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Skandale : Keine Gnade

  • -Aktualisiert am

Im Gespräch: Rolf Hochhuth Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Rolf Hochhuth hat sich für seinen Satz, der Historiker David Irving sei kein Holocaust-Leugner, entschuldigt. Verziehen wird ihm trotzdem nicht: von der völlig unverhältnismäßigen Zerstörung eines Schriftstellers.

          Der Schriftsteller Rolf Hochhuth hat, es ist längst auch international bekannt, zwei Dinge getan, die er inzwischen selbst mit dem einzig treffenden Wort als „idiotisch“ bezeichnet: Er hat, erstens, der „Jungen Freiheit“ ein Interview gegeben, und er hat, zweitens, dort behauptet, der englische Historiker David Irving sei gewiß kein Holocaust-Leugner.

          Letzteres hat Hochhuth, nach einer mehrtägigen Schrecksekunde und nachdem er sich über Irving und den Prozeß, den Irving selbst vor fünf Jahren in London angezettelt und vernichtend verloren hat, informierte, zurückgezogen und sich dafür entschuldigt.

          Rolf Hochhuth ist ein alter, aufgeregter, wirrköpfiger und unbesonnener Mann. Er hat vor kurzem seine Frau verloren, und er ist in diesem neuen Leben ohne sie noch nicht richtig angekommen. Außerdem rudert er seit Jahren verzweifelt seinem schwindenden Einfluß hinterher. Er hat, bis vor diesem Skandal, mit wirklich jedem echten oder vermeintlichen Journalisten gesprochen, der von ihm etwas wollte. Und selbst jetzt scheint er vor Unbesonnenheiten aller Art nicht ganz gefeit. Das alles erklärt, warum ihm der Lapsus mit Irving unterlaufen ist. Entschuldigt es ihn auch?

          Holocaust-Leugner: David Irving

          Großes Skandalgeschrei

          Obwohl Rolf Hochhuth, der Autor des „Stellvertreter“, bisher von wirklich niemandem einer Nähe zu den Rechten verdächtigt werden konnte, war das Skandalgeschrei groß. Den Satz Paul Spiegels, wonach jeder, der Irving verteidige, sich dessen Positionen zu eigen mache und damit selbst ein Holocaust-Leugner sei, wird man unsachlich und völlig überzogen nennen dürfen. Doch als Hochhuth sich via Fernsehen entschuldigte und ihm seine Verzweiflung für alle sichtbar ins Gesicht geschrieben stand, wollte auch Paul Spiegel ein Gespräch mit ihm nicht mehr verweigern. Davor war er für Hochhuth, der sich ohne Fernsehen erklären wollte, tagelang nicht zu sprechen gewesen.

          Für die Deutsche Verlags-Anstalt kam die Entschuldigung zu spät. Sie hatte bereits auf die Veröffentlichung autobiographischer Schriften Hochhuths anläßlich seines fünfundsiebzigsten Geburtstages im kommenden Jahr verzichtet. Um sein Gesicht nicht zu verlieren (denn wie endgültig ein Gesichtsverlust sein kann, erlebt er ja gerade an Hochhuth), hat DVA-Chef Jürgen Horbach dieser Tage im „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ bekräftigt, daß es „keinen Rücktritt vom Rücktritt“ geben werde.

          „Hysterisch und ungeheuerlich“

          Und auch der Deutsche Taschenbuchverlag hat still und heimlich ein für den Geburtstag geplantes „Hochhuth-Lesebuch“, das von Gert Ueding herausgegeben werden sollte, aus dem Programm genommen. Ueding empfindet diesen Vorgang als „hysterisch und ungeheuerlich“. Die Begründung ist ähnlich wie bei der DVA.

          Der Vertrag sei noch gar nicht unterschrieben gewesen, es gebe jüdische Autoren in den Verlagen, auf die Rücksicht zu nehmen sei, überdies sei man gar nicht Hochhuths Hausverlag - dann wäre es natürlich etwas anderes. Und beide Verlage betonen, daß sie ihrerseits sehr gern den Mantel des Schweigens über diese geplatzten Verträge gebreitet hätten, allein Hochhuth gehe damit nach draußen.

          Er selbst leidet am meisten

          Ja, wie denn auch nicht! Hochhuth hat einen dummen Fehler begangen, unter dem er selbst am meisten leidet, den er glaubhaft bereut und für den er sich entschuldigt hat. Allein, Deutschland kennt keine Gnade, und es sieht nun so aus, als wäre Rolf Hochhuth samt seinem Lebenswerk unberührbar geworden.

          Zwar haben sich bisher keine „jüdischen Autoren“ entrüstet gezeigt - zu hoffen ist, daß sie sich eher wegen dieser unverlangten und entmündigenden Beschützergesten beschweren. Und der von der DVA selbst ins Feld geführte Hausautor Richard Evans, Chefgutachter gegen Irving im Londoner Prozeß, zeigte sich auf Anfrage dieser Zeitung verwundert: Ihm sei es neu, daß alle Autoren eines Verlags dieselben Meinungen teilen müßten. Hochhuth sei wahrlich nicht der erste, der von Irving hereingelegt worden sei. Er, Evans, habe natürlich gar nichts dagegen, im selben Verlag zu erscheinen, und bewundere im übrigen Hochhuths frühe Stücke.

          Ein hohes Gut

          Evans ist eben Brite, und dort ist die freie Meinungsäußerung ein hohes Gut. Doch Deutschland hat zu einem überlegten und gelassenen Umgang mit Fragen der Vergangenheitsbewältigung noch immer nicht gefunden - und gerade das macht das Land so verwundbar, wie die Neonazis am besten wissen. Über NPD-Verbot und die Einschränkung des Demonstrationsrechtes wird diskutiert, weil die nackte Angst herrscht vor den Rechtsextremen, die 2006 in den Bundestag einziehen wollen. Gleichzeitig wird, völlig unverhältnismäßig, ein Autor zerstört, ein leichtes Opfer für eine Moral, die ihre tabuisierende Macht gerade zu verlieren scheint, in Sachsen und anderswo.

          Daß Hochhuth mit seinen Stücken jahrzehntelang eine breitenwirksame Aufklärung über den Nationalsozialismus geleistet hat wie kaum einer sonst, scheint vergessen. Er hat sich mit Braunem bekleckert, und das kriegt er nun nicht mehr ab. Eine törichte Äußerung kann nicht ein Lebenswerk zunichte machten, schon gar nicht, wenn sie aufrichtig bedauert wird. Doch Dummheit steht jedem zu, genauso Nachsicht, sobald er die Dummheit bereut. Wenn nicht einmal das mehr gilt, muß man sich wirklich zu fürchten beginnen.

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