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Steuerverschwendung : Kafkas Hinrichtung, von der EU gefördert

  • -Aktualisiert am

Was er und sein Werk alles aushalten müssen, geht auf keine Kuhhaut: Franz Kafka Bild: dapd

Das Verlagshaus Gehlen und Schulz beglückt ungefragt Schulen im deutschsprachigen Raum mit einem Kafka-Roman. Das mit Steuergeldern finanzierte Buch ist voller Fehler.

          Was die deutsche Literatur im Schulkontext ist, weiß jedes Kind: Goethe und Kafka. Was sie nicht ist, das ist nun um eine denkwürdige Variante reicher: „kein Rechtschreib-Wettbewerb". Die Einlassung stammt von dem österreichischen „Verleger" Adrian Schulz und bildet den Gipfel eines handfesten Skandals, den die „Kronenzeitung" aufgedeckt hat. Es geht um eine enorme Verschwendung respektive Abzweigung von Steuergeldern.

          Zurzeit beglückt das Verlagshaus Gehlen und Schulz ungefragt Schulen im deutschsprachigen Raum mit einem Kafka-Geschenk: je einem Karton Gratisexemplare des Romans „Das Schloss". Den nämlich hat der zu diesem Behuf gegründete Verlag in einer sagenhaften Zwei-Millionen-Auflage gedruckt, und zwar in einer vor Fehlern nur so strotzenden Ausgabe. Softwareprobleme seien dafür verantwortlich, heißt es. Wurde etwa einfach die als Grundlage angeführte Max-Brod-Ausgabe von 1951 auf den Scanner gelegt und per Worterkennungsprogramm zunächst in Dokumente und dann unbesehen in Bücher überführt?

          Allein die erste Seite versammelt diese Wortprägungen: „Schne", „vermiten", „Wirtstube", „kurze Zeit draauf", "mit schauspielerhaftern Gesicht", „haten", „Mensh", „Niemant", „vorgezeit". So geht es weiter, jeder Fehlschreibwettbewerb würde gewonnen. Der Verlag legt seinen Paketen daher gleich folgende Erklärung bei: "Uns haben Nachrichten erreicht, dass sich ein paar Rechtschreibfehler in die neue Ausgabe eingeschlichen haben. Stimmt, wir haben diese irgendwann einfach zugelassen. Aus ökonomischen Gründen einerseits, andererseits ist Literatur ja auch kein Rechtschreib-Wettbewerb." Dreist und skandalös wird es, sobald man sich die Finanzierung ansieht, die nach Aussage von Adrian Schulz zum größten Teil durch EU-Gelder geschah.

          Laute Lacher im Lehrerzimmer

          Bislang sind etwa zweitausend Bücher an vierzig Schulen gelangt. Im Gespräch mit dieser Zeitung weist Adrian Schulz darauf hin, dass auch alle weiteren Exemplare verschickt würden: Gedruckt sei gedruckt. Die Fehler verleugne man nicht, sondern gehe sie „aggressiv" an. Schulz bestätigt die Finanzierung durch ein EU-Programm: Eine sechsstellige Summe sei geflossen. Eine Agentur in Brüssel habe den Kontakt vermittelt, nähere Angaben mache er dazu nicht. Man habe bei der Sache nicht schlecht verdient. „Das Schloss" sei einfach deshalb ausgewählt worden, weil es auf den Curricula stehe. Die Geldgeber hätten sich für die Auswahl nicht interessiert.

          Die Pressestelle der Europäischen Kommission hat eine zügige Stellungnahme zugesagt, die aber dennoch auf sich warten lassen könne, „weil man da tief graben muss". Wir warten mit Spannung, denn sollte sich die öffentliche Förderung bewahrheiten, hätten sich vor allem die Geldgeber blamiert. Zu den Beschenkten gehört auch das Frankfurter Lessing-Gymnasium. Dessen „Fachsprecherin für Deutsch", Mareike Kuntz, perplex ob der Gabe, hat bereits brieflich bei Adrian Schulz nachgefragt, was er mit der Zusendung bezwecken wolle. Ganz klar wäre das nämlich nicht einmal dann, wenn die Ausgabe nicht unbrauchbar wäre. Allein die Erklärung habe immerhin für viele laute Lacher im Lehrerzimmer gesorgt. Teure Lacher.

          Quelle: F.A.Z.

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