04.08.2008 · Der „Solschenizyn-Schock“ war das letzte Erdbeben, das durch ein Buch verursacht wurde. Sein Autor lieferte das Bildungserlebnis einer Generation. Nun sterben die aus, die noch wissen, was Kommunismus und Unfreiheit bedeuteten. Frank Schirrmacher zum Tode Alexander Solschenizyns.
Von Frank SchirrmacherDer „Solschenizyn-Schock“ war das letzte Erdbeben, das durch ein Buch verursacht wurde. Über Monate richtete der KGB fast seine gesamte Überwachungsenergie nur auf eine einzige Frage, gerade so als ginge es darum, einem Atomwaffenangriff zuvorzukommen: Hat dieses Manuskript das Land bereits verlassen? Der Papierstapel, das wusste der KGB, der ein Exemplar in die Hände bekam, war gewaltig, umfasste viele Tausende Seiten, und die mussten in den Westen geschmuggelt werden.
Als der „Archipel Gulag“ 1974 schließlich in Paris erschien, veränderte sich die Tektonik der intellektuellen Welt. Wie benommen von der Wucht des Materials schrieb Heinrich Böll in dieser Zeitung: „Ja, ja und nochmals ja“. Wutentbrannt liefen die westlichen Verteidiger des Kommunismus zwischen den Trümmern eines zusammengestürzten Weltbildes umher. Solschenizyn hatte nicht nur die Kerker, die Folterzellen und die Arbeitslager gezeigt. Er hatte behauptet, dass die Baupläne des Systems selbst auf schreckliche Weise missraten seien und immer nur wieder zu Gefängnis und Stacheldraht führen könnten: Der stalinistische Terror sei kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern Wesensmerkmal der marxistischen Ideologie.
Keine Illusionen mehr
Was dann geschah, ist ein Kapitel westlicher Mentalitätsgeschichte geworden. Während in Frankreich die jungen „Meisterdenker“ um André Glucksman und Bernard-Henri Lévy den „Archipel Gulag“ zum Gründungsdokument einer antimarxistischen Geschichtsphilosophie machten, blieb der „Solschenizyn-Schock“ in Deutschland zunächst aus. Und doch konnten 1989, auch dank den nachwachsenden Generationen, ernstzunehmende Menschen keine Illusionen mehr über den Unrechts- und Repressionsapparat der kommunistischen Systeme haben.
Solschenizyn ist tot, und die Nachrufe werden ihn als den Sieger der Geschichte sehen. Aber wie sieht ein Sieger der Geschichte aus, der nach seinem Sieg noch weiterlebt, während auch die Geschichte weitergeht? Er wurde wunderlich, seine Thesen der späten neunziger Jahre skurril. Aber das war womöglich der Preis, den er für die Mission und alle von ihr entfesselten Stilitisierungszwänge zu zahlen hatte. Er hat seine Literatur vor dem Ende der Sowjetunion als Gegen-Historie oder Parallel-Geschichte verstanden. „Ein großer Schriftsteller“, so hat er einmal geschrieben, „ist wie eine zweite Regierung.“
Wenn die Geschichte weitergeht
Er hat Recht bekommen. Am Tag seines Todes ist in Deutschland, aus welchen Gründen auch immer, der „Archipel Gulag“ nicht lieferbar. Das ist kein kulturpessimistisches Symbol, sondern ein Zeichen dafür, was es heißt, wenn nach dem Sieg über die Geschichte die Geschichte weitergeht.
Was Freiheit, was Unfreiheit ist, markierte in der unüberschreitbaren künstlerischen Form Alexander Solschenizyn: Er war das Bildungserlebnis einer Generation. Diese Generation, die 1974 vielleicht noch auf den Schulen gewesen ist, hat mit Solschenizyn im Kern das negativ erlebt, was die Bildungsbürger des neunzehnten Jahrhundert im positiven Sinn mit der Italiensehnsucht Winckelmanns und Burckhardts erlebt hatten: In das sowjetische Arkadien will man nicht hin, da will man niemals leben. Doch der real existierende Kommunismus ist ein existiert-habender und steht da wie die musealen Überreste der Berliner Mauer im Deutschen Historischen Museum.
„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit“, so lautet der berühmte Satz Max Plancks, „pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“ Wir erleben nun, wie in der Gesellschaft das Gegenteil geschieht - und alle Zeichen, von der Verharmlosung der DDR-Vergangenheit bis zur Hinnahme chinesischer Zensur, sprechen dafür, dass der Prozess des Verschwindens bereits im vollen Gange ist. Es sterben die aus, die noch wissen, was Kommunismus und Unfreiheit bedeuteten.
Solschenizyn-Erfahrung
Zu den gängigen Politikvokabeln gehört, dass die Bürger der neuen Bundesländer eine Geschichte haben, die die Westbürger ihnen nicht rauben sollten. Auch wenn es schmerzhaft ist zu sehen, dass damit selten die Leidensgeschichte gemeint ist, wird man dieser Haltung den Respekt nicht verweigern können. Aber vielleicht wäre der Todestag Solschenizyns eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass auch die Bewohner des Westens eine Geschichte haben, die sich zu verteidigen und zu respektieren lohnt - eine Geschichte, die längst nur noch Generationen-, nicht mehr gesellschaftliche Erfahrung ist. Sie ist vor allem Lektüreerfahrung, Solschenizyn-Erfahrung. Einen womöglich völlig unterschätzen Einschnitt in der politischen Selbstwahrnehmung Deutschlands bedeutet das unweigerliche und allmähliche Verschwinden der Geburtsjahrgänge, die durch die Aufklärung des Solschenizyn-Schocks gegangen sind. Danach, so kann man prognostizieren, beginnt das Spiel von neuem.
Das Wissen über das Wesen des Kommunismus ist nicht davon abhängig, dass man unter ihm gelebt oder gelitten hat. Es gibt keine Exklusivität der Aufklärung. Dafür hat Solschenizyn wie kein zweiter gesorgt.