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Sensationeller Roman-Fund : Der Krieg und die Hypnose

Bild: www.bridgemanimages.com/bridgema

Ein Roman kehrt zurück aus der Kriegsgefangenschaft: Die spektakuläre Wiederentdeckung von Heinrich Gerlachs Kriegsroman „Durchbruch bei Stalingrad“.

          Es ist die wahrscheinlich ungewöhnlichste Entstehungsgeschichte eines Romans, von der man je gehört hat: Ein Mann liest im Oktober 1950 eine Ausgabe der Zeitschrift „Quick“. Er findet darin eine Reportage über den Münchner Arzt Dr. Karl Schmitz, der sich auf Hypnose spezialisiert hat. „Der unbewusste Auftrag“ heißt der Artikel, in dem es um die Möglichkeiten geht, über Hypnose verschüttete Erinnerungen wieder hervorzuholen. Der Mann ist gerade zurück aus Stalingrad. Er gehört zu den wenigen Überlebenden. Von den 300000 deutschen Soldaten, die dort in den Kessel geraten waren, kamen nur 91000 mit dem Leben davon und gerieten in Gefangenschaft. Überhaupt nur 6000 von ihnen kehrten bis 1956 nach Deutschland zurück.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heinrich Gerlach, so heißt der Mann, war als Offizier in der Schlacht um Stalingrad verwundet worden und hatte in sowjetischer Gefangenschaft einen Roman über das Grauen und die Sinnlosigkeit von Stalingrad geschrieben, einen Anti-Kriegs-Roman. Er hatte sein Manuskript durch viele Arbeitslager gerettet und auch noch eine Miniaturabschrift angefertigt, bei der er, ähnlich wie Hans Fallada in seinem in der Nazi-Haft entstandenen Tagebuch, ein eigenes Abkürzungssystem entwickelte. Der Versuch, die Mini-Abschrift aus dem Lager zu schleusen, schlug fehl. 1949 entdeckte der russische Geheimdienst auch das andere Manuskript und beschlagnahmte es. Gerlach kam im Frühjahr 1950 dann endlich zurück nach Deutschland – ohne seinen Roman.

          Rekonstruktion durch Hypnose

          Man kann sich gut vorstellen, was in ihm vorging, als er den Bericht in der „Quick“ las. Wie er plötzlich Hoffnung schöpfte. Wie ihm in diesem Augenblick klar wurde, dass sein Buch gar nicht für immer verloren sein musste – ein Buch, mit dem er Zeugnis ablegen wollte „im Namen der Toten“ (warum er überlebt hatte, war die Frage, die nicht nur ihn nach dem Krieg umtrieb). Gerlach schrieb also einen Brief an Karl Schmitz und fragte ihn, ob er ihm nicht bei der Wiederherstellung seines Romans helfen könne. Er selbst habe sich schon an den Versuch einer Rekonstruktion gemacht, ohne Erfolg. Immer schiebe sich ein Schleier davor: „Es geht nicht!“, schrieb er. „Bis auf einen Abschnitt, der mir besonders am Herzen lag, die Schilderung des Weihnachtsabends 1942. Diesen Abschnitt konnte ich in den Weihnachtstagen des vorigen Jahres (1950) in starker Gemütsregung in einer halben Stunde ohne jede Korrektur niederschreiben.“

          Während der Hypnose des Romanautors: Dr. Karl Schmitz und seine Sekretärin
          Während der Hypnose des Romanautors: Dr. Karl Schmitz und seine Sekretärin : Bild: Aus dem besprochenen Band

          Schmitz ist sofort wie elektrisiert. Gerade hat er sein neues Buch beendet, „Was ist – was kann – was nützt Hypnose“. Und so sieht er in der Therapie von Heinrich Gerlach die perfekte Möglichkeit, seine Hypnose-Methode nicht nur unter Beweis zu stellen, sondern seine kurz vor der Veröffentlichung stehende Studie gleichzeitig möglichst wirksam zu vermarkten. Dass er Gerlach, der die Therapie gar nicht bezahlen kann, vorschlägt, er könne doch einer großen Illustrierten die Berichterstattungsrechte gegen Finanzierung des Experiments überlassen, ist deshalb sicher kein Zufall. Gerlach nimmt den Rat gerne an und schreibt an sieben Zeitschriftenredaktionen. Wenige Tage später meldet sich die „Quick“ und lädt ihn zur Vertragsunterzeichnung nach München ein.

          Es gibt Fotos, die den Arzt und seinen Patienten während der Behandlung zeigen, die Mitte des Jahres 1951 beginnt. Der Germanist Carsten Gansel, von dem noch ausführlich die Rede sein wird, hat sie bei seinen Recherchen über den Autor Heinrich Gerlach in Archiven gefunden. Man sieht darauf den sprechenden Patienten während der Hypnose auf einer Bahre liegen, während die Hand des Arztes, der eine Sigmund-Freud-Brille trägt und es schafft, trotzdem überhaupt nicht so auszusehen wie Sigmund Freud, auf dessen Kopf ruht. Daneben sitzt im geblümten Kleid mit Perlenkette Schmitz’ Sekretärin, die ganz offensichtlich engagiert mitstenographiert.

          23 Sitzungen lang dauert das Experiment. Dann bringt die „Quick“ unter dem Titel „Ich weiß wieder, was war – Russland-Heimkehrer erhält durch Hypnose-Behandlung sein Gedächtnis zurück“ die Geschichte, in der dann – erwartbar – von einem „Wunder“ die Rede ist: „Die Jahre, die in den Abgrund des Vergessens gesunken sind, tauchen wieder auf“, steht in der Ausgabe vom 26. August 1951. „In erregten Ausbrüchen, die der Arzt oder seine Assistentin mitschreiben, kehren die Erlebnisse zurück, zum zweiten Mal entstehen einzelne Szenen und Kapitel des Romans. Über die dunkle Schlucht verlorener Jahre spannt sich von neuem die Brücke des Bewusstseins.“

          Nur ein einziger Satz

          Das klingt pathetisch und übertrieben. Ganz falsch ist es allerdings nicht. Zwar ist es natürlich nicht so, dass am Ende der Therapiesitzungen der vollständige Roman auf dem Papier steht und nur noch abgeschrieben und veröffentlicht werden müsste. Wäre ja auch komisch. Gerade beim ersten Versuch ist die Ausbeute sogar sehr gering, es bleibt eigentlich nur ein einziger Satz. Nach dem Aufwecken aus der Hypnose mit dem Ergebnis konfrontiert, erinnert sich Gerlach, dass dieser Satz aus der ersten Fassung des Romans stammte, die er aber noch mehrmals überarbeitet hatte. Trotzdem gelingt es Arzt und Patient, durch die Behandlung Struktur und weite Teile des Romans zu rekonstruieren. Schmitz schätzt, dass am Ende der Inhalt von zwei Hauptteilen des ehemaligen Manuskripts vorliegt, das ursprünglich drei Teile hatte.

          Carsten Gansel, Professor für Germanistik in Gießen, hat rekonstruiert, wie Gerlach, der nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft als Gymnasiallehrer in Norddeutschland tätig war (was man sich ja auch immer wieder vor Augen führen muss: dass da die Schüler vor einem Stalingrad-Heimkehrer saßen!), noch vier Jahre lang brauchte, um seinen Roman in mühsamer Arbeit wieder zu vervollständigen – oder besser: neu zu schreiben. „Mein Vater musste sich in das Familienleben erst wieder einfinden“, erinnert sich Gerlachs Tochter, Dorothee Wagner, in einem Brief an Gansel. „Da blieb kaum Zeit zum Schreiben, dazu nutzte er die Ferien.“

          Sofort ein Bestseller

          Im Herbst 1957 erscheint das Buch in der Nymphenburger Verlagsbuchhandlung unter dem Fünfziger-Jahre-Titel „Die verratene Armee“. Es ist sofort ein Bestseller. Die 10000 Exemplare der ersten Auflage sind schon im November verkauft, aus New York, London, Mailand, Stockholm und Holland sind erste Anfragen für Übersetzungsrechte da. Das kriegt, wie Gansel anhand von Akten und Artikeln detektivisch recherchiert, auch Dr. Karl Schmitz mit. In der Hoffnung, an Gerlachs Erfolg teilhaben zu können, behauptet er, mit dem Autor einen Vertrag abgeschlossen zu haben, dem zufolge ihm zwanzig Prozent der Autorenanteile am Bestseller-Erfolg zustünden.

          Ein in der Geschichte der Medizin und des Rechts ungewöhnlicher Streit entzündet sich: „Darf ein Arzt eine finanzielle Beteiligung an der geistigen Arbeit seiner Patienten verlangen, oder darf er es nicht?“ Gerlach kann sich nicht erinnern, einen solchen Vertrag unterschrieben zu haben. Jedenfalls nicht im wachen Zustand. Sofort steht die Unterstellung im Raum, der Arzt habe ihm den Vertrag während der Hypnose zur Unterschrift vorgelegt. Gerlach ist empört. Er sei während der Zeit der Hypnose-Behandlungen in einer „so labilen Verfassung“ gewesen, dass er Schmitz auch seine „eigene Großmutter verkauft hätte“. Ein Graphologe wird engagiert, dessen Gutachten ergibt, Gerlach habe den Vertrag in wachem Zustand unterschrieben. Es kommt zum Vergleich, Gerlach zahlt dem Arzt 9500 Mark.

          Entdeckung des Manuskripts

          Man könnte vermuten, dass die Geschichte der ungewöhnlichen Rekonstruktion hier zu Ende ist. Aber das ist sie nicht. Denn erst jetzt kommt der Auftritt des Germanisten Carsten Gansel. Erst jetzt kommt der spektakuläre Fund, um den man ihn sofort beneidet: Von einem Kollegen erfährt er, dass man inzwischen wieder in russischen Archiven arbeiten könne, auch im Staatlichen Militärarchiv in Moskau, wo, wenn überhaupt irgendwo, er das vom Ministerium des Innern der Sowjetunion beschlagnahmte Originalmanuskript von Heinrich Gerlachs Roman vermutet.

          Zusammen mit einem Mitarbeiter fährt er nach Moskau und stellt den Antrag auf Einsicht in verschiedene Unterlagen. Sie erhalten ein Findbuch, in welchem sie auf Vorträge vor kriegsgefangenen deutschen Offizieren stoßen und auf Materialien aus dem Lager 27. Es ist das Lager, in dem der Bund Deutscher Offiziere gegründet worden war, dem auch Gerlach angehörte – jene am 11.September 1943 ins Leben gerufene Initiative, die den Rücktritt des Hitlerregimes forcieren und möglichst rasch einen Waffenstillstand herbeiführen wollte. „Odyssee in Rot“ heißt der Roman, den Gerlach später über diese Zeit schreiben sollte.

          In einem Fonds des Archivs, in dem es um die Kulturarbeit im Lager geht, finden sie den in russischer Sprache nicht sofort zu erkennenden Eintrag: „Gerlach, Heinrich: Roman ,Durchbruch bei Stalingrad‘“ – und sind am Ziel. Wer schon einmal etwas in einem Archiv gesucht hat, weiß, was so ein Augenblick für Forscher bedeutet. Man möchte denjenigen, der neben einem steht, auf der Stelle umarmen, egal ob man ihn kennt oder nicht. Glücklicherweise hatte Gansel seinen Mitarbeiter dabei, mit dem er den Fund feiern konnte. Denn dieses Urmanuskript, das der Galiani-Verlag jetzt mit dem Originaltitel „Durchbruch bei Stalingrad“, ergänzt durch das hervorragende Nachwort von Gansel, herausbringt, ist die Grundlage für die Wiederentdeckung des Schriftstellers Heinrich Gerlach, die jetzt erfolgen kann.

          Verblüffende Übereinstimmung

          Das Buch, das postum erscheint (Gerlach starb 1991), enthält dabei nur die erste Version, nicht auch die durch Hypnose rekonstruierte Fassung aus den fünfziger Jahren. Wer „Die verratene Armee“ aber aus einem Keller oder Antiquariat hervorfischen kann, der stellt eine in großen Teilen verblüffende Übereinstimmung fest – und zugleich einen wohl völlig natürlichen Prozess der Distanzierung in der zweiten Fassung. Als Gerlach zu schreiben beginnt, hat er die Katastrophe noch unmittelbar vor Augen, kein Erzähler lenkt hier aus der überschauenden Perspektive, immerzu vermittelt sich in der Erzählung Unmittelbarkeit („Da –! Plötzlich zischt und schwirrt es böse und unheimlich. Schreckenrufe, Warnrufe“). Sätze wirken abgehackt, kommen ohne Verbformen aus. Es sind manchmal nur Satzfetzen.

          So erzählt Heinrich Gerlach uns dieselbe Geschichte noch einmal anders – ohne Abstand. Er fängt auch ganz anders an: „Teufel ist das eine Kälte“, heißt der erste Satz in der „Verratenen Armee“; „In die Steppe zwischen Wolga und Don hatte der Winter seine Spähtrupps vorausgesandt“ der in „Durchbruch bei Stalingrad“. In drei Kapiteln breitet er das Panorama des Schreckens von Stalingrad vor uns aus: „Wetterleuchten“ schildert die Offensive der Roten Armee bis zur Schließung des Kessels; „Zwischen Nacht und Morgen“ die Folgen der Einschließung bis zur Ablehnung des sowjetischen Kapitulationsangebots; und „Am Kreuz der Erkenntnis“ die Endphase der Schlacht. Er schreibt keinen Offiziersroman, sondern dokumentiert – das macht ihn so besonders – das Leben und Empfinden der Soldaten aller Ränge.

          Und er dokumentiert in der Urfassung auch Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht. Hannes Heer hat anlässlich der Wehrmachtsausstellung einmal bemerkt, dass „kein Roman erzähle, was in den besetzten Gebieten im Osten und Südosten an Verbrechen begangen worden“ ist. Hier ist er. Jetzt können wir ihn alle lesen.

          Heinrich Gerlach: „Durchbruch bei Stalingrad 1944“. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Carsten Gansel. Galiani-Verlag, 693 Seiten, 34 Euro

          Quelle: F.A.S.

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