Der König ist tot, es lebe der König: Während auf deutsch gerade der abschließende Band seines ehrgeizigsten Romanprojekts erscheint und der Autor erklärt, dieses Buch werde sein letzter großer Roman sein, freut sich Amerika schon über erste Ausblicke auf einen anderen, neuen Stephen King.
Der will als Pensionär, Kolumnist bei „Entertainment Weekly“ und reifer Raconteur ein bißchen Mutterwitz und Lebensweisheit im Staat der zweiten Bush-Amtszeit verbreiten, der das bitter nötig hat. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erscheint also drüben „Faithful“, Kings mit seinem Bewunderer Stewart O'Nan verfaßtes Tagebuch zur jüngsten Spielzeit des Lieblings-Baseballteams dieser beiden, der Boston Red Sox.
Die haben 2004 ihre beste Saison seit Ewigkeiten hingelegt, was weder King noch O'Nan vorher wissen konnten. „Faithful“ ist dank King, der O'Nans pressierliches Pop-Gefuchtel mit fürstlicher Lässigkeit konterkariert, ein hübsches, gemütvolles Buch geworden.
Reise durch eine finstere, selbstvergessene Welt
Kings eigentliche Arbeit ist getan: Eine Folge von Büchern unter dem Obertitel „Der dunkle Turm“ sollte die wichtigste sein unter den vielen Bänden, die er hinterlassen wird. Sie ist es geworden.
Im ersten Band, der 1982 erschien, hat man den Helden Roland kennengelernt, der mit Revolvern im Gürtel und Zorn im Herzen der Sache dient, die er für das Gute hält. Er verfolgt einen Mann, der ein Land namens Gilead zerstört hat, aus dem Roland kommt.
Man bereist eine finstere Welt, die sich selbst vergessen hat: Relikte von Technik und Magie liegen überall herum, Vergangenheit vergammelt auf unordentlichen Haufen. Roland weiß, daß es mehr Welten gibt als diese, unzählige sogar.
In ihrer Mitte steht der dunkle Turm, die Achse, um die der Kosmos sich dreht und von der es heißt, sie sei gefährdet. Roland will zum Turm und ihn retten. Im zweiten Band holt er sich, um dieser Mission gerecht zu werden, drei Gefährten aus einer Welt, die unserer ähnlicher ist als seiner.
Überraschendes Ende
Drei weitere Bände lang entwirft King danach seine komplexe Geschichte um die Reise zum Turm, bis sich im sechsten auch noch der Autor einmischt, als Negativzwilling Rolands. Der siebte Band heißt „The Dark Tower“, erscheint soeben als „Der Turm“ auf deutsch und führt die Geschichte zu einem logischen, aber auch überraschenden Ende.
Roland erreicht den Turm, und sein Schicksal erfüllt sich, aber anders, als er dachte: Seine Nachtfahrt durch das Land der verlorenen Geschichten war die Entfaltung eines Selbstwiderspruchs - ein einsamer Rächer soll keine Freunde haben. Die Freunde, die er dennoch gefunden hat, zahlen in „Der Turm“ den Preis für diese Freundschaft: Ihre Nähe zum Weltenretter hat ihr altes Leben zu Asche verbrannt, sie müssen also entweder sterben oder ganz neu beginnen.
Persönlichen Weltzugang in ein vollendetes Werk packen
Das ist auch als Metapher fürs Versprechen der Literatur zu lesen, das ewig dringliche „Du mußt dein Leben ändern“, von dessen Magnetismus auch der Held und sein Autor nicht verschont bleiben.
Vor allem aber ist „Der Turm“ ein Dokument, das belegt, daß man auch nach den nachklassischen Erschütterungen der Idee literarischer Totalität, welche Romantik, Moderne und Postmoderne hießen, die ganze vielgestaltige Pracht persönlichsten Weltzugangs in ein vollendetes Werk packen kann.
Die amerikanische Erfahrung schlechthin
In diesen sieben Büchern wohnt darüber hinaus die amerikanische Erfahrung schlechthin: Schrottplätze und Drive-in-Kinos, Drogen und Popmusik, Texas Rangers und Frühstücksflocken, General Custers letzter Befehl und das verwunschene Kaiserreich Schwarzenegger (vormals Kalifornien).
Das hat King schildern können, weil er zwei Dinge in sich vereint, die bei anderen auseinanderfallen: Er ist erstens ein sehr guter Schriftsteller und weiß zweitens genau, wo heute der Platz eines sehr guten Schriftstellers in Relation zur Kulturindustrie sein muß.
Genau so spricht der Teufel
Der erste Vorzug läßt sich auf englisch leicht demonstrieren, wenn nicht aus jedem seiner Bücher, dann doch auf fast jeder Seite aus „The Stand“ oder „Bag of Bones“. Wenn King die Einwohner von Maine Dialekt reden läßt, reden sie wirklich wie die Einwohner von Maine - aber das ist noch Pflicht, nämlich etwas, das John Steinbeck auch konnte und selbst heute noch mancher kann. Die Kür besteht darin, daß man, wo bei King der Teufel spricht, das Gefühl hat: Genau so spricht der Teufel.
Nicht genug gewürdigt also - das wird sich ändern, wir werden es erleben - sind Kings spezifische dichterische Stimme, seine Gabe, Dinge und Personen überzeugend sprechen zu lassen, die es nicht gibt und nicht geben kann, sein Humor und sein Vermögen, mit kleinen Vorverweisen auf noch zu Berichtendes fast unmerklich das Zeitgefühl beim Lesen zu suspendieren: Es zieht einen hinein und hält einen dort fest.
Mängel in der Übersetzung
Leider ist dies alles anhand der erhältlichen deutschen Übersetzungen oft schwer nachprüfbar. Das fängt schon bei Wörtern an, die King aus der Normalsprache nimmt, um sie in eigene, nie gelesene zu verwandeln: Da gibt es etwa die schurkischen „low men“, die sowohl aufs Kartenspiel verweisen - eine Pokervariante heißt „Kings and Low Men“ - wie, in entferntem Echo, auf die Bibel, nämlich auf jene „lowest of men“, die im ersten Buch der Könige von einem Bösewicht zu Priestern geweiht werden.
Deutsch gibt man sie aber nicht als „Kerle von ganz unten“, „Bodensatzgestalten“ oder ähnlich treffend wieder, sondern als, halten Sie sich fest: „niedere Männer“, wahrscheinlich aus den Niederlanden.
Schmerzliches Gestümper
Die „beams“, die Roland und seine Freunde durch diverse Welten führen, den dunklen Turm stützen und deren geometrischen Verlauf man etwa an subtilen Spiegelungen in den Wolken erkennt, sind natürlich „Strahlen“ wie bei einem Leuchtturm. Auf deutsch jedoch heißen sie, oh je, dummerweise „Balken“, weil das im Lexikon eine der angegebenen Bedeutungen von „beams“ ist. Leider verkehrt.
Die „Walk-Ins“ aus dem sechsten Band der Turmgeschichte wiederum sind Besucher aus anderen Welten, der Name ist wunderbar lakonisch und bewußt unpathetisch, weil King seine besonders magischen Erfindungen immer gern betont alltäglich serviert. Man müßte also von „Hereingeschneiten“ oder „Laufkundschaft“ reden. Wie aber heißen sie jetzt? „Wiedergänger“, als wären sie zum Leben erweckte Tote - ein schöner Ausdruck, gewiß, und er hat auch irgendwas mit Fantasy und Horror zu tun, bloß leider nicht das, was dasteht.
Und so weiter, und so fort: Von Satzmelodie, Valeurs oder Stimmung wollen wir bei diesem schmerzlichen Gestümper gar nicht erst anfangen. Die Großverlage, die ihn uns servieren, täten gut daran, bei einem Autor von solchem Rang ein paar Euro mehr für Übersetzungen auszugeben, die derzeit offenbar unter menschenunwürdigen Bedingungen entstehen.
„Soll der wahre Autor nicht auch Fabrikant sein?“
Natürlich kann man, wenn man keine Lust auf Tausende von Seiten sorgfältiger, nur scheinbar leicht runtergeschriebener englischer Prosa hat, King trotzdem auf deutsch lesen. Denn diese Literatur ist außer schön geschrieben auch so gut, so robust gebaut, daß sie selbst eine Wiedergabe in defektem Gebärden-Chinesisch weitgehend unbeschadet überstehen würde.
Trotzdem bleibt schade, daß zahlreiche Deutsche, die King mögen, derzeit nicht wissen können, daß er die Antwort auf eine Frage gegeben hat, die sich unser Friedrich Schlegel einst im „Athenäum“ stellte: „Man glaubt Autoren oft durch Vergleichungen mit dem Fabrikwesen zu schmähen. Aber soll der wahre Autor nicht auch Fabrikant sein? Soll er nicht sein ganzes Leben dem Geschäft widmen, literarische Materie in Formen zu bilden, die auf eine große Art zweckmäßig und nützlich sind?“
Die aufgeklärte Stellung zur Kulturindustrie, die King, Fabrikant seines Riesenwerks, Freund des Kinos, Fernsehens und der Unterhaltungsliteratur, stets kultiviert hat, ist neben der glänzenden Schriftstellerei seine zweite große Errungenschaft.
King ehren
Unser und sein Glück war, daß er mit dem Erstling „Carrie“ (1974) zu einer Zeit den Buchmarkt eroberte, als dessen Geschicke noch nicht in den Händen der auf Konzernkonzentration vereidigten Krawattenzombies lag, die jetzt internationale Literaturbörsen mit ihrem Betriebswirtschaftsquatsch verwüsten. Damals gab's eine Lektorin, die Kings Kunst so überzeugend fand, daß sie den Mann an Bord geholt hat.
Auf ihrem Stuhl sitzen heute Verrückte, die alles über Preiselastizität und Vertriebsmaximierung wissen, aber leider nicht lesen können. Ist denen klar, daß gute Schriftsteller sich nur dann auch gut verkaufen, wenn man sie arbeiten läßt, wie sie das für richtig halten: monoman, textverliebt, größenwahnsinnig? Es ist ihnen nicht klar. Wenn wir es aber nicht vergessen, ehren wir King, einen der Besten. So wird's auszuhalten sein, bis das Wunder wieder geschieht.