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Silke Fischer Zicküht, zicküht: „Jorinde und Joringel“

22.02.2006 ·  Das Märchen „Jorinde und Joringel“ erzählt von zwei Verliebten, die die Macht einer Erzzauberin durch ihre starke Liebe und Treue brechen und wieder zueinanderfinden.

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Das Märchen „Jorinde und Joringel“ ist die Nummer 69 in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und unterscheidet sich von den anderen Märchen durch seine besonders gefühlsbetonte individuelle Sprache.

Unübertreffliche Sätze wie: „Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter“ und herzergreifende Reime wie: „Mein Vöglein mit dem Ringlein rot/Singt Leide, Leide, Leide;/Es singt dem Täublein seinen Tod/Singt Leide, Lei - zucküht zicküht, zicküht“ lassen auf die sorgfältige Wahl von Ausdrücken und Symbolen schließen und sprechen für ein besonders hohes Maß an literarischer Überarbeitung durch einen konkreten Autor. Dem ist auch so. Die Brüder Grimm übernahmen das Märchen bereits 1812 fast wörtlich unverändert von dem deutschen Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller Johann Heinrich Jung in ihre erste Ausgabe.

Denkwürdige Situation

Das Märchen findet man in Jungs Autobiographie „Heinrich Stillings Jugend“. Johann Wolfgang von Goethe höchstpersönlich hatte Jung gebeten, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und veröffentlichte sie 1777. Seitdem wird der Autor Jung-Stilling genannt. In der Biographie kann man lesen, daß Stillings Vater und seine Frau Dorothea kurz nach der Geburt des Sohnes oft im Wald an den Ruinen des Geisenberger Schlosses spazierengingen, so wie auch Jorinde und Joringel in der Nähe des Schlosses der Erzzauberin. Dorothea fühlte sich krank und betrübt und starb, bevor der Sohn das zweite Lebensjahr vollendet hatte. Das Märchen selbst soll seine Tante Mariechen in einer denkwürdigen Situation erzählt haben, nämlich während sein Großvater Holz sammelte und eine Vision seines bevorstehenden Todes hatte. Es läßt sich nicht nachprüfen, ob Jung-Stilling das Märchen wirklich von seiner Tante gehört hat und inwieweit es mit dem tragischen Schicksal seiner Mutter verknüpft ist oder ob es sich um ein „Volksmärchen“ handelt.

Dies tut jedoch der Schönheit des Märchens „Jorinde und Joringel“ keinen Abbruch. Es erzählt von zwei Verliebten, die die Macht einer Erzzauberin durch ihre starke Liebe und Treue brechen und wieder zueinanderfinden: „Und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.“

Silke Fischer ist Direktorin des Deutschen Zentrums für Märchenkultur in Berlin. Die Märchen und Sagen der Brüder Grimm gibt es in einer kommentierten zweibändigen Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag für 144,- Euro.

Quelle: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 37
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