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Stefan George : Die dunkle Seite der Macht

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Für Verehrer des Dichters Stefan George ist die Biographie, die Thomas Karlauf schrieb, ein Skandal. Für alle anderen ist das Buch Schrecken und Faszination. Ein Besuch bei seinem Verfasser.

          Wie sieht wohl ein Mann aus, der nach sieben Jahren diesem Kreis entkam? Wie sieht jemand aus, der sieben Jahre lebte im Bann von Stefan George?

          Thomas Karlauf ist ein freundlicher Mann mit randloser Brille, Wildlederpuschen und gestreiftem Hemd. Eigentlich ist er Literaturagent, vermittelt Geschichtswerke und Biographien an Verlage, denkt sich Projekte aus, führt Autoren und Verlage zusammen. Vor acht Jahren fragte ihn ein Verleger, ob er nicht jemanden wisse, der endlich einmal eine George-Biographie schreiben könne. Es gebe nämlich immer noch keine. Karlauf suchte und suchte mit halbem Herzen. In Wahrheit wusste er wohl damals schon, wen er eigentlich suchte, wer diese große Aufgabe übernehmen musste.

          Auf einer der nächsten Buchmessen erzählte er dem Verleger Karl Blessing von seiner Suche und von seinem Wunsch. Der sagte nach einer Viertelstunde: „Das Buch müssen Sie schreiben. Und Sie müssen es für mich schreiben.“ Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Wie viel brauchen Sie?“

          Autor Thomas Karlauf, 1955 in Frankfurt geboren, lebt heute in Berlin

          Deutschlands Wahn und Unglück

          Karlauf nannte eine Summe. Es wird keine kleine gewesen sein, denn Karlauf wusste, worauf er sich einlassen würde. Er wusste, wie viel eigenes Leben es einem raubt, ein solches Leben zu beschreiben. Und Blessing schlug ein, und Karlauf schrieb. Sieben Jahre lang. Es ist ein unglaubliches Buch geworden. Ein Buch, in dem alles beschrieben ist, was Deutschlands Wahn und Unglück von der Jahrhundertwende bis zu Georges Tod im Jahr 1933 gewesen ist. Und auch, was vielleicht zu Deutschlands Rettung hätte werden können. Gespiegelt im Leben eines Dichters, der es wie kein zweiter verstand, Menschen an sich zu binden, junge Männer an sich zu binden, Männer, die zu ihm aufschauten, ihn verehrten bis zur Selbstverleugnung; der einen eigenen kleinen, geheimen Staat im Staate gründete, gebaut auf den Eros, den Glauben an die eigene Erwähltheit und die Dichtung. Ein Mann, der durch Schrecken herrschte und durch Liebe. Ein Mann, dem man nicht mehr entkam, wenn man ihm einmal verfallen war. Ein unglaubliches Leben.

          Karlaufs großes Verdienst ist es, das alles mit ruhiger Hand aufgeschrieben zu haben. Mit Liebe zum Gegenstand, ohne die es nicht geht; und mit einer großen Distanz, einer Ironie, die das auf Dauer unerträgliche Pathos Georges und vor allem das seiner Jünger bricht. Wie der George-Jünger und George-Geliebte Friedrich Gundolf an den Jünger und George-Geliebten Ernst Morwitz schrieb: „Lieber Ernst! Pathos allein genügt nicht, man muss auch Ironie (romantische) haben.“

          Ein neues Ohr

          Karlauf ist ein Ironiker. Jetzt sitzt er auf der Terrasse seiner Wohnung am Berliner Halensee, schön von großen Bäumen umstellt, durch die man in der Ferne den See leuchten sehen kann. Er hat die wichtigsten Bücher aus seiner George-Werkstatt herangeschafft. Auch Briefe, Zeitungsausschnitte, den berühmten Text von Walter Benjamin, den dieser am 12. Juli 1933 unter dem Pseudonym K. A. Stempflinger in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlichte und der mit den Sätzen beginnt: „Stefan George schweigt seit Jahren. Indessen haben wir ein neues Ohr für seine Stimme gewonnen. Wir erkennen sie als eine prophetische.“

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