06.02.2006 · Erst der Orient hat das Märchen aus der Umklammerung des deutschen Tiefsinns gerettet. Arus al-Arayis' „Braut der Bräute“ ist das schönste Beispiel dafür, eine Art vormodernes Hollywood, „Basic Instinct“ im Morgenland.
Auf dem deutschen Wort Märchen lastet ein Fluch, so habe ich es als Kind immer empfunden. Ein Märchen handelt vom Bösen, selbst wenn das Gute obsiegt, und im Gemüt des Kindes liegt es schwer wie ein Wackerstein - ein Wackerstein aus Moral!
Erst der Orient hat das Wort aus der Umklammerung des deutschen Tiefsinns gerettet. Das Märchen von Arus al-Arayis, der „Braut der Bräute“, ist das schönste Beispiel dafür, eine Art vormodernes Hollywood, „Basic Instinct“ im Morgenland.
Als hätte sie sie nicht gewarnt!
Gegen die „Braut der Bräute“ nimmt sich Sharon Stone wie ein Waisenmädchen aus. Statt mit Eispickeln zur Tat zu schreiten, benutzt sie ihr Köpfchen und läßt andere die Drecksarbeit machen, am liebsten die Männer selbst. Schon vor ihrer Geburt hat sie etliche Herren der Schöpfung auf ihrem nicht vorhandenen Gewissen: Die Sterndeuter, die das Unheil, das da kommen sollte, voraussagten, fallen ihm als erste zum Opfer: Der König und Vater des Mädchens schlägt ihnen für die sinistre Auskunft den Kopf ab.
Als sie verheiratet werden soll, läßt sie hundert Mädchen - darunter sich selbst - vergewaltigen und liefert die Männer, die sie dafür bestellt hat, hernach ans Messer, nur um eine gute Erklärung dafür zu haben, daß sie nicht als Jungfrau in die Ehe geht. So geht es in einem fort, und selbst, wenn sie die Männer ausdrücklich vor ihrer Gemeinheit warnt, können diese - es sind dumme Wesen! - sich ihrer Anziehung nicht erwehren. Noch nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen gelingt es ihr, sich an ihren Häschern zu rächen.
Keine Erfindung des Abendlands
Das Märchen von Arus Al-Arayis steht in einem der ältesten erhaltenen Märchenkonvolute der arabischen Welt, dem aus dem vierzehnten Jahrhundert stammenden „Buch der wundersamen Geschichten“. Klarzumachen, daß Vamp und Femme fatale keine Erfindungen des modernen Abendlandes sind, ist nicht das geringste Verdienst der schaurig schönen Geschichte.
Schwindlig kann einem werden, wenn man bedenkt, wie sehr die Pop-Kultur über fast ein Jahrtausend und scheinbar unüberwindliche kulturelle Grenzen hinweg dieselbe geblieben ist. „Die Braut der Bräute“ ist orientalisches Ohrenkino. Und daß sie uns auch nach sieben Jahrhunderten noch anspricht, kann eigentlich nur daran liegen, daß die Männer seither wenig gelernt haben.