Home
http://www.faz.net/-gr0-qv3a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Selbstmordattentäterinnen Wegen Wahrheit verboten

 ·  Bei ihren Himmelfahrtskommandos opfern tschetschenische Terroristen auffällig viele Frauen. Eine russische Journalistin hat nun ein Buch über die „Bräute Allahs“ geschrieben. In Rußland darf es nicht erscheinen.

Artikel Lesermeinungen (2)

Globalisierung und technischer Fortschritt machen aus der Weltwirtschaft einen Drachen, der nicht nur Kapital und Rohstoffe verschlingt, sondern sehr gern auch Menschen. Das Ungetüm verspeist sie an geschützteren Orten eher metaphorisch, indem es ihre beruflichen Lebensgrundlagen abschafft, an anderen höchst buchstäblich. Beispielsweise in der tschetschenischen Schicksalsrepublik des Investitionsmagneten Rußland, wo die Terrorismus-Branche floriert. Bei ihren Himmelfahrtskommandos opfern die Tschetschenen auffällig viele Frauen.

Ein Jahr nach der Geiselnahme in der Schule von Beslan ist die Debatte über die Selbstmordattentäterinnen in vollem Gange. Die Tschetschenen nutzen bei deren Rekrutierung und Einsatz alle physischen und emotionalen weiblichen Schwächen, welche in der faktisch rechtlosen Stellung der Frau in den kaukasischen Gesellschaften eine erbarmungslose Entsprechung haben, befindet die Moskauer Journalistin Julia Jusik. Frau Jusik, selbst eine junge Mutter, zeichnete die Lebenswege von zwei Dutzend „Schwarzen Witwen“ auf, die dem Alter nach ihre Schwestern hätten sein können und die gleiche Staatsangehörigkeit hatten wie die Autorin. Versammelt sind sie in dem Buch „Die Bräute Allahs“, das, in Rußland unterdrückt, in diesem Jahr im österreichischen NP Verlag auf deutsch herauskam.

Etwas für dumme Frauen

Unter den islamischen Kriegern des Bergvolkes scheint der religiöse Fanatismus eher schwach entwickelt zu sein. Julia Jusik zitiert einen tschetschenischen Rebellen, den sie fragte, ob er sich für seinen Glauben töten könnte. Als Antwort habe der gelacht und gesagt: „Selbstmord ist etwas für dumme Frauen.“ Frau Jusik erzählt nur von einer freiwilligen Rächerin, einer Witwe, die sich und den Meuchler ihres Mannes in die Luft sprengte. Normalerweise werden die Kamikaze-Kandidatinnen eingefangen wie Beutewild und dann abgerichtet.

Wenn eine mittellose junge Frau keinen Vater hat, wenn sie chronisch krank oder kinderlos ist, macht die Klangesellschaft ihren Abschuß leicht. Zuerst wird sie von einem Mitglied der wahhabitischen Gemeinschaft Dschamaat geheiratet und so aufgewertet. Doch dann „schenkt“ der Gatte sie einem Dschamaat-Bruder nach dem anderen für eine Nacht. Die Frau, als Familiengut disponibel, wird so zerrüttet, dabei zugleich durch Drogen gefügig gemacht und religiös indoktriniert. Am Ende steht immer ein „Antikriegseinsatz“ mit dem Sprengstoffgürtel, aus Treue zum Klan. Davor zeichnet man per Video auf, wie sie Allah preist. Und weil man sich auf Willenlose nicht verlassen kann, helfen ihr im entscheidenden Moment die männlichen Verwandten mit der Fernzündung.

Die verkauften Töchter

Mit leidenschaftlicher Anteilnahme setzt Julia Jusik den verheizten Tschetscheninnen ihr journalistisch dokumentarisches Denkmal. Beispielsweise den Schwestern Chadtschat und Fatima, die ihr wahhabitisch rechtschaffener, aber mittelloser Vater von zehn Kindern den Organisatoren der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater 2002 buchstäblich verkaufte - für ein paar zehntausend Dollar. Der Vater einer anderen „Gotteskriegerin“ im selben Terrorkommando hatte seine flüchtigen Verbindungen zu den islamistischen Zellen kappen wollen. Doch als tschetschenische Kommandeure, die das russische Innenministerium protegierte, ihn mit früheren finanziellen Gefälligkeiten erpreßten, gab er seine Tochter preis. Bevor sie abgeholt wurde, weinte das Mädchen drei Tage lang.

Das Schicksal der „Bräute Allahs“ scheint tatsächlich eine radikale Form klösterlicher Weltentsagung zu enthalten. Eine von ihnen überlebte ihren Einsatz auf einem tschetschenischen Polizeirevier. Die siebzehn Jahre alte Sarema hatte ihre Sprengstofftasche rechtzeitig abgestellt, bevor draußen der Fernzünder bedient wurde. Doch ohne Klanprotektion ist sie niemand, sie wird Prostituierte. Höhepunkte ihres Lebens sind Auftritte fürs Fernsehen, für die sie sich zurechtmacht und vor der Kamera erzählt, Wahhabiten hätten sie gekidnappt und mit Drogen vollgepumpt. Tatsächlich wurde die Leichtgläubige verführt und vergewaltigt, weiß Julia Jusik, zu der Sarema Vertrauen gefaßt hat. Bei der Journalistin weint sie sich aus. Für Jusik ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie als Massenselbstmörderin endet.

Sie bleiben anonym

Das Buch der Journalistin wurde mit dem Argument verboten, es „propagiere den Terrorismus“. Allahs Krieger haben dennoch ihre Lektion daraus gelernt. Die Schwarzen Witwen des Geisel-Massakers von Beslan blieben anonym. Ihre Lebensgeschichte inklusive Hinweisen auf Organisatoren und Helfershelfer ist nicht rekonstruierbar. Die zunächst offiziell genannten Namen der Terror-Bräute gehörten Frauen, die sich als gesund und munter erwiesen.

Den Drahtziehern der Selbstmord-Anschläge wurde nach der Publikation ihres Buches kein Haar gekrümmt, stellt Frau Jusik verzweifelt fest. Sie selbst dagegen ist von russischen Beamten des Staatssicherheitsdienstes FSB schon einmal festgesetzt worden: vor zwei Jahren in Tschetschenien. Die Männer durchsuchten die Aufzeichnungen der Reporterin und tadelten ihre „Schnüffelei“. Inhaltlich sei alles korrekt, bestätigten die Terrorwächter, wenngleich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtbild. Da habe sie die Geheimdienstler angefahren, warum sie dann niemanden festnähmen, sagt Julia Jusik. Und kam sich im gleichen Augenblick vor wie ein dummes Mädchen. Die Antwort des Sicherheitsagenten war denn auch mehr als deutlich: „Ein solcher Befehl wurde uns nicht erteilt.“

Quelle: F.A.Z., 07.09.2005, Nr. 208 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

Jüngste Beiträge