Home
http://www.faz.net/-gr0-p9fh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Siegfried Unseld Heller Weitblick, manchmal Wehmut, niemals Düsternis

28.09.2004 ·  Die schönen Augen des Zuhörers: Eine Rede des Schriftstellers Ralf Rothmann auf seinen Verleger Siegfried Unseld, der an diesem Dienstag achtzig Jahre alt geworden wäre.

Von Ralf Rothmann
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wie nah er mir war, was alles er für mich getan hat - es wäre leicht, das hier zu verkünden, jetzt, wo er mich nicht mehr mit seinen messerscharfen Seitenblicken bedenken kann. Fast jeder, der ihm heute die Ehre erweist, wird auch seine Schwierigkeiten mit ihm gehabt haben (wer keine Schwierigkeiten mit ihm hatte, kann ihm unmöglich nah gewesen sein), und er selbst, der nicht unempfänglich war für ein Lob, das sich auf seine schriftstellerischen oder verlegerischen Arbeiten bezog, fand nichts widerlicher als Lobhudelei.

"Wir beide wissen, was wir voneinander zu halten haben", war ein Satz, den er mir vor über zehn Jahren - nach einem Tag der Enttäuschungen - mit auf den Weg gab, und ich grübelte lange darüber nach, ob das nun versöhnlich oder gewissermaßen abschließend, unser Verhältnis beendend, gemeint war. Er wußte, daß seine Autoren notwendig kindlich waren, vom Kindischen ganz zu schweigen, und bot ihnen an, ein Vater zu sein. Doch durfte man das nicht überstrapazieren.

Nur Schwächlinge atmen

Als ich einmal einen Preis hier in Frankfurt bekommen sollte, hörte ich kurz vorher, daß mein Verleger keine Zeit habe, der Verleihung beizuwohnen. Ich war albern gekränkt und wollte keine Entschuldigung - auch nicht die, daß es sich um seinen dritten Hochzeitstag handelte - gelten lassen. Ich schrieb einen bitteren Brief, und also erschien er doch in dem übervollen Festzelt, trank, unterhielt sich, hörte den Reden zu, und während ihm der Schweiß aus den Augenbrauen tropfte, sagte mir sein Seitenblick: Das kriegst du wieder!

Kurz darauf kam er nach Berlin und lud mich ins Theater ein. Er hatte schon eine Probe des Stückes gesehen und führte mich an einen guten Platz im Parkett, dritte Reihe. Die meisten Schauspieler waren in Teerpappe gekleidet, und irgendwann beschloß der Regisseur, noch origineller zu sein, und ließ feinen, mit Kieselsteinen durchsetzten Sand vom Schnürboden kippen, ewige fünf Minuten lang. Und während der Staub uns einnebelte und ich langsam, aber sicher keine Luft mehr bekam und immer panischer wurde, saß mein Verleger da wie in Zement gegossen, und das rasche Blitzen aus seinen Augenwinkeln heraus sagte mir: Na was? Nur Schwächlinge müssen atmen.

Nie in böswilliger Absicht

Aber die Schwierigkeiten, die er mir gelegentlich machte (oft nur Lappalien; Buchumschläge, Klappentexte), geschahen niemals in böswilliger Absicht. Er war kein Zerstörer, er war ein Gestalter - auch und gerade dann, wenn es um das Potential seiner Autoren ging, und seine Anregungen, besonders die ganz beiläufig geäußerten, konnten sich zu Trilogien auswachsen. Er seinerseits vermittelte fast immer den Eindruck, mit nichts und niemandem Schwierigkeiten zu haben.

Manchmal kam er mir vor wie ein Mensch, der musikalisch ist, ohne es zu wissen. Er lebte für den Verlag, selbstverständlich, sah aber auch, daß der nur ein Mittel war, ein Instrument dessen, das im Schweigen am deutlichsten anklingt. Und darum hatten die Gedanken dieses schweren Mannes und soliden Charakters oft etwas im besten Verständnis Leichtsinniges. Heller Weitblick, manchmal Wehmut, niemals Düsternis.

Eine Suhrkamp-Buchhandlung

- Einmal schien es so, die Buchpreisbindung würde nun endgültig aufgehoben - eine Horrorvorstellung für jeden, der nicht gerade Bestseller schreibt. Doch er saß ganz vergnügt vor seinem Wein, und als ich fragte: "Ja Mensch, deprimiert dich die Aussicht nicht?" lachte er nur und sagte: "Aber nein, es macht doch Spaß, neue Wege zu suchen. Zum Beispiel könnten wir in jeder Stadt eine Buchhandlung eröffnen, die dann nur Suhrkamp-Titel verkauft, und zwar zu unseren Bedingungen!"

Lieber Siegfried. Daß einem das Künftige hilft, war stets Deine Überzeugung, und daß man aus allen Erfahrungen, auch den schlimmsten, etwas Gutes machen kann, hast Du vorgelebt. Ich weiß nicht, wie ich Dir danken soll. Ich will es auch gar nicht versuchen. Angesichts dessen, was Du für uns getan hast, hat Dank etwas Sentimentales.

In einem Buch von Peter Handke wird der Erzähler von seinem Verleger besucht, einem Mann, dem zuliebe er extra die Manuskriptseiten mit den wohlklingenden Städtenamen ausgewählt hatte. Der Verleger bekam beim Lesen schöne Augen, lesen wir, und verabschiedete sich mit dem Satz: "Wir beide wissen, was wir voneinander zu halten haben."

Ralf Rothmann, geboren 1953, veröffentlichte zuletzt den Roman "Junges Licht". Er hielt die hier abgedruckte Rede gestern abend zur Eröffnung der Ausstellung "Siegfried Unseld - Der Verleger", die bis zum 19. Dezember im Frankfurter Holzhausenschlößchen gezeigt wird. Am heutigen Dienstag wird zudem erstmals der "Siegfried-Unseld-Preis für Literatur und Wissenschaft" verliehen. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung geht an Peter Handke.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel