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Sprachgebrauch Warum sagen alle okay?

Es ist das meistgebrauchte Wort unserer Zeit und war das erste, das auf dem Mond fiel. Woher kommt es, wie kam es nach Deutschland - und sollten wir sparsamer damit umgehen?

© F.A.Z. Vergrößern Wie immer man es schreibt - verstanden wird es in der ganzen Welt. Ein virales Wunder

Kinder lieben es. Für sie ist es ein magisches Wort, das Konflikte beendet und, am Ende einer quengelnden Frage, Versprechen erpresst. Erwachsene haben ein gespaltenes Verhältnis zu dem kindlichen Zauberwort. Mit jedem Okay, das sie im Gespräch fallen lassen oder stumm ins Mobiltelefon tippen, geben sie ein Stück ihrer Gestaltungsfreiheit preis. Dass nach einem arbeits- und okayreichen Tag abends aus dem Radio der Refrain „I just wanna be OK, be OK, be OK“ erklingt, würde fast wie Hohn klingen, wenn wir es denn noch wahrnähmen.

Obwohl die meisten Menschen auf der Welt geschätzte zwanzig bis hundert Mal am Tag „Okay“ sagen oder wenigstens hören, ist uns dieses Wort, das sowohl Adjektiv als auch Nomen, Verb oder Interjektion sein und das man auch ganz unterschiedlich schreiben kann, in seiner Vertrautheit völlig fremd. Es kommt, obwohl ihm die halbe Geschichte Amerikas anhaftet, intuitiv aus uns herausgesprudelt, auch wenn wir uns hin und wieder unserer Gedankenlosigkeit schämen.

Wollte man in der Tradition von Raymond Queneaus „Stilübungen“ unser Leben in Interjektionen wiedergeben, würde im Grunde diese eine genügen: „Okay“, zumal sie je nach Betonung ganz unterschiedliche Gefühlszustände ausdrücken kann. Okay, könnte man sagen, formt das Lautgedicht der Wohlstandsgesellschaften unserer Tage, es ist unser liebstes Lippenbekenntnis. Tut uns Okay gut? Nimmt es nicht allmählich überhand?

Tabu in der Politik

Nehmen wir das Kino als Beispiel: Es überrascht kaum noch, wenn ein Pop-Phänomen wie die in China angesiedelte Dreamworks-Animationsfigur Kung Fu Panda auf die entscheidende Frage seines späteren Meisters Shifu, ob er zur Folgsamkeit bereit sei, vor asiatischer Kulisse heftig mit dem Kopf nickt und „Okay!“ ausruft - und dies, wie das Synchronsprachenmenü der DVD beweist, in fast jeder angebotenen Sprache.

Und dann wäre da noch dieses in letzter Zeit bedenklich um sich greifende Ratlosigkeits-Okay. Wir hören es zum Beispiel in dem Film „Black Swan“, in jener Szene, in der Nina und Lily sich in einer Bar betrinken, mit zwei jungen Männern ins Gespräch kommen und diese mit der Aussage amüsieren, sie seien klassische Tänzerinnen. Die Belustigung weicht der Ratlosigkeit, als Nina einem der beiden erklärt, worum es in „Schwanensee“ geht: „It’s about a girl who’s been turned into a swan. She needs love to break the spell.“ Jetzt fällt dem einen der beiden Schönlinge nur noch ein langgezogenes „Okay“ ein - der unkommunikativste und hohlste Lückenfüller, den man sich vorstellen kann. Das Funktionale soll hier vergeblich ins Inhaltliche gedehnt werden. Je seltener die Gemeinschaftserlebnisse werden, desto gemeinschaftlicher wird Okay.

Dass Okay in gehobenen Konversationen nach wie vor tabuisiert ist, kann man daher nicht ganz schlecht finden. Es taugt übrigens auch nur bedingt als Ironiesignal, wie die Proteste nach Lars von Triers „Okay, I’m a Nazi“ bewiesen. Andererseits ist Okay auch dort ein Tabuwort, wo es eine zentrale Rolle spielen sollte - in der Politik, der oft quälenden Herbeiführung demokratischer Entscheidungen, in der Herstellung eines „okayen“ gesellschaftlichen Zustands. Selbst amerikanische Präsidenten verwenden es höchstens in unförmlichen Situationen. Es ist paradox: Dort, wo wir von seinem pragmatischen Geist wirklich profitieren könnten, zeigen wir Okay die kalte Schulter. Dabei wissen wir genau, welch entscheidende Rolle es in politischen Hinterzimmern spielt. Mit Grausen sehen wir Barack Obama und Hillary Clinton auf dem umstrittenen Foto aus dem „Situation Room“ des Weißen Hauses dabei zu, wie sie die Konsequenzen ihres Okay für den tödlichen Einsatz gegen Usama Bin Ladin aushalten müssen.

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