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Simenon-Staffel 4 : Der Mann aus London

Bild: Diogenes

Außer seinen 75 Maigret-Romanen hat Georges Simenon auch 140 andere geschrieben, in denen der Kommissar keine Rolle spielt. 50 von ihnen erscheinen nun in revidierter Übersetzung. Tilman Spreckelsen liest mit.

          Wer unverhofft zu sehr viel Geld kommt, dem geben Experten für derlei gern den Rat, er möge einfach ganz normal weitermachen wie bisher. Die Hauptfigur dieses Romans erhält den Rat nicht. So fängt das schon mal an, und etwas richtig Gutes entsteht daraus natürlich nicht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Geschrieben: Herbst 1933, in Dieppe.

          Die Handlung in einem Satz: Der Rangiermeister Maloin beobachtet, wie ein Mann ermordet wird und ein Koffer ins Hafenbecken fällt, worauf er sich des Inhalts bemächtigt und fortan zwischen Angst vor Entdeckung und Reichtumseuphorie lebt, bis er im Handgemenge den verzweifelten einstigen Kofferbesitzer tötet.

          Spielt in: Dieppe

          Momente des Glücks: Eine ausgedehnte Shoppingtour mit der unglücklichen Tochter in Vorgriff auf den Reichtum aus dem Koffer.

          Familienbande: Glückliche Familien sehen anders aus, und wo, wie hier, der Vater ohne Brüllen gar nicht auskommt, erstaunen die kalten Schultern der anderen nicht.

          Konsum geistiger Getränke: Calvados, Grog, Schnaps.

          Das große Belauern

          „Ist es nicht seltsam, dass man zweiundzwanzig Jahre mit einer Frau zusammenleben, mit ihr Kinder haben und sein Geld teilen kann und sich letzten Endes doch fremd bleibt“, fragt sich Maloin, der glückliche Finder. Klar ist das seltsam. Nur dass Maloin der Zipfel der Erkenntnis, den er da zu fassen bekommen hat, gleich wieder aus den Fingern rutscht, als er zu Denken fortfährt: „Aber daran war sie schuld. Sie, die kein Verständnis hatte und ständig herumquängelte.“ Und so weiter und so weiter. Denn wenn etwas jede Ebene dieses eiskalten Romans durchzieht, dann die Isolation jeder Figur von allen anderen. Also starrt man einander unverständig hinterher, man lauert auf Geräusche, sehnt sich nach Nähe und tötet einander im selben Atemzug. Maloin jedenfalls ist außerdem nach mehreren schlaflosen Tagen und Nächten so überreizt, dass er buchstäblich alles unternimmt, damit das ein Ende hat.

          Nachdem er sich für ein paar Jahre in die Gefängniszelle manövriert hat, am Ende des Romans, wird er mit dem Leser einen Gedanken teilen: Nun kann er endlich schlafen.

          Lieblingssatz: „Tatsächlich hatte seine Frau einen besonderen Riecher für alles, was irgendwie nicht stimmte, vorzugsweise für schmutzige oder beschämende oder auch nur peinliche Dinge.“

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