13.01.2006 · Die Zeiten von Frisch oder Dürrenmatt sind lange vorbei: Die deutschsprachige Literatur der Schweiz kann international nicht mehr mithalten. Junge Autoren werden nicht selten zu Tode gelobt.
Von Pia Reinacher, ZürichAls im letzten Herbst zum ersten Mal der Deutsche Buchpreis vergeben wurde, erhob sich in den helvetischen Medien ein verdrießliches Raunen. Ausgerechnet in einem literarischen Turnier, das erstmals im ganzen deutschsprachigen Raum den besten Roman küren sollte, um ihm über die Landesgrenzen hinaus Erfolg und Aufmerksamkeit zu verschaffen, fehlten die Schweizer.
Kein Schriftsteller aus dem südlichen Nachbarland hatte auch nur den Sprung unter die zwanzig nominierten Bücher der Longlist geschafft. Ein trostloses Signal, das man pikiert zur Kenntnis nahm: Die deutschsprachige Literatur der Schweiz kann international nicht mehr mithalten.
Versunkene Vorbilder
Das war nicht immer so. Aber die Zeiten, als Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt internationalen Ruhm ernteten, sind längst vorbei. Bis in die neunziger Jahre wurde die deutschschweizerische Szene noch von Autoren wie Adolf Muschg, Jörg Steiner, Peter Bichsel, Hermann Burger, Paul Nizon, Gerold Späth, Gerhard Meier, Adelheid Duvanel, Urs Widmer, Erika Burkart, Hans Bösch oder Helen Meier belebt. Diese wiederum zogen Jüngere nach wie Peter Weber, Peter Stamm, Aglaja Veteranyi oder Ruth Schweikert. Zwar erreichte keiner dieser Autoren bislang das Format der versunkenen Vorbilder. Aber gemeinsam formierten sie eine pulsierende Szene, die Experimente riskierte, politische Debatten vom Zaune riß und ihren Texten Resonanz verschaffte.
Allerdings hatte diese Szene schon immer einen Hang zur Abschottung. Nur allzugerne richtete man sich im überschaubaren Rahmen gemütlich ein und klopfte sich gegenseitig auf die Schultern. Eine subtile Maulkorbmentalität herrschte nicht nur unter den Schriftstellern, sondern neutralisierte auch die Kritikerszene. Freundliche Besprechungen sind in der Schweiz die Norm. Ein Verriß gilt nicht etwa als Ausweis engagierten Respekts, sondern fast als Gotteslästerung und wird entsprechend geahndet. Viel lieber schmort man im eigenen Saft, als sich in einem kritischen Wettbewerb zu messen.
Nur noch Muschg oder Widmer
Bei diesen Selbsttäuschungsmanövern ist es denn auch kein Wunder, daß es heute nur noch wenige Schweizer Autoren gibt, deren Ruf über Lörrach hinauseilt und nicht bereits in Freiburg erloschen wäre. Wer in Deutschland nach bekannten Autorennamen fragt, bekommt höchstens noch Namen wie Urs Widmer, Adolf Muschg, Peter Stamm oder Martin Suter zur Antwort, vielleicht noch Markus Werner und Thomas Hürlimann.
Das trifft sich schlecht. Denn will man helvetische Bücher künftig nicht wie Emmentaler Käse subventionieren, ist internationale Beachtung unabdingbar. Die ökonomischen Bedingungen des Literaturbetriebs haben sich in den letzten zehn Jahren radikal verändert. Reichte es früher noch aus, wenn ein Verlag zwei- bis dreitausend Exemplare eines Buches im eigenen Land absetzen konnte, rechnet sich heute der kleine Binnenmarkt nicht mehr. Gelingt es einem Autor nicht, die Grenze zu überspringen und ebenfalls in Deutschland oder Österreich Beachtung zu finden, ist er schnell abgemeldet.
Rasche Schuldzuweisungen
Aber anstatt sich der Malaise zu stellen, fahndet man nach mißgünstigen Juroren und mangelndem deutschem Wohlwollen. Nach dem schlechten Abschneiden beim Deutschen Buchpreis gab es rasche Schuldzuweisungen, die unangenehme Wahrheit jedoch wurde weiterhin tabuisiert: Dieses Land hat ein literarisches Nachwuchsproblem. Die erfolgreichen Schriftsteller der älteren Generation sind inzwischen um die Siebzig. Die sogenannten „Nachwuchstalente“ haben bereits die Mitte des Lebens erreicht.
Die junge literarische Basis aber ist weggebrochen. Ganz im Gegensatz zu Österreich und Deutschland, die beide über eine vitale junge Szene verfügen, fehlt es hierzulande an frechen, risikoreichen, phantasievollen Experimenten und poetischen Visionen. Es mangelt vor allem auch am Stoff, der die jungen Schriftsteller existentiell umtreiben würde. Es ist kein Zufall, daß Emigranten wie Agota Kristof oder Aglaja Veteranyi die bedrängendsten „Schweizer Bücher“ vorgelegt haben.
Kein vibrierendes Zentrum
In Deutschland lebte der Mythos Berlin neu auf, die politischen Verwerfungen lösten literarische Impulse aus. Österreich hat eine reiche literarische und sprachexperimentelle Tradition, an der sich noch immer Talente entzünden, wie das Beispiel Franzobels zeigt. In der Schweiz aber existiert kein vibrierendes Zentrum. Die Trägheit der politischen Prozesse, die Ereignislosigkeit des saturierten Alltags, die Absenz einer Debattenkultur und das Fehlen einer bedeutenden Gruppe streitbarer Intellektueller von Format scheinen auch die Literatur zu infizieren. Dispute werden hierzulande, wo jeder jeden kennt, entweder sofort unterdrückt oder vertraulich in Hinterzimmern durch eine föderalistische Lösung entschärft.
Ein Blick auf die Fakten zeigt, wohin das führt. Die Schweiz hat in den letzten zehn Jahren bei den meisten internationalen Wettbewerben schlecht abgeschnitten. Bei den Klagenfurter „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ errangen letztmals Zoe Jenny (1997), Christian Uetz (1999) und Raphael Urweider (2002) das 3sat-Stipendium. Eine klägliche Ausbeute, verglichen mit früheren Jahren, in denen Urs Jaeggi, Jürg Amann, Erica Pedretti oder Hermann Burger den Ingeborg-Bachmann-Preis gewannen und Autoren wie Gertrud Leutenegger, Helen Meier und Walter Vogt weitere Stipendien und Preise heimbrachten.
Zu Tode gefördert
Die Schweiz spielt bei den deutschsprachigen Nachwuchswettbewerben kaum mehr eine Rolle. Den „aspekte-Preis“, die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Debüts, hat in den letzten zehn Jahren nur eine Schweizerin gewonnen, nämlich Zoe Jenny. Nicht besser steht es beim „Open Mike“ in Berlin und in Rauris. In Berlin konnte sich einzig Michael Stauffer durchsetzen (1999), den „Rauriser Literaturpreis“ gewannen Peter Stamm (1999) und Katharina Faber (2003).
Diese Krise hat nichts mit dem Wohlwollen oder Mißtrauen der Juroren zu tun, wohl aber führt die Addition mehrerer Übel zum Debakel. Das Zutodefördern aufkeimender Begabungen ist eines davon. In den letzten fünfundzwanzig Jahren wurde die Literaturförderung entscheidend ausgebaut. Ausgerechnet in Zeiten, in denen Kulturinstitutionen wie „Pro Helvetia“, aber auch Städte, Kantone, Gemeinden und Stiftungen das literarische Schaffen finanziell unterstützen wie nie zuvor, rutscht eine ganze Schriftstellergeneration ab.
Lauter Unbekannte
Das wirft Fragen nach dem Erfolg dieser Förderung auf, die aber nie gestellt werden. Geld hat offenbar nicht zwingend mit guter Literatur zu tun. „Pro Helvetia“ zum Beispiel kann Werkbeiträge bis zu 45.000 Franken pro Autor vergeben. Wer die Förderungsliste der Stiftung seit 1946 konsultiert, ist verblüfft über die immense Reihe von subventionierten Autoren, die nie auch nur in die nationale, geschweige denn in die internationale Liga vorstießen: lauter Unbekannte. Mit Risikobereitschaft allein läßt sich dies nicht mehr rechtfertigen, eine kritische Erfolgskontrolle ist zwingend nötig.
Auch die Veränderungen, denen die Medien in den letzten Jahren ausgesetzt waren, sind nicht ohne Folgen für die Schriftsteller geblieben. Die Fokussierung auf immer neue literarische Events hat destruktive Züge angenommen. Junge Autoren werden nicht selten zu Tode gelobt. Kaum zeigt sich am Horizont ein Fräulein- oder Herrleinwunder, wird es sofort vereinnahmt, aufgeblasen und distanzlos gefeiert. Dieser Prozeß multipliziert sich durch die Mediendichte, die in der Schweiz fast um ein Drittel größer ist als in Deutschland und Österreich.
Das Fehlen der Patriarchen
Die artifiziell erzeugten Jungidole aber sind vor lauter Erwartungsdruck schon bald gelähmt, driften in die Belanglosigkeit ab oder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. So geschehen mit dem begabten Beat Sterchi, so geschehen aber auch mit Autoren wie Zoe Jenny, Peter Weber, Silvio Huonder oder Ruth Schweikert. Dabei ist nur allzuverständlich, daß viele Autoren dem plötzlichen Scheinwerferlicht nicht gewachsen sind und nicht mehr nüchtern zwischen dem eigenen Potential und der Medienrealität differenzieren können. Früher hätten wohl patriarchale Verlegerfiguren ihre jungen Autoren vor solch medialer Willkür geschützt und zum Entzug geraten. Sie sind nicht mehr da. Mehr noch: Die Verlage meinen selber, auf diesen Glamour angewiesen zu sein.
Dieser künstlichen Vergrößerung steht andererseits ein Schrumpfungsprozeß gegenüber. An den Schweizer Feuilletons lassen sich die Krise der Printmedien seit 2001 und ihre Auswirkungen auf die Literatur geradezu modellhaft studieren. In den einflußreichen Leitmedien finden sich kaum noch Instanzen, welche die Schweizer Literatur kontinuierlich beobachten, begleiten und fördern. Eine Persönlichkeit vom Format eines Werner Weber, der in der „NZZ“ die Generation der heute siebzigjährigen Schriftsteller konstant aufbaute, druckte und im ständigen Gespräch mit ihnen war, existiert nicht mehr.
Weniger Kulturseiten
Dazu kommt, daß „NZZ“, „Tagesanzeiger“, „Basler Zeitung“ und „Bund“, welche traditionellerweise die wichtigsten Foren für Literaturkritik in der Schweiz waren, ihre Feuilleton- und Buchseiten zum Teil massiv gekürzt haben. Der „Tagesanzeiger“ etwa hat seine literarische Berichterstattung und das Terrain für Schweizer Autoren einschneidend reduziert und die Beilage zur Frankfurter Buchmesse abgeschafft. Schriftsteller, die früher ein Dutzend Besprechungen in der Schweizer Presse erwarten konnten, sehen heute vielleicht noch zwei, drei.
Der Sinkflug der Schweizer Literatur wird ohne eine offene Diskussion der Verhältnisse weiterhin anhalten. Der Anstoß zur Veränderung muß von Schriftstellern, Kritikern, Kulturförderern und Zeitungsmachern ausgehen. Es waren Schriftsteller wie Frisch und Dürrenmatt, die lange vor der rasenden Bilderzerstörung und dem Zusammenbruch sorgfältig gepflegter nationaler Mythen in den neunziger Jahren die konstruierten Selbstbilder in Frage stellten. Sie haben die Debatte zur schweizerischen Identität und zu einer neuen Position innerhalb von Europa ungerührt vorweggenommen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Bewußtseinsbildung des Landes geleistet. All das fehlt heute.
Sinkflug der Schweizer Literatur
wilhelm rose (wilhelm.rose1)
- 13.01.2006, 19:40 Uhr
Schweizer Sprache = Schweizer Literatur
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 13.01.2006, 23:37 Uhr
Schweizer Literatur
Izabela Taraszczuk (izabela.taraszczuk)
- 14.01.2006, 19:57 Uhr