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Veröffentlicht: 04.05.2015, 15:16 Uhr

Selbstverleger Ich bin dann mal Autor

Gegen Selbstverleger gibt es viele Vorurteile. Doch eins muss man der neuen Generation meist junger Autoren lassen: Sie weiß, was sie will und lässt sich in ihre Texte so wenig hineinreden wie in die Verkaufskonditionen.

von Dana Buchzik
© Amazon/Screenshot Im Handumdrehen ein Millionenpublikum: Amazons Werbung für die Plattform „Kindle direct publishing“ täuscht.

Selbstverleger: ein Reizwort. Im Klischeebilderbuch würde ein Selbstverleger wahrscheinlich als Hausfrau um die fünfzig gezeichnet, die in ihrer Freizeit zahllose, ihrer Jugendfreundin Gerti gewidmete Gedichte verfasst, oder als Frührentner, der seine wilden Verschwörungstheorien schon bei jedem, wirklich jedem deutschsprachigen Verlag eingereicht hat, versehen mit dem Hinweis, es handele sich um nichts weniger als einen Megaseller; Mutter und Stammtischkumpel hätten die weltumspannende Brisanz bereits erkannt und bestätigt. Nachdem auch der letzte deutschsprachige Verlag ein standardisiertes Absageschreiben verschickt hat, beschließt der zornrote Autor, seine Meisterwerke fortan im Selbstverlag zu veröffentlichen. Selbstverlegern, so will es das jahrzehntelang gereifte und kultivierte Vorurteil, fehlt es an Talent, an Ideen und nicht selten auch an geistiger Gesundheit; die Aufmerksamkeit etablierter Lektoren und Verlage sind sie nicht wert.

Dann betritt Amazon die Bühne. Der Online-Versandhändler revolutioniert nicht nur die Verkaufsmargen von Büchern und lässt buchhändlerische Beratung auf ein markantes „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“ zusammenschnurren, sondern schwingt sich im Jahr 2007 auch zum Verleger auf: Mit der Kindle-Direct-Publishing-Plattform KDP scheint über die vormals elitäre, von traditionellen Verlagen hermetisch gegen Eindringlinge abgeschirmte Welt der Literatur plötzlich Chancengleichheit hereinzubrechen: Jeder kann schnell und mühelos zum Autor werden, so das durch und durch amerikanische Versprechen, das binnen kürzester Zeit Tausende in seinen Bann zieht.

Sprung aus der Schublade

Unter ihnen befindet sich eine junge Promovendin, die 2012, kurz vor der Frankfurter Buchmesse, eher zufällig eine Fernsehreportage zum Thema Selfpublishing anschaut und beschließt: Wenn der Traum vom Schriftstellerdasein, den sie im Stillen schon seit Schultagen hegt, mittlerweile so leicht erfüllbar ist, will sie ihr Glück versuchen. Um ihre Identität als Literaturwissenschaftlerin und Historikerin von der Identität als Autorin zu trennen, wählt die Autorin ein Pseudonym, Poppy J. Anderson, unter dessen Schutz sie ihren ersten, 460 Seiten starken Roman bei Amazon hochlädt; das Cover besteht aus einem im Garten der Eltern geschossenen und von einem Bekannten bearbeiteten Foto, der Text wurde von Freunden gegengelesen, und von Buchmarketing weiß sie zu diesem Zeitpunkt nichts. Sie hat keine Facebook-Seite, kennt keine anderen Self-Publisher, ist nicht vernetzt. Der Roman verkauft sich 60 000 Mal. Anderson schreibt weiter, stöbert aber auch in ihrer gut gefüllten Manuskriptschublade, so dass von Ende 2012 bis heute 20 E-Books von ihr bei Amazon erscheinen. Im März 2015 knackt sie als erste deutsche Selfpublisherin die Eine-Million-Verkaufsmarke. Nachdem ihr jahrelang, auch seitens des Literaturbetriebs, Spott und Ablehnung entgegengeschlagen waren - Liebesromane über amerikanische Footballspieler würden niemanden interessieren, hieß es -, sind ihre Umsätze heute siebenstellig; seit Herbst 2014 ist sie zudem Autorin bei Rowohlt.

Poppy J. Anderson © dpa Vergrößern Dutzendweise E-Books in der Schublade: Poppy J. Anderson

Clara Hitzel, Kolumnistin beim Magazin „Intro“, Texterin und Twitterikone mit knapp 24.000 Followern, war mit ihrem ersten Roman „Dackelkrieg - Rouladen und Rap“ bei einer renommierten Literaturagentur unter Vertrag, stellte jedoch fest, dass die Erwartungen der interessierten Verlage nichts mit der Geschichte zu tun hatten, die sie erzählen wollte: „Man versuchte, mich in die Schublade ,Mädchen vom Land‘ und ,witzige, aber cute Mittzwanzigerin‘ zu drängen, um sich dem Massenmarkt anzubiedern. Für mich war das, gerade da mein Roman stark autobiographische Züge aufweist, nicht hinzunehmen.“ Die damals 27 Jahre alte Autorin kündigte ihren Vertrag und debütierte qua E-Book bei Amazon.

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