteilungsleiter" aus Reinbek angeboten bekommen und dafür bezahlt. Der Mann, dessen Name Grassmann, wie er sagt, entfallen ist, habe sie offenbar mit Freunden selber gedreht, was man, so Grassmann, schon daran sehen könne, daß es Schuhwerk und Kleidung in den Filmen während der Nazizeit gar nicht gegeben hätte.

Die Tanne hat gewackelt

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Grassmann sagt jetzt, man habe die Filme damals als Nazifilme etikettiert, um die Nazis "in ihrer Verlogenheit lächerlich zu machen". Der Programmzettel, den das Abaton damals druckte, hatte behauptet, die Filme seien von den Nazis produziert worden, um sie gegen Rohstoffe und Rüstungsgüter einzutauschen. Natürlich sei das lächerlich, und genauso sei es auch gewollt gewesen. "Für solche Filme hätte man ja allenfalls Schrotpatronen bekommen." Auf seiner Leinwand habe man nur einen Mann mit zwei Mädchen gesehen, "die sind hinter die Büsche gekrochen, die Tanne hat gewackelt, und das war's."

Werner Nekes dagegen hat keinen Zweifel an der Echtheit der beiden Kopien, die er besitzt. Zu dem Vorwurf eines von 3sat aufgebotenen Experten, die Filme seien digital nachbearbeitet worden, sagt Nekes, er habe die Rechte damals für ein paar tausend Mark an eine Firma verkauft, welche die Filme auf CD-Rom herausbrachte. Diese Firma habe für ein "digitales Make-up, ein ziemlich puffiges Layout" gesorgt, sagt Nekes. Es habe sich dann herausgestellt, daß es sich um eine Briefkastenfirma handelte, die nie seriös mit ihm abgerechnet habe. Und Kunkels Roman-Idee vom Tausch Pornos gegen Rohstoff stamme aus einer "Playboy"-Rubrik der siebziger Jahre. "Warum soll nicht auch der Verfasser des Abaton-Programmzettels darauf zurückgegriffen haben?" fragt Nekes.

Irritationen

fallensteller frau schreit © Norbert Guthier Vergrößern Szene aus „Der Fallensteller”

Daß es sich bei seinem Lieferanten um dieselbe Person gehandelt haben könnte, die auch Grassmann mit Filmen versorgte, will Nekes nicht ausschließen. Allerdings könne dieser Mann seine beiden Filme nicht selbst gedreht haben, denn dessen eigene Arbeiten seien viel zu "amateurhaft" gewesen. Daß Grassmann sich nicht an ein Gespräch mit Kunkel erinnern könne, "irritiert mich jedoch", sagt Nekes, da er Kunkel an Grassmann verwiesen habe.

Alexander Kluge wiederum, durch dessen Fernsehbeitrag über Nekes' Filme Kunkel auf das Material aufmerksam wurde, hat Anfang der siebziger Jahre bei Werner Grassmann dessen Filme gesehen und später, 1995, auch die von Werner Nekes. Kluge ist sehr zurückhaltend. Er verfüge lediglich über "Sekundärwissen"; nach all den Jahren sei die Erinnerung an die Filme nicht mehr so plastisch. Er habe jedoch keine gravierenden Unterschiede zwischen den Filmen feststellen können, sagt Kluge mit aller Vorsicht.

Wie viele Sorten Sachsenwaldfilme es nun gibt, wie es um die Nackten und die Fakten steht - ein Hauch von Kujau und, mehr noch, von "Schtonk!" weht durch diese Geschichte, und wenn es nicht so unappetitlich wäre, wäre es fast von grotesker Komik. Hat nun eine Fiktion auf einem Programmzettel eine Fiktion geboren? Oder war es ganz anders? Die Empörung im Beitrag von Tilman Jens ist von ähnlich leicht hysterischer Aufgeregtheit wie Kunkels Buch, denn was immer man von "Endstufe" hält, es gehört zum Tagesgeschäft des Schriftstellers, Fundstücke zu fiktionalisieren, ganz gleich, ob schon der Fund erfunden war oder nicht. So verlieren sich die Enden dieser Parabel im Obskuren. Und wenn man sie dann doch als Gleichniserzählung nimmt, dann handelt sie vor allem von einer reflexhaften und leicht entflammbaren Phantasie, die bei der Verbindung von Nazis und Pornos einen mentalen Kurzschluß auslöst.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2004, Nr. 88 / Seite 31

 
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Veröffentlicht: 14.04.2004, 17:51 Uhr