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Stephen Kings neuer Roman : Vergesst nicht euren Bürgerkrieg, er lebt

Stephen King hat mit „11.22.63“ ein Hauptwerk geschrieben Bild: dapd

In seinem neuen Roman „11.22.63“ kreist Stephen King um den Mord an Kennedy. Der Autor wirft das Wissen über unwirkliche Schrecken in die Schlacht um die politische Seele der Vereinigten Staaten.

          Hätte ich mich anders verhalten? Hätte ich angebliche Hexen beschützt, Juden versteckt, protestiert, aufgepasst?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Mann erwacht aus einem bösen Traum. Er gehört nicht hierher. Die Frau, die er liebt, ist bei ihm, versucht ihn zu beruhigen. Sie sagt, er habe im Schlaf gesprochen. Was denn, will er wissen. „Derry ist Dallas“, sagt sie, und dann die Umkehrung: „Dallas ist Derry.“ Wer diese beiden Sätze versteht, weiß, was Stephen King mit dem politisch riskantesten Buch, das ihm bislang eingefallen ist, sagen will. Im Mittelpunkt steht die Ermordung des charismatischen, zu Zweideutigkeiten im Privaten wie im Politischen neigenden Präsidenten der Vereinigten Staaten John Fitzgerald Kennedy am 22. November 1963: Kings Roman heißt nach dem Datum: „11.22.63“. Gemeinsam hat King mit den meisten, die sich zu diesem Mord geäußert haben, dass er in der Wirrnis, die den Fall umgibt, nach dessen politischer und sozialer Bedeutung fahndet.

          Ein Loch in der Zeit

          Anders als die Mehrzahl der anderen Deuter aber sucht er diese Bedeutung nicht beim Täter oder dessen denkbaren Lenkern, sondern in den Folgen der Tat.

          Der Einfall, der ihm das ermöglicht, ist ein phantastischer: Hinter einem Diner in einer Kleinstadt unserer Gegenwart gibt es ein Loch in der Zeit. Wer hindurchgeht, betritt das Jahr 1958 und hat fünf Jahre Zeit, die Schüsse von Dallas zu verhindern. Tun wird das nur, wer glaubt, dass die möglichen erfreulichen Folgen dieser Veränderung die negativen überwiegen. Hier abwägen heißt die Folgen des Kennedy-Mordes beurteilen.

          „Vergiss nicht, mein Hauptfach war Englisch“

          „Hör mir zu“, sagt der Freund des Ich-Erzählers, der diesen überreden will, die Geschichte zu ändern. „Wenn du Kennedys Leben rettest, glaubst du, dass sein Bruder Robert um zwölf Uhr fünfzehn am Morgen des fünften Juni 1968 im Ambassador sein wird? Und selbst wenn er das wäre, würde Sirhan Sirhan immer noch in der Küche arbeiten? Was ist mit Martin Luther King? Wird er im April 1968 in Memphis sein? Steht er auf dem Balkon des Lorraine Motel, genau zum richtigen Zeitpunkt für James Earl Ray, der ihn erschießen wird? Wenn King am Leben bleibt, finden die Rassenunruhen nicht statt, die auf seinen Tod folgen. Vielleicht gibt es dann keine Simbionese Liberation Army, also keine Entführung von Patty Hearst. Bleibt die aus, dann haben Weiße aus der Mittelklasse danach vielleicht etwas weniger Angst vor Schwarzen.“ Der Held seufzt: „Ich kann dir nicht folgen. Vergiss nicht, mein Hauptfach war Englisch.“

          „Du kannst mir nicht folgen“, spitzt der Freund sein Drängen zu, „weil du mehr über den Bürgerkrieg im neunzehnten Jahrhundert weißt als über den anderen, der dieses Land nach Kennedys Ermordung zerrissen hat.“

          Ein Lehrer lernt sein Land kennen

          „Bürgerkrieg“, sagt King und meint mehrere einander überlagernde Krisen zwischen dem Mord von Dallas und dem Watergate-Skandal: erstens das Auseinanderbrechen der oligarchischen Allianz zwischen jenen nordöstlichen und südwestlichen Eliten, die der im September dieses Jahres verstorbene Politologe Carl Oglesby „Yankees“ und „Cowboys“ taufte und deren Burgfrieden den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht nach 1945 ermöglicht hat. Zweitens den in Vietnam erlittenen Verlust der in zwei Weltkriegen erworbenen öffentlichen Gewissheit, die Vereinigten Staaten könnten in internationalen Konflikten nur auf einer Seite stehen, auf die sich konservative wie progressive binnenstaatliche Kräfte als „die gute“ einigen können.

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