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Stefan Georges Kriegslyrik : Hochpriesterlich-seherische Verkündigung

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Vor hundert Jahren, mitten im Weltkrieg, brachte Stefan George ein Gedicht heraus, das mit allem brach, was Deutschland damals lesen wollte.

          Der Beginn des Ersten Weltkriegs wurde von einer beispiellosen poetischen Mobilisierung begleitet. Nach einer Schätzung des Literaturkritikers Julius Bab liefen bei den Redaktionen in den ersten Kriegswochen täglich etwa 50 000 Gedichte ein; 1916 besprach Bab in einer Literaturzeitschrift 220 Bände mit Kriegslyrik. Unter den Verfassern waren berühmte Namen: Richard Dehmel mit seinem „Lied an alle“: „Sei gesegnet, ernste Stunde, / Die uns endlich stählern eint . . .“; Rainer Maria Rilke mit seinen von Hölderlin inspirierten „Fünf Gesängen“: „Zum erstenmal seh ich dich aufstehn, / Hörengesagter, fernster, unglaublicher Kriegs-Gott . . .“; Hugo von Hofmannsthal mit seiner „Österreichischen Antwort“: „Antwort gibt im Felde dort, / Faust, die festgeballte . . .“. Einer aus der Riege der großen Lyriker der Vorkriegszeit aber hielt sich lange zurück: Stefan George.

          Das kam nicht von ungefähr. Georges Verhältnis zum Krieg war ambivalent. Er teilte die traditionelle Vorstellung, dass ein Krieg in einer geschichtlich verfahrenen Lage Reinigung bedeuten und Neuorientierung ermöglichen könne; in diesem Sinn sprach er 1913/14 von einem „heiligen krieg“, der dem „titanismus“ der modernen Weltbemächtigung ein Ende setzen könnte. Ebenso teilte er die Vorstellung, dass die Bewährung in einem Krieg für die Persönlichkeitsentwicklung junger Männer eine bedeutende Erfahrung sein könne. Er hielt deswegen die Mitglieder seines „Kreises“ oder „Staates“ nicht von der Teilnahme am Krieg ab, sondern ermahnte sie eher, sich dem zu stellen, was – angeblich – die Geschichte ihnen zugedacht hatte, auch wenn ihn der drohende oder tatsächliche Verlust schmerzte.

          Ganz auf pontifikaler Linie

          Trotzdem bejubelte George den Ausbruch des Krieges nicht, sondern ging sofort auf Distanz und enthielt sich jeder öffentlichen Stellungnahme. Private Äußerungen zeigen, dass er die deutsche Politik, die den Krieg mit herbeigeführt hatte, als „maasslose dummheit“ verurteilte, dass er die Kriegsbegeisterung und den Chauvinismus der Intellektuellen für töricht hielt und dass er mit einer Niederlage Deutschlands rechnete. Vor allem aber lehnte George diesen mutwillig herbeigeführten Krieg ab, weil er von ihm nichts Gutes erwartete, weder sittliche Läuterung noch geschichtliche Umkehr. In diesem Sinne sagte er schon früh, dieser Krieg gehe ihn nichts an, und befand im April 1917: „Dieser Krieg ist nicht unser Krieg.“

          Im selben Frühjahr glaubte George, sein öffentliches Schweigen brechen und seine Bewertung des Krieges publik machen zu sollen. Durch die russische Februarrevolution und den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg war eine Lage entstanden, die – mit welchem Ausgang auch immer – ein baldiges Ende der Kämpfe erwarten ließ. Zudem griff Erschöpfung um sich und wurde der Ruf nach Frieden lauter. In den politischen Parteien begann eine Debatte über eine Neubestimmung der deutschen Kriegsziele; sie sollte zu einer „Friedensresolution“ führen, die für eine Aussöhnung der Völker auf der Basis des Status quo warb und am 19. Juli 1917 vom Reichstag verabschiedet wurde. Schon am 1. Juni jedoch brachte George das große Gedicht „Der Krieg“, an dem er seit längerem gearbeitet hatte, zum Abschluss und drängte nun auf rasche Publikation. Es erschien Ende Juli in Form eines schlichten, aber doch auch repräsentativ wirkenden Heftes von acht Seiten mit einem Einband aus gelblich schimmerndem Papier: eine Kombination aus Flugblatt und strahlender Verkündigungsschrift. Besonders bemerkenswert aber ist die Auflagenhöhe von sechseinhalbtausend Exemplaren. Sie war für den esoterischen Dichter George ganz und gar ungewöhnlich und zeigt an, dass er nun stärker als je zuvor gewillt war, sich unmittelbar an die politische Öffentlichkeit zu wenden.

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