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Veröffentlicht: 23.05.2012, 16:50 Uhr

Steinbrück rezensiert Sarrazin Unpolitisch aufs Scheitern fixiert

Thilo Sarrazins Buch „Europa braucht den Euro nicht“ verleugnet die historischen Dimensionen Europas und bietet der Wirtschaftsunion keine Perspektiven.

von Peer Steinbrück
© Archiv Mark, Drachme und Euro – die Kandidaten für Austritt, Eintritt und das Dabeibleiben

Nach seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ nimmt Thilo Sarrazin ein weiteres Mal für sich die Rolle des Präzeptors in Anspruch, der das deutsche Volk pragmatisch, nüchtern und unbelastet von politischen Korrektheiten über einen Irrweg aufklärt und vor einem Niedergang warnt. Dieses Mal ist es der Euro.

Dabei weiß Sarrazin selbstredend, dass seine Mahnungen auf einen aufnahmebereite Grundstimmung stoßen, nach der viele Deutsche der D-Mark und mit ihr einer vermeintlichen Stabilität nachtrauern, in der Europäischen Union (EU) ein bürokratisches bürgerfernes Monster sehen und von den „Pleite-Griechen“ („Bild“) die Faxen dicke haben.

Mit ökonomischer Akkuratesse, die bei vielen Lesern einen Grundkurs in Finanz- und Währungspolitik voraussetzen dürfte, aber deshalb umso profunder und unbestechlicher wirkt, zielt Sarrazin letztlich auf den Bauch der Leute: Schmeißt die Hellenen (oder gleich alle Südländer, deren Mentalität ihm gemessen an „preußischen Tugenden“ und „deutschen Standards“ unverbesserlich zu sein scheinen) aus dem Euro und werft Ihnen schon gar nicht unser gutes Geld hinterher. Das Ganze unterlegt er mit einer Auswahl und Interpretation von Statistiken, die der alten Devise Winston Churchill’s entsprechen, nach der dieser nur die Statistiken verwendete, die er sich selbst auf sein bereits feststehendes Urteil zurechtgebogen habe.

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Das Buch ist allerdings kein Pamphlet. Ökonomischer Sachverstand ist Sarrazin nicht abzusprechen. Und in nicht wenigen Einzelpunkten erntet er auch nicht meinen Widerspruch. Mit Empörungswellen wird man diesem Buch jedenfalls nicht beikommen können, sondern nur durch begründeten Widerspruch. Mein Generaleinwand gegen dieses Buch lautet, dass es geschichtsvergessen und perspektivlos ist.

Europa und damit auch die gemeinsame Währung des Euro dürfen und lassen sich nicht mit einer rein ökonomischen Rationalität und Fixierung auf Zahlungsbilanz- und Staatsdefizite erfassen. Die europäische Integration ist die Antwort auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und auf das 21. Jahrhundert.

Aus den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges von 1914 bis 1945 entsprang das Ursprungsmotiv der europäischen Integration: die Einbindung Deutschlands in eine westliche Staatengemeinschaft, um den Fehler des Versailler Vertrages mit einer gefährlichen Isolierung Deutschlands nicht zu wiederholen und um ein zusätzliches Bollwerk gegen die expansiven Gelüste der Sowjetunion zu haben. Nach der deutschen Wiedervereinigung trat das Motiv hinzu, die starke D-Mark des politisch, ökonomisch, finanziell und bevölkerungsmäßig wiedererstarkten Klotzes im Zentrum der europäischen Geographie (neun direkten Nachbarn, die nicht durchgängig gute Erfahrungen mit uns gemacht haben) einzubinden.

Sarrazins Buch "Europa braucht den Euro nicht" im Handel erhaeltlich © dapd Vergrößern Neue Sarrazin-Türme in den Buchhandlungen

Dieser Integration verdankt Deutschland eine historisch beispiellose Phase des Friedens und der Sicherheit, der gutnachbarschaftlichen Beziehungen, des Wohlstandes und Marktöffnung - und nicht zuletzt der Demokratie und Freiheit. Deutschlands Wiederaufstieg nach der Katastrophe von 1933 bis 1945 war nur in und mit Europa möglich. Dieser Einbettung in die europäische Völkergemeinschaft und die konstruktive Mitwirkung und Verlässlichkeit Deutschlands in den europäischen Institutionen verdanken wir letztlich auch den Glücksfall unserer Wiedervereinigung.

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